Kontrollierte Sprengung erfolgreich

Im Wald in Kemnitz. Wir stehen an einem großen Krater, über fünf Meter tief und noch nass – hier lagen die beiden Bomben, die heute morgen gesprengt wurden. Gefunden wurden sie 130 Meter von der Fahrbahn entfernt. Jeweils 70 Kilogramm schwere Splitterbomben der Bauart SD70, die Hälfte des Gewichtes machte ungefähr das Sprengmaterial aus. Von den Bäumen „regnet“ es noch teilweise. Einzelne Bomben-Splitter sind auf dem Waldboden zu finden. Dicker Rost bedeckt die kleinen Teile der alten Bombenhülle.

„Wir hatten hier eine Nettoexplosivstoffmasse von 70 Kilogramm. Da wir hier mit schwerem Gerät nicht reinfahren konnten, wir aber unbedingt einen Besatz aufbringen wollten, haben wir durch die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Werder 16 000 Liter Wasser einfüllen lassen“, berichtet Sprengmeister Mike Schwitzke. Deckung suchten Schwitzke und seine Kollegen in 300 Metern Entfernung unter der Autobahnbrücke.

Mike Schwitzke vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg lächelt – sein Job ist erledigt. Die Bürgermeisterin Manuela Saß, die seit morgens um 7 Uhr unterwegs war, ist sichtlich erleichtert. Sie überreicht dem Sprengmeister einen Blumenstrauß und ein Geschenk von der Stadt. Sie findet Dankesworte, lobt die Leistung, wünscht, dass alle Aufträge dieser Art so problemlos erledigt werden können. – „Das ist unser Job, wir geben uns Mühe“, antwortet Schwitzke. Der Sprengmeister weiß aber auch: „Routine gibt es für uns nicht“.

Rund ein Dutzend Häuser von Anwohnern wurden evakuiert, in der Notunterkunft im Gemeindezentrum fanden sich etwa 15 Kemnitzer ein. Andere Betroffene waren bei der Arbeit oder kamen anderswo unter. Betroffen waren  außerdem Teile eines Golfplatzes, eine Kleingartenanlage, ein Pferdegestüt und die Westseite des Kemnitzer Gewerbegebietes mit einer Lagerhalle.

Bis zur Aufhebung des Sperrkreises gegen 10.45 Uhr mussten zeitweise die Autobahn A10 und die Bahnstrecke des RE1, die den Sperrkreis durchkreuzten, voll gesperrt werden. Der Strom der Oberleitungen der Bahnstrecke in dem Abschnitt wurde abgestellt. Laut Angaben der Landespolizei kam es auf beiden Seiten des für eine dreiviertel Stunde gesperrten Autobahnabschnitts zwischen Potsdam-Nord und Groß Kreutz zu Rückstauerscheinungen, Unfälle habe es aber nicht gegeben.

Mike Schwitzke hat nach eigenen Angaben bislang etwa 80 Bombenentschärfungen durchgeführt, wobei aufgrund  der seit dem Zweiten Weltkrieg vergangenen Jahrzehnte ein Transport oder eine Entschärfung der Bomben immer seltener möglich sei. „Die Zünder werden immer labiler und wir müssen immer öfter Ort sprengen“, sagte  Schwitzke. Das Waldstück, in dem die Bomben gefunden wurden, ist beim Kampfmittelbeseitigungsdienst als Verdachtsfläche bekannt.

„Das ist schon eine große Anspannung, die jetzt langsam abfällt“, ist Manuela Saß zufrieden. Das hätte man ja nicht alle Tage in Werder, dass es Bombenfunde gibt. „In der Größenordnung gab es das in unserer Stadt glücklicherweise noch nicht“, sagt sie. Andere Städte wie Potsdam oder besonders Oranienburg sind da ganz anders betroffen. „Wir können ruhig schlafen, weil unsere Feuerwehren und Männer wie Mike Schwitzke sich für uns aufopfern, eine wichtige Arbeit machen“.

Mit über 100 Mitarbeitern war die Stadtverwaltung mit Kollegen des Wasser- und Abwasserzweckverbandes seit 7 Uhr morgens unterwegs, Posten am Sperrkreis wurden besetzt, Menschen bei der Evakuierung geholfen, das Gemeindezentrum in Kemnitz betreut. „Mein Dank gilt auch dem Regiobus-Unternehmen, das uns einen Bus zur Verfügung stellte“. Sie dankte auch den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, den Feuerwehren von Werder (Havel) und Teltow, dem Wasser- und Abwasserzweckverband Werder Havelland, dem Landkreis Potsdam-Mittelmark, der Polizei, dem Autobahnamt, der Deutschen Bahn AG, der regiobus Potsdam Mittelmark  und allen weiteren Beteiligten für die Unterstützung der erforderlichen Maßnahmen. Eine gute Vorbereitung bei der umfangreiche Logistik war wichtig für den Erfolg, wichtig auch dafür, die Unannehmlichkeiten bei den Sperrungen der Autobahn A10 und der Bahnlinie so minimal wie möglich zu gestalten. Das ist gelungen, so Manuela Saß.

Früher befand sich hier in unmittelbarer Nähe der Wehrmachts-Fliegerhorst in den Havelauen, nach Ende des zweiten Weltkrieges nutzten die Sowjetarmee den Wald, um hier Bomben zu zerstören. Das ist ihnen nur mehr oder weniger gut gelungen, wie der Fund beweist. Einige Krater in der Umgebung zeugen von alten Sprengungen.

Wie es zu dem Fund kam, ist eine besondere Geschichte: Ein Feuerwehrmann aus Werder hörte zufällig, wie sich zwei Jugendliche unterhielten. Sie hätten im Wald etwas gefunden. Aber liegen gelassen und abgedeckt. Zu dem Fund kamen sie beim Beobachten zweier Personen, die mit einem Metalldetektor durch das Waldgebiet liefen und offensichtlich auf der Suche waren. Als die Personen sich entfernten, schauten die Jugendlichen nach, was sich dort befand – und fanden eine Bombe. Die konnte aber noch abtransportiert werden. Bei der vorsorglichen Suche wurden dann die beiden anderen Bomben gefunden.

Nach den Kenntnissen dieses Fundes besteht schon die Sorge, so die Bürgermeisterin, dass es hier weitere Funde geben könnte. Eine kontrollierte Nachforschung soll es geben. Eigene Nachforschungen in dem privaten Waldbereich seien aber gefährlich und verboten!

In Abstimmung mit den Waldeigentümern sollen in dem Kemnitzer Waldstück weitere Suchmaßnahmen durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst stattfinden, wie der Sprengmeister am Donnerstag ankündigte. Bürgermeisterin Manuela Saß ist froh darüber. Sie appellierte an die Bürger und insbesondere auch an die jüngere Generation, die Gefahr von Fundmunition nicht zu unterschätzen. „Je länger die Kampfmittel in der Erde liegen, desto gefährlicher werden sie“, so die Bürgermeisterin. Schon beim Verdacht, dass es sich bei metallischen Gegenständen um Fundmunition handeln könnte, sollten und müssen Bürger unverzüglich die Ordnungsbehörde oder Polizeidienststelle benachrichtigen. In Werder sei zwar  16 Jahre lang keine Fundmunition mehr gefunden worden. „Der aktuelle Fall zeigt uns aber, dass wir vorsichtig bleiben sollten“, so die Bürgermeisterin.

Finanziert hat die gesamte Aktion die Stadt Werder (Havel). „Wir haben uns um Geld jetzt einfach mal noch keine Gedanken gemacht – wir wollten, dass unsere Bürger in Sicherheit sind und die Aktion mit so wenig Beeinträchtigungen wie möglich durchgeführt wird. Und das ist auch dank der professionellen Arbeit des Sprengmeisters gelungen“, so Manuela Saß. Im Nachgang würde dann geklärt, ob der Bund, der für die Bergung und Unschädlichmachung von Reichsmunition zuständig ist, die Kosten übernimmt.

Werder (Havel), 11. Mai 2017

9.23 Uhr  Die Evakuierung des Sperrbezirkes ist so gut wie abgeschlossen. Der Bombentrichter wurde mit Folie ausgelegt und mit 14 000 Liter Wasser befüllt. Der Bahnverkehr wird in Kürze eingestellt, die Autobahn voll gesperrt.

9:33 Uhr Der Bahnverkehr ist eingestellt.

9:36 Uhr Sperrkreis vollständig evakuiert und gesichert

9:40 Uhr Sperrung Autobahn folgt in kürze

10:00 Uhr Autobahn gesperrt

10:24 Uhr countdown für Sprengung 60 Sekunden eingezählt

10:25 Uhr Sprengung erfolgt

10:45 Uhr Mitarbeiter der Stadtverwaltung stehen am Sperrkreis und heben diesen in den nächsten Minuten auf. Sperrkreis freigegeben.

10:52 Uhr Autobahn freigegeben
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