Eine Vision von einer Brücke

Werder (Havel), 26. Januar 2018 – Bis Ende März muss sich Manfred Swoboda noch gedulden, dann erfährt er, ob seine Vision von einer Brücke wahr wird. Ein stufenloser Brückenschlag über die Havel nach Wildpark-West, direkt neben der Eisenbahnbrücke, soll es werden. Mit einer Plattform, auf der sich nicht nur Einheimische und Touristen an der Schönheit des Zernsees und der Havellandschaft erfreuen können, sondern auch Künstler zur Unterhaltung ebenjener tummeln sollen.

Was für Manfred Swoboda ein wenn auch gut durchdachter und entwurfsmäßig sauber konstruierter Traum ist, stellt sich für weniger Involvierte als pure Notwendigkeit dar. Aber auch diese Notwendigkeit ist von Emotionen getragen, schließlich fordern radfahrende Pendler wie Freizeitradler seit inzwischen vielen Jahren einen barrierefreien und sicheren Neubau einer Brücke. Bislang müssen sie ihre Räder die Treppen zur Brücke hochbuckeln, um dann auf einem schmalen, nicht einmal anderthalb Meter breitem Steig aus bröckelndem Betonplatten entlang der Eisenbahnbrücke den Weg über übers Wasser nehmen zu können.

Swoboda hat bereits 2004 angefangen, von dieser Brücke zu träumen, weil er sie tagtäglich nutzt. „Ich bin zu jeder Tages- und Nachtzeit hier“, versicherte der passionierte Fahrradfahrer, der genau das macht, was immer gern gefordert wird: Er lässt das Auto stehen und pendelt mit öffentlichen Verkehrsmittel zu seinem Arbeitsplatz nach Berlin. Doch um erstmal zum Bahnhof nach Werder zu kommen, muss Swoboda, der in Wildpark-West wohnt, über nicht ausgebaute Radwege und eben diese Brücke.

Der Ingenieur für Konstruktionstechnik fing an, sich in die Materie zu vertiefen. Er durfte sogar in den Bahnarchiven nach entsprechenden Unterlagen zu dieser Brücke forschen. Die Ergebnisse seiner Suche waren beachtlich: „Bei der Planung der Eisenbahnbrücke 1973/74 wurde in Erwägung gezogen, hier auch eine S-Bahn-Trasse zu bauen“, berichtet er. Eine zweite Brücke war also vorgesehen – so verwundert es nicht, dass zwei weitere Brückenköpfe schon vorhanden sind.

In dem technisch versierten Swoboda nahm eine Brücke Gestalt an, die er dann auch als Entwurf präsentierte. Überall, wo es möglich war. Er suchte und fand Mitstreiter und Förderer, die ihre Stimme dieser seiner Vision liehen. Werner Große, Saskia Ludwig, Peter Kreilinger, Dieter Dörflinger und viele andere mehr. Freundlich nervend fand er seit 2005 immer wieder Möglichkeiten, sein Projekt vorzustellen. Sein Projekt ist mehr als gut durchdacht – Swoboda, der schon Groß-Sendeanlagen konstruierte, der an Konstruktionen von Elektronenmikroskopen, Aufbau und deren Betrieb arbeitete und Ultrahochvakuum-Anlagen für die Katalyse Forschung konstruierte, ist eben fachlich vorbelastet. Hilfe bekam er von dem Planungsbüro VIC als Fachplaner für die technische Studie und die Kosten-Voreinschätzung für seine Pylonbrücke.

117 Meter lang soll seine Brücke werden, die jetzige Eisenbahnbrücke ist 99 Meter lang. Fünf Meter breit soll der Platz zwischen beiden Brücken sein – niemand solle sich von den vorbeifahrenden Zügen bedrängt fühlen. Eine Mindestbreite von sechs Metern wären nötig, um ein gefahrloses Aneinandervorbeifahren von Radlern zu sichern. Wenn es keine Treppen mehr gibt, können endlich auch Rollstuhlfahrer und Leute mit Kinderwagen die Brücke nutzen. Die Plattform für den Rastplatz, die Swoboda in seinen Entwurf aufgenommen hat, ist das Kernstück seines Pylon-Brücken-Traumes. Hier soll nicht nur in Ruhe die Schönheit der Umgebung, der Blick auf die Insel Werder, sondern auch kleine Theateraufführungen oder musikalische Darbietungen genossen werden können. Dafür ist in seinen Planungen an alles gedacht – entsprechende Sicherheit der Plattform auch bei Anwesenheit vieler Menschen, elektrische Leitungen, Beleuchtung und so weiter. „Die Plattform würde den Radweg nicht beeinträchtigen“, ist sich Swoboda sicher, dass die Idee sogar zu einem touristischen Highlight werden könnte. Denn auch der geplante künftige Radschnellweg würde für noch mehr Verkehr auf dieser Strecke sorgen.

Inzwischen arbeitet das Berliner Planungs-Büro Sweco an der Brückenplanung, Ende März werden drei Varianten vorgestellt. Swoboda weiß, das sich eine davon stark an seinen Vorgaben orientiert. Potsdam hat wohl dem Planungsbüro seine Idee übergeben. „Ich denke“, so Swoboda, „wenn dieser Entwurf dann genommen wird, dann muss Geld für die Bühnen-Idee fließen“. Er stellt sich vor, dass man dazu – ähnlich wie weiland bei der Brücke am Potsdamer Stadtkanal, an deren Geländer die Namen der Spender eingraviert sind – eine Bürgerbeteiligung nutzen könnte. Und Swoboda wäre nicht der „Brückenmann mit Visionen“, wenn er auch das nicht längst durchgerechnet hätte.

So eine Gemeinschaftsfinanzierung wäre auch bei der Radbrücke mit den Streben am Geländer möglich. Nach seiner Rechnung müssten bei 117 Meter Brücke 1598 Streben eingebaut werden. „Wenn im Durchschnitt 100 Euro gespendet würden, könnten mehr als 150.000 Euro zusammen kommen“.

Dass eine Brücke für die Radfahrer gebaut wird, steht fest. Die Brücke muss in den nächsten drei Jahren auf den Weg gebracht werden, denn bis Ende 2021 müssen bekanntlich die Fördermittel dafür abgerechnet werden. Welche Brücke gebaut wird, wird erst nach der Veröffentlichung der Entwürfe des Planungsbüros entschieden. Auf all diese Dinge hat Manfred Swoboda keinen Einfluss. Was aber, wenn dann eine ganz andere Variante gebaut wird? All’ die Jahre, die er mit Planungen verbracht hat, die Zeit, die er verwendete, um seinen Traum, seine Vision einer Brücke vorzustellen? Was passiert dann mit ihm? „Nichts“, lächelt Swoboda seelenruhig. „Ich bewundere schon immer Wissenschaftler, die jahrelang forschen – ohne vorher zu wissen, ob am Ende davon irgendetwas Realität wird – das ist auch meine Einstellung“. (wsw)