Die Helden von Werder – 24 Stunden lang, 365 Tage im Jahr

Zugführer Ronny Seiler und der Pieper, der ihn Tag und Nacht 365 Tage im Jahr zu den Einsätzen ruft.

Werder (Havel), 19. August 2016 – Retten, löschen, bergen, schützen – In Amerika werden sie zu Recht wie Helden verehrt – die Männer und Frauen von der Feuerwehr. Das ist hierzulande leider nicht überall so – es soll sogar Menschen geben, die genervt sind, wenn die Kameraden zu einem Einsatz ausrücken und dabei die entsprechenden Signale von den Einsatzwagen ertönen. „Inzwischen brüllt ja nicht mal mehr die laute Sirene, wenn wir gerufen werden“, sagt Werders Zugführer Ronny Seiler, und er zeigt auf seinen Pieper: „Den höre nur ich“.

Vielfältige Aufgaben

Aber der Pieper liegt eben auch am Bett, falls es nachts losgehen muss. Insgesamt kommt er in diesem Jahr bereits auf knapp 100 Einsätze, im Jahr werden es meist über 200. Und dass es sich bei den meisten Einsätzen nicht um ein Stündchen handelt, die er unterwegs ist, ist wohl klar. Gerufen werden die Feuerwehrleute ja nicht nur zu Bränden – sie sind hoch qualifizierte und kompetente Allroundhelfer  – beim Bergen, übrigens auch aus dem Wasser, sie leisten technische Hilfe bei Verkehrsunfällen, pumpen Keller leer oder räumen umgestürzte Bäume weg. Sie beseitigen Ölspuren, leisten Tragehilfen, öffnen Türen, kümmern sich um Brandmeldungen, die keine sind,  und besetzen Brandsicherheitswachdienste bei Veranstaltungen.

Auf dem Papier sind es 30 Werderaner Kameraden, regelmäßig dabei sind 15 Leute. Da verteilt sich viel Arbeit auf wenige Schultern! Wenn es dann an einem Wochenende mehrere Einsätze gibt, dann braucht es wirklich eine verständnisvolle Familie. „Die müssen richtig dahinter stehen“, weiß auch Ronny Seiler. Seiner Frau hat er beim Heiratsantrag gesagt, dass sie die Feuerwehr quasi „mitheiratet“. Denn neben den Einsätzen Tag und Nacht, deren Zahl niemand vorher sagen kann, gibt es technische Dienste, die abzudecken sind, Aus- und Weiterbildungen, Übungen und vieles mehr. Das frisst Zeit. Und dennoch, Ronny Seiler ist mit 14 Jahren eingetreten, inzwischen seit 21 Jahren dabei! Menschen zu retten, zu helfen – das ist irgendwie sein Ding, obwohl er wahrlich keine große Sache draus macht. Jüngst spendete er Knochenmark, um einer jungen, an Blutkrebs erkrankten Australierin zu helfen. Er hatte sich – wie viele seiner Werderaner Kameraden – typisieren lassen.

Da muss sich in den Köpfen etwas ändern

Auch die Arbeitgeber müssen mitziehen. „Tageseinsätze werden ja oft von Kameraden, die von der Stadt angestellt sind, Bauhofmitarbeiter beispielsweise, geleistet“, so Ronny Seiler. Er selbst ist mit einer Hausmesstechnik-Firma selbstständig. Aber andere Firmen haben vielleicht nicht immer so viel Verständnis, wenn der Pieper die Kameraden zu einem Einsatz ruft. Da muss sich in den Köpfen der Verantwortlichen noch viel ändern. Schließlich verlassen sich die Menschen auf die Feuerwehr, die eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrnimmt.

Und wer denkt, dass in den meisten Städten Deutschlands auch Berufsfeuerwehren gibt, liegt falsch. Die vielfältigen Aufgaben werden hauptsächlich durch freiwillige Kräfte abgesichert. Es gibt in Deutschland rund 1,3 Millionen Feuerwehrleute – davon sind mehr als eine Million ehrenamtlich tätig!

„Meist wird die Mitgliedschaft eine ‚Familienangelegenheit‘. Da sind oft nicht nur Väter und Söhne dabei, inzwischen auch Töchter“, weiß Ronny Seiler und verweist beispielsweise auf die Quasi-Dynastie der Werderaner Familie Kranig bei der Feuerwehr. Er würde es seiner Tochter nicht verweigern, wenn sie mitmachen wollte, „sie muss aber nicht“, lächelt Seiler.
Immerhin gibt es manchmal ja auch Dinge zu sehen, die man normalerweise nicht sieht und auch nicht sehen möchte. Schwere Unfälle, schwerste Verwüstungen, Brandopfer, Tote: „Ich versuche, nicht in die Gesichter zu sehen“, sagt Ronny Seiler. Dennoch erwischt es ihn auch, gehen ihm die Fälle nah. Bei einem ausgebrannten Pkw nach einem Unfall auf der A9 bei Beelitz beispielsweise sah er auf der Rücksitzbank auch den verkohlten Rest des Kindersitzes … „Das packt man nicht so schnell weg – gerade als Vater“. Aber für ihn und die Kameraden gibt es da nur eine Maxime: „Man muss funktionieren“.

Seltenes „Dankeschön“

Um so schöner, aber leider auch sehr selten ist es, wenn sich jemand bei den Kameraden für die geleistete Hilfe bedankt. Aber auch das kommt mal vor, und Ronny Seiler zeigt auf ein Bild mit zwei Mädchen, die sich damit bei der Feuerwehr für das gerettete Leben bedanken.
„Das war auch ein wirklich schlimmer Unfall. Da musste jeder Handgriff sitzen, um die Mädchen zu retten. Ein falscher Griff hätte alles noch schlimmer machen können“, erinnert er sich ganz genau an die Situation. Umso mehr freute er sich über die Grüße und den Dank: „Das motiviert und bestärkt dann doch im Ehrenamt“.
Das Gebiet, für das die Werderaner Feuerwehr zuständig ist, umfasst auch 64 Autobahnkilometer. Dass es gerade hier in unseren Autobahnbereichen häufig und auch teilweise sehr schwere Unfälle gibt, weiß jeder. Und so gehören Einsätze in diesem Bereich zu einem Tätigkeitsschwerpunkt der Werderaner Freiwilligen Feuerwehr, die übrigens bereits 126 Jahre besteht. Koordiniert werden die Einsätze von der Feuerwache Brandenburg, dort befindet sich die Leitstelle für Potsdam-Mittelmark, die Stadt Brandenburg und Teltow-Fläming.

Förderverein für die Kameraden der Feuerwehr

Seit 2007 gibt es in Werder (Havel) auch einen Förderverein der Freiwilligen Feuerwehr. Den Förderverein verbinden die Werderaner meist mit dem „Weihnachtsbaumverbrennen“ auf dem Hartplatz vor der Insel. Eine wirklich schöne, inzwischen Tradition gewordene Veranstaltung.
Heiko Zemlin, Chef des Fördervereins, sagt: „Mit dem Reinerlös aus diesem Fest decken wir zum größten Teil unsere Ausgaben für unsere Unterstützungstätigkeit. Mit dem Besuch und dem Verzehr von Speisen und Getränken unterstützen die Gäste also indirekt die Freiwillige Feuerwehr Werder (Havel). Da treffen ehrenvoller Zweck und ein gemütlicher Abend aufeinander, und vielleicht ist es deshalb unseren weit mehr als 60 Helferinnen und Helfern ein ungeheurer Ansporn, dieses Fest jährlich immer weiter zu verbessern und zu festigen. Für den 14. Januar 2017 sind die Vorbereitungen für unser 10. Fest schon wieder in vollem Gange“.

So ein Fest auszurichten ist eine Herausforderung für den Verein. Immerhin wird das auch alles ehrenamtlich gemacht – keiner der Vereinsmitglieder ist hauptberuflich Organisator: „Das ist eine besondere Herausforderung, die wir sehr gerne angehen, da ein jeder an diesen Abenden eine ganz besondere gemeinschaftliche Stimmung verspürt. Und der höchste Lohn für uns ist, dass es für alle Besucher ein ebenso gelungener Abend wird“, betont Heiko Zemlin.

Aber der Förderverein hat sich natürlich nicht nur gegründet, um diese jährliche Veranstaltung zu organisieren. „Wir als Förderverein kümmern uns konsequent um die Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Werder (Havel) bei der Erfüllung von Aufgaben, die nicht in Gesetzen, Erlassen und Dienstvorschriften geregelt sind. Wir statten daher die Feuerwehr nicht mit technischem Equipment aus, sondern kümmern uns in erster Linie um die Nachwuchsgewinnung, die Pflege der Kameradschaft und um die Alters- und Ehrenabteilung“, erläutert Heiko Zemlin.

Es sei nämlich sehr schwierig geworden, in der heutigen Zeit Kinder und Jugendliche für die langjährige Feuerwehrmannausbildung zu motivieren. „Auch der demografische Wandel in Deutschland ist bei unserer Feuerwehr zu spüren. Bei dem vielfältigen Freizeitangebot in unserer Stadt entscheiden sich viele lieber nur für Spiel und Spaß. Dagegen ist die Ausbildung zu einem einsatzbereiten Feuerwehrmann schon sehr mühselig und mit viel Theorie, Disziplin und Arbeit verbunden und dauert viele Jahre lang“, erklärt Heiko Zemlin.

Und so hilft der Förderverein, indem er viel bei Kindern und Jugendlichen wirbt und vor allen Dingen Spaß bringt, indem der Förderverein die benötigten Geldmittel zur Verfügung stellen, um den Kinder der Jugendfeuerwehr Exkursionen und Ausflüge zu ermöglichen. „Im vergangenen Jahr waren sie in Thüringen, besuchten den Baumwipfel-Park, die Therme und fuhren Draisine. Aber auch Eisessen, ein Besuch im Spaßbad oder aber ein gemütliches Grillen mit den Kindern und deren Eltern richten wir aus“, zählt Zemlin einige der Aktivitäten auf.

„Doch nicht nur um die Nachwuchsgewinnung sorgen wir uns. Auch die aktiven Kameraden brauchen unsere Unterstützung“, weiß der engagierte Feuerwehrkamerad Zemlin. „Nicht nur personell versuchen wir aktive Einsatzkräfte zu gewinnen, sondern wir wollen Anreize setzen, dass die Kameradschaft unter ihnen immer weiter verbessert wird. So hatten wir eine schöne hölzerne Sitzecke angeschafft, auf denen sich die Kameraden nach anstrengenden Einsätzen erholen können. Wir haben auch Fitnessgeräte zur Verfügung gestellt, Jogginganzüge und einen Fernseher angeschafft oder unterstützen die Weihnachtsfeiern finanziell“.

Ebenso sehr liegt dem Förderverein die Pflege der Beziehungen zu den Kameraden, die aus Gesundheits- oder Altersgründen keinen aktiven Dienst mehr leisten können, am Herzen. „Ihre jahrelange Tätigkeit – so finden wir – gebührt auch nach ihrer aktiven Zeit höchster Respekt“. Heiko Zemlin kümmert sich liebevoll um alle runden Geburtstagskinder und organisiert mit ihnen verschiedene Zusammenkünfte.

Aufklären und um Nachwuchs werben

Doch nicht nur die Unterstützung der Jugend, der aktiven Kameraden und der Alters- und Ehrenabteilung der Feuerwehr steht im Vordergrund der Arbeit des Vereins. Genauso wichtig ist für die Vereinsmitglieder die Aufklärungsarbeit bei den Bürgerinnen und Bürgern. „’Bei allen sich bietenden Gelegenheiten klären wir mit unserem kleinen Infostand über den Brandschutz auf“, berichtet Zemlin.

Der Verein mit seinen über 50 Mitgliedern – neue sind jederzeit herzlich willkommen –  ist Mitglied im Stadtsportbund und auch gern bereit, anderen Vereinen zu helfen. Sei es mit Equipment oder personell.

Wer die Feuerwehr in Werder unterstützen möchte, kann dies auch mit einer Spende hier tun und erhält natürlich eine Spendenbescheinigung:
Bankverbindung: VR Bank Fläming eG
Kontonummer: DE 891606 2008510 37530 00

Heiko Zemlin ist unter 0172 3144324 erreichbar und freut sich auf Anfragen zum Verein und zur Mitgliedschaft im Förderverein. Hier entlang geht es zur Internetseite des Fördervereins und hier zur Facebook-Seite.

Wer sich für die ehrenamtliche Mitarbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr – ob nun als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener – interessiert – Informationen und Ansprechpartner gibt es auf der Facebook-Seite der Feuerwehr und alle 14 Tage dienstags direkt in der Feuerwehrwache in der Kemnitzer Straße, Beginn jeweils 18.30 Uhr. Der nächste Termin ist der 23. August 2016.