Agaven: Exotik pur auf der Insel

Klaus-Dieter Knecht ist wohl deutschlandweit der Agavenzüchter mit den meisten Arten. Fotos (13): wsw

Werder (Havel), 26. Juli 2017 – Der frühere Fleischermeister Klaus-Dieter Knecht züchtet seit über 50 Jahren Agaven. Mit 120 verschiedenen Arten von weltweit über 300 ist er wohl der größte private Züchter dieser exotischen Pflanzen in Deutschland. Er besitzt rund 250 Agaven. Die Agaven gehören zur Familie der Spargelgewächse und werden oft als Jahrhundertpflanze bezeichnet, da bis zur Blüte mehrere Jahrzehnte vergehen können, sie nur einmal blühen  und dann absterben. Eine kleine Sensation: demnächst blüht bei Klaus-Dieter Knecht eine Agave filifera.

Bis zu zweieinhalb Meter oder noch höher kann der Blütenstand der Agave filifera in freier Natur in ihren natürlichen Verbreitungsgebieten werden, bei Klaus-Dieter Knecht auf der Inselstadt stupst der ährenartige Blütenstand aber auch demnächst wieder an das schützende Dach. Zwei Meter hat die filifera geschafft, Klaus-Dieter Knecht hat das eigens gebaute Vordach bereits erhöht. „Ich schätze mal, sie blüht in 14 Tagen“, sagt Knecht. „Dann dauert es drei bis vier Wochen, bis alle Blüten raus sind“. Mit dem Verblühen kommt der Samen zum Vorschein, dann ist Ende. 45 Jahre war die filifera bei ihm, sie gehört quasi zum Stamm seiner außergewöhnlichen Sammlung.

Nicht nur Agaven lassen den Hof von Klaudia und Klaus-Dieter Knecht zu einem kleinen grünen Paradies werden. (Bild zum Vergrößern anklicken)
"So groß werden die Blüten der Agave“, zeigt Klaus-Dieter Knecht, wenn sie dann in den kommenden 14 Tagen blüht. (Bild zum Vergrößern anklicken)

Begonnen hat die Sammel-Leidenschaft von Klaus-Dieter Knecht zu DDR-Zeiten. Sein Kumpel war Glaser und auch in Potsdam in Sanssouci beschäftigt. „Da bin ich mal mitgefahren – da kam man ja sonst nicht rein“, erinnert sich Knecht. Seine erste Agave war eine Agave americana. „Das ist sozusagen das ‚Unkraut‘ unter den Agaven“, lächelt Knecht ob der weiten Verbreitung dieser Art. Allerdings war der Erwerb von Agaven in der DDR nicht einfach. Urlaubsreisen nach Bulgarien oder Rumänien brachten weitere Exemplare auf den Hof. Das Interesse wuchs, Erfahrungen gesammelt. Mit der Wende öffnete sich ein Pflanzenparadies für den Züchter – mit der neuen Vielfalt der Agaven wurde der Platz auf dem Hof zusehends knapper. Heute holt er sich Exemplare aus den botanischen Gärten in Potsdam oder Berlin Dahlem und vom traditionsreichen Unternehmen Kakteen-Haage aus Erfurt. Wenn Klaus-Dieter Knecht unterwegs ist oder in Haage-Katalogen blättert, werden auch immer seine Bücher zum Abgleich herangezogen: „Hab’ ich die schon?“ Allerdings gebe es sehr wenig Literatur über Agaven, bedauert Knecht.

Die Pflanze der felifera, aus der der knapp zwei Meter hohe Blütenstadt ragt. (Bild zum Vergrößern anklicken)
Kleine Vordächer schützen die Agaven von Klaus-Dieter Knecht. (Bild zum Vergrößern anklicken)

„Die meisten Agaven stammen eigentlich aus Mexiko und den Anrainer-Staaten“, erklärt er. Und bevorzugen dementsprechend einen trockenen Standort. Als sukkulente Zimmer- und Kübelpflanzen sind sie allerdings inzwischen weltweit zuhause. „Auch die Japaner sind in der Zucht neuerdings sehr erfolgreich“, weiß Knecht. Aber auch das sei noch nicht oft dokumentiert worden.

Und eigentlich, so der 74-Jährige, der viele Jahre bei der Werderschen Fleischerei Elsholz arbeitete, sei die Pflege seiner Exoten ja gar nicht so schwer. Mit normaler Blumenerde kämen die Agaven allerdings nicht gut zurecht – sie bevorzugen eine steinige, sandige Mischung. Übergießen sei ebenfalls ein häufiger Fehler. Das verzeihen die Agaven nicht und zeigen entsprechende Stellen an den Blättern. Bei Staunässe könne es auch passieren, dass sie von der Wurzel her faulen und eingehen. Auch mit Dünger geht der passionierte Sammler eher sparsam um. Und am besten gedeihen Agaven in nicht zu hohen Tontöpfen, so seine Erfahrung. Er hat auf seinem Hof mit vielerlei Umbauten und Vordächern dafür gesorgt, dass sich die Agaven wohlfühlen.

Dafür, dass die Agaven so pflegeleicht sind, verbringt er allerdings sehr viel Zeit mit seinen Wüsten-Schützlingen. Sie sind nur vier Monate im Jahr draußen zu bewundern, denn die Frostgrade in unseren Breiten würden sie meist nicht überleben, auch wenn es einige gebe, die mehr oder weniger frosthart sind. Und so werden die Töpfchen, Töpfe und auch die großen Kübel alljährlich zum Überwintern in ein eigens zum Treibhaus umgebauten hellen Anbau gebracht. Dort verbringen sie bei um die zehn Grad und entsprechender Beleuchtung die kalten Monate. Die tagelange Prozedur des Umzuges wird inzwischen nur noch mit Hilfe einiger Freunde geschafft – zu groß sind einige Pflanzen, zu schwer die Kübel. Und da die meisten Agaven mit spitzen Dornen bewehrt sind, kann Knecht auf einige blutige Erfahrungen im Umgang mit seinen Schätzchen verweisen.

Dafür kommen die Agaven ohne aufwändiges Gießen über den Winter – sie speichern ja das Wasser, wie Knecht erklärt. Ganz und gar durchtrocknen dürfen sie allerdings auch nicht, Kontrolle ist also auch im Winter nötig. Und wenn der Frühling beginnt, müssen die Pflanzen vorsichtig an das Sonnenlicht gewöhnt werden. Auch Sonnenbrand hinterlässt Spuren an den Agaven.
Die Kindel, also die Ableger der Agaven setzt er in kleine Töpfchen – einige davon stehen vor dem Gehöft auf der Insel in der Kirchstraße mit einer Kasse des Vertrauens zum Verkauf. Und wenn dann jemand klingelt und Fragen hat, gibt Knecht gern von seinem fundierten Wissen ab. Meistens wird er dann gefragt, ob er Gärtner sei, lächelt Knecht, der gelernte Fleischer.

Agaven – von wegen wenig Aufwand … „Aber ich habe ja damit angefangen …“ – das ist wirklich eine untertriebene Begründung für sein seltenes Hobby und den erforderlichen Zeitaufwand. Eine spezielle Lieblings-Agave unter seinen 250 hat Klaus-Dieter Knecht nicht, „aber ich spreche mit allen“, gibt er lächelnd zu.

Die Agave tequilana wird in Mexiko kultiviert, um das Rohmaterial für das auch hierzulande beliebte alkoholische Getränk Tequila zu erhalten. (Bild zum Vergrößern anklicken)
Tequila ist ein Agavenbrand. Schon die Azteken haben aus Agaven ein fermentiertes alkoholisches Getränk namens Pulque getrunken.(Bild zum Vergrößern anklicken)