Foodsharing, Resteparties und schwarze Bananen

Martina Müller, Leiterin der Tee- und Wärmestube Werder (Havel), und Marlies Hecht. Die 17-jährige Schülerin des Ernst-Haeckel-Gymnasiums hielt in dieser Woche einen bemerkenswerten Vortrag zur Lebensmittelverschwendung. Foto: wsw

Werder (Havel), 6. Juli 2017 – Beifall, Erleichterung, Buffet – Marlies Hecht hat es geschafft. Die 17-Jährige legt ihre kleinen Kärtchen, auf die sie während ihres Vortrages nur hin und wieder schauen musste, zur Seite. Der Vortrag ist gehalten, das Thema jedoch ist und bleibt aktuell. Und so bleibt auch die Diskussion zum Thema im Publikum noch lange lebhaft. Mit Lebensmittelverschwendung hat sich die Schülerin des Ernst-Haeckel-Gymnasiums beschäftigt, ihr Vortrag dazu in der Tee- und Wärmestube in Werder war der gelungene Abschluss eines halbjährigen Projektes in dem Seminarkurs „Berufs- und Studienorientierung“. Den Hefter mit der Dokumentation des Projektes von der Idee über die Planung bis zur Durchführung sowie die Selbstreflexion kann sie nun mit einem guten Gewissen abgeben.

„Bei der Suche nach einem Thema musste ich nicht lange überlegen“, sagt Marlies. Die Lebensmittelverschwendung, ihre Ursachen, ihre Auswirkungen und auch Möglichkeiten, dagegen anzusteuern, seien so aktuell, dass sich eigentlich alle Menschen viel intensiver damit beschäftigen müssten. Auch die Wahl des Ortes für ihren Vortrag war schnell gefallen: „Ich war mit meiner Familie selbst oft hier, wir waren mit in den Ferienlagern, wir nutzten die Tafel für unsere Versorgung“, erzählt die 17-Jährige. Marlies hat noch fünf Geschwister, in der Familie sorgen Drillinge, zu denen Marlies mit zwei Schwestern zählt, zwei Zwillingsjungs und ein weiteres Geschwistermädchen für Trubel. In der Leiterin der Tee- und Wärmestube, Martina Müller, hatte sie sofort eine verlässliche Partnerin. „Wir kennen uns schon lange und ich danke Martina Müller für die Unterstützung“.

Konzentriert und gut vorbereitet - Marlies während ihres Vortrages.
Schon während des Vortrages gab es eine interessante Diskussion zum Thema.

„Hier wird mit dem Verteilen von Lebensmitteln ja auch etwas gegen die Verschwendung getan“, betont Marlies. Und das Buffet, das sie extra und mit viel Liebe hergerichtet hat, ist bunt, lecker und auch gesund. „Alles aus Lebensmitteln, die eigentlich weggeworfen werden würden“, blickt sie stolz auf den gedeckten Tisch. Obst- und Gemüsespieße, ein Tomaten-Paprika-Salat, Obstteller, Smoothies, Brötchen von gestern und vorgestern, Kuchen von gestern – nichts davon ist unappetitlich, an keiner Stelle ist zu sehen, dass es sich um Lebensmittel handelt, die dem unerbittlichen Druck der Konsumindustrie unterliegen, deren Haltbarkeit vielleicht gerade abgelaufen ist, und die deshalb nicht mehr in den Regalen der Supermärkte liegen und verkauft werden dürfen.

Ein Büfett, wie es leckerer und bunter nicht sein könnte - alles aus Lebensmitteln, die eigentlich weggeworfen worden wären.
Alle Gäste des Vortrages waren eingeladen, sich von der Frische des Büfetts zu überzeugen.

Und damit ist auch der Kern ihres Vortrages umrissen – Marlies setzt ein ganz deutliches Zeichen gegen die allgegenwärtige Verschwendung. Im großen wie im kleinen. Sie will aufklären, Tipps geben, sensibilisieren, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen. Sie hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, recherchiert, um ihren Vortrag mit Zahlen zu untersetzen. Und diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. „Mal ganz abgesehen davon, dass die Supermärkte viel zu viel wegwerfen, sollten wir uns als Konsumenten auch prüfen“, mahnt die Jugendliche, deren Wissen zu diesem Thema ein ganz Erstaunliches ist.

So sei es statistisch belegt, dass pro Kopf und Jahr in Deutschland Lebensmittel im Wert von 230 Euro weggeworfen würden. „Das sind zwei volle Einkaufswagen“, betont Marlies. „Das hört sich vielleicht nicht so viel an, aber das ist pro Kopf!“, verweist sie darauf, dass wirklich jeder in dieser Rechnung mitzählt, auch Babys. „Das heißt, dass fast die Hälfte aller Lebensmittel in Deutschland weggeworfen wird. Insgesamt 18 Millionen Tonnen jährlich!“, regt ihr Vortrag beim Publikum kollektives Kopfschütteln aus. Das beträfe auch Lebensmittel – die ja immerhin mit viel Aufwand produziert worden sind – die nicht den heutigen ästhetischen Ansprüchen genügen: zu klein, zu krumm, mit einer kleine Delle. „Da müssen wir uns selbst prüfen, wenn wir einkaufen gehen“, mahnt Marlies. Und bittet, doch regional und saisonal zu kaufen und damit nicht nur die Produzenten in der Umgebung zu stärken, sondern auch die Wege kurz zu halten.

Auch das Mindesthaltbarkeitsdatum sei ein weiterer Grund für das Wegwerfen. „Es gibt immer noch zu viele Menschen, die das falsch einschätzen“, so Marlies. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gebe aber nicht den Zeitpunkt an, an dem ein Lebensmittel ungenießbar sei. Vielmehr könnten viele Lebensmittel weit über dieses aufgedruckte Datum bedenkenlos verzehrt werden. Dann sei vielleicht „die höchste Qualität“ erreicht, aber essen könne man das oft noch viel länger. „Da sollte man sich auf seine Sinne verlassen, einfach kosten und prüfen. Ich selbst mag Bananen, wenn sie außen schon schwarz sind“, erzählt Marlies. Dann seien sie erst richtig lecker. Und sie gibt Tipps: Vor dem Urlaub könne man den Kühlschrank checken und Lebensmittel an die Nachbarn verschenken. „Viele Lebensmittel, die man zuviel gekauft hat, aber nicht sofort verzehrt, kann man haltbar machen, da gibt es viele Rezepte“. Und wie wäre es mit einer Resteparty? Eine gute Idee, viele Kleinigkeiten aus dem Kühlschrank mit Freunden gemeinsam zu essen. Foodsharing ist eine weitere gute Idee. „Leider noch nicht in Werder“, bedauert Marlies die Idee, über entsprechende Apps zuviel gekaufte Lebensmittel weiter zu geben. Anbieten, verschenken und selbst partizipieren – mit der modernen technischen Unterstützung.

„Die Verschwendung hat Folgen“, ist eine weitere und richtige Schlussfolgerung von Marlies. Während hierzulande Lebensmittel weggeworfen werden, leiden über 800 Millionen Menschen der Welt an Hunger! „Ich verstehe jetzt den Satz, den ich als Kind natürlich nicht leiden konnte, wenn ich vor einem halbvollen Teller saß und den wir wohl alle kennen: ‚woanders hungern die Kinder’“, sagt Marlies. Klar sei, dass man mit dem Aufessen den Welthunger nicht besiegen könne, aber man könne einen Beitrag leisten, indem man achtsamer mit Nahrungsmitteln umgehe. Denn der umweltbelastende Ressourcenverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln, die dann doch weggeworfen würden, sei enorm, aber eben auch vermeidbar. Klimafolgen, Lagerung und Logistik, merkwürdige Richtlinien und Verordnungen, Normen und der allgegenwärtige Überfluss waren weitere impulsgebende Themen des Vortrages.

So eine gute Recherche, so viele Ideen, so viele gute Tipps, ein so gut ausgearbeiteter, interessanter und ambitionierter Vortrag, der es wirklich wert wäre, vor einem weiteren Publikum gehalten zu werden. (low)

Geschafft - ein Blumenstrauß als Dankeschön gab es von Marlies für die Leiterin der Einrichtung, Martina Müller.