Daumen drücken für Christopher Linke bei Olympia in Rio!

Unter den rund 450 Athleten, die Deutschland ab dem 5. August in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen in Brasilien vertreten, ist auch ein Werderaner. Und so werden wir alle am 12. August ab 19.30 Uhr stolz vor dem Fernseher sitzen und dem Geher Christopher Linke die Daumen drücken.

Werder (Havel) / Belmeken – Unter den rund 450 Athleten, die Deutschland ab dem 5. August in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen in Brasilien vertreten, ist auch ein Werderaner. Und so werden wir alle am 12. August ab 19.30 Uhr stolz vor dem Fernseher sitzen und dem Geher Christopher Linke die Daumen drücken.

Gehen – ja, das ist diese vielfach belächelte Form der sportlichen Fortbewegung, bei der man immer denkt, dass es in den Hüften furchtbar weh tut. „Stimmt nicht“, sagt Christopher Linke, den wirsindwerder.de telefonisch interviewte, „weh tut es ganz woanders. Allerdings sind wir Geher so schnell, dass jemand, der ein-, zweimal joggt, nicht hinterher kommt“.

„Oft werden die Geher wegen ihres Po-Wackelns belächelt. Doch jeder, der es selbst mal probiert hat, wird feststellen, dass es gar nicht so leicht ist. Denn ständig muss ein Teil des Fußes den Boden berühren, so dass keine Sprungphase entsteht. Zum Zweiten gibt es die Regel, dass das Bein ab dem Aufsetzen vorne – nicht gebeugt werden darf, dass Knie muss also gestreckt sein. So kommt es dazu, dass die Hüfte nach vorne geschoben wird und es zu einer leichten Oberkörpereindrehung kommt. Daraus resultiert dann der Eindruck des „Powackeln“.
Das ganze wird bei Wettkämpfen streng von Gehrichtern überwacht. Im Falle des Nichteinhaltens kann es über Verwarnungen bis hin zur (Dis-)Qualifikation führen.“ – So wird die Technik auf der Internetseite geher-team.de beschrieben.

Christopher, der sich derzeit unter seinem Bundestrainer Ron Weigel und gemeinsam mit seinen Geher-Kollegen  vom SC Potsdam Nils Brembach und Hagen Pole im vierwöchigen Trainingslager in Bulgarien auf die Spiele vorbereitet, schaffte die Norm für die Teilnahme bereits im April 2016 beim Meeting in tschechischen Podebrady. Für die 20 Kilometer war die Norm mit 1:22:00 Stunden gesetzt – geknackt hat Christopher die Vorgabe mit 1:19:19. Eine Zeit, die seit 15 Jahren kein Deutscher mehr geschafft hat. Damit verbesserte sich der 27-Jährige im 20-Kilometer-Bereich auf Rang vier der ewigen deutschen Bestenliste!

In dieser starken Verfassung ist er auf jeden Fall konkurrenzfähig,  darf Christopher wohl durchaus einen Medaillenrang anpeilen. Aber der Athlet aus der Blütenstadt ist zurückhaltend, was das betrifft: „Die Vorleistungen stimmen, sind so gut wie noch nie, ja. Aber Olympia hat eigene Gesetze, der Druck ist hoch“, will er sich nicht festlegen. Aber dann schiebt er noch ein berechtigt hoffnungsvolles „Warum nicht ganz vorn ankommen?“ hinterher.

Im bulgarischen Höhentraining in Belmeken sorgt das entsprechende Training unter anderem dafür, dass der Körper mit verstärkter Produktion von roten Blutkörperchen reagiert. „Das ist gut für uns Ausdauersportler, das wirkt sich dann beim Wettkampf positiv aus“, erklärt Christopher.

Auf die 20 Kilometer hat sich der mehrfache Deutsche Meister – auch über 50 Kilometer, Team-WM-Vierter 2016 in Rom, WM-Neunter in Moskau 2013 und EM-Fünfter 2015 in Zürich seit vier Jahren konzentriert. Seine Leistungen steigerten sich kontinuierlich, seit er in der Sportschule Potsdam vom Mittelstreckenläufer zum Gehen wechselte.

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„Ich kam 2001 als 12-Jähriger an die Sportschule. Die Motivation war allerdings weg, nachdem es beim Laufen irgendwann keine Entwicklung mehr gab. Dann kamen Geher in meine Klasse, ich probierte das 2004/2005 aus und wurde im Sommer gleich Deutscher Meister“. Damit war klar, wohin der sportliche Weg führen würde. „So richtig Spaß hat es nicht gemacht. Aber die Motivation war nach den ersten Erfolgen natürlich extrem hoch“, kommentiert er seine weitere Entwicklung. Und schnell war er in der erweiterten Weltklasse angekommen, während er, wie er sagt, „als Läufer wahrscheinlich nie zu Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gekommen wäre“.

Macht ihm das harte Training Spaß? In Spitzenzeiten trainiert er fünf, sechs Stunden pro Tag, montags bis freitags, sogar am Samstag wird einmal trainiert. „Der Spaßfaktor ist eher gering. Ich gehe nicht zum Training und sage, es macht mir Spaß. Wir trainieren bei Wind und Wetter. Spaß macht der Wettkampf, Spaß macht eine Verbesserung der Leistung“.

Vier bis acht Jahre könne er noch Sport machen, das ist momentan seine „Arbeit“. „Leider ist es in Deutschland ja so, dass nur Fußballer, Tennisspieler oder Golfer nach Karriereende noch sehr gut leben können“, sagt der Bundeswehr-Sportsoldat. „Aktuell kann ich vom Sport leben. Aber man wird nicht reich und man kann kein finanzielles Polster anlegen“. Wichtig war ihm aber auch, trotz des harten Trainings und der vielen Wettkämpfe – „wir sind jedes Jahr bis zu 100 Tage im Jahr im Ausland“ – eine Ausbildung abzuschließen. Und so kann er sich seit 2014 IHK Kaufmann für Bürokommunikation nennen. Die Bundeswehr ermöglichte ihm dafür unter anderem Einzelunterricht.

Als Vorbild nennt Christopher Andreas Erm, Deutscher Rekordhalter 20 und 50 Kilometer. „Da will ich hin“, lässt er durchblicken, später durchaus auch als Trainer tätig werden zu können. Erm ist ein ehemaliger Spitzensportler, der beim SC Potsdam ab 2003 auch von Ronald Weigel trainiert wurde.  1998 bis 2002 war er Deutscher Meister im 20-km-Gehen, 2002 Deutscher Meister im 50-km-Gehen und 1998 bis 2001 Deutscher Hallenmeister sowie 1998 bis 2001 im 5000-m-Gehen, WM-Dritter 2003 in Paris und somit letzter Deutscher Medaillen-Gewinner bei einer Internationalen Meisterschaft

Werder ist Christophers Heimatstadt. Und wenn der Single mal zu Hause ist, dann  ist er „unheimlich gern in Werder. Es ist wunderschön, wie Urlaub“. Das einzige Manko: „Wir können in Werder nicht weggehen, keine Disco. Aber sonst – alles, was man braucht. Und Berlin und Potsdam sind ja schnell zu erreichen“. Wenn er entspannt feiern will, kann er das bei Elektromusik. „Keinesfalls in Discotheken, in denen nur gesoffen wird“.

Und immer, wenn der 1,90 Meter große und nur 65 Kilogramm schwere junge Mann vor der 86-jährigen Oma steht, sagt sie: „Du bist größer geworden und so dünn! Hast Du abgenommen?“ Größer geworden ist er aktuell nicht, aber wie er sich erinnert, ist er zwischen der siebenten und der zehnten Klasse immerhin dreißig Zentimeter gewachsen.

Fakt ist aber auch, das Christopher – im Gegensatz zu anderen Sportlern vor Wettkämpfen – wohl absolut keine Diät nötig hat. „Ich war schon immer sehr schlank“, sagt er. „Das ist ein Segen im Sport, eher ein Fluch im Privatleben.“ Jedes unnötige Gramm würde etwas ausmachen – „Ich habe in meinem Sport ja keine Hilfsmittel, kein Boot, kein Fahrrad. Passives Gewicht brauche ich nicht“. Und er hat ganz sicher alle Muskeln, die er für seinen Sport braucht.

Seine ersten Schritte im Sport machte er als fünfjähriger Steppke im Werderaner Handballverein – dem er aus dem Höhenlager in Bulgarien extra herzliche Grüße schickt. „Ja, er ist ein treuer Fan! Wenn er Zeit hat, ist er in der Halle dabei und drückt dem Verein die Daumen“, sagt sein Vater.  Das hat wohl auch damit zu tun, dass Handball immer zu seinem Leben gehörte – Vater Olaf Linke ist Vorstandsmitglied der Grün-Weißen, die in der vergangenen Saison die beste Leistung des Vereins bisher abgeliefert haben und nun in der 3. Liga spielen werden.

„Mit der Familie und ein paar Freunden werden wir den Wettkampf von Christopher in Rio gemeinsam am Fernseher in Werder verfolgen“, freut sich Olaf Linke mit väterlichem Stolz jetzt schon auf die Olympischen Spiele. Christophers große Schwester und Zwillingsbruder Norman sind sicher auch dabei, wenn er versucht, sich das edle Metall zu erkämpfen.

wirsindwerder.de bedankt sich für das Gespräch und wird natürlich auch die Daumen drücken – wir wissen, dass Christopher das schaffen kann!