Frische Äpfel und „Weihnachtsgeld“ für die Tee- und Wärmestube

Für die Freizeitgestaltung mit den Kindern und für die Weihnachtsvorbereitungen: Die Leiterin der Tee- und Wärmestube Werder (Havel) nimmt die Schecks von Bürgermeisterin Manuela Saß entgegen. Foto: wsw

Werder (Havel), 6. November 2017 – 481 Euro pro Monat. Das ist wahrlich nicht viel Geld. Aber Thomas D. kommt damit zurecht. „Alles, was ich brauche, kriege ich hier“, sagt der 56-Jährige. Er wohnt in einer kleinen Wohnung in der Schubertstraße, keine 40 Quadratmeter groß. „Ohne die Tee- und Wärmestube ginge es nicht“, weiß er aus Erfahrung. Seit zehn Jahren kommt er hierher. Der Werderaner berichtet bereitwillig aus seinem Leben mit mehr Tiefen als Höhen, auch einen Gefängnisaufenthalt – noch zu DDR-Zeiten – verschweigt er nicht. Nach der 8. Klasse verlässt er die Carl-von-Ossietzky-Schule, bricht die Lehre als Kistenbauer ab, weil er im WBK auch ohne Abschluss 800 DDR-Mark verdienen kann. Die Mutter rät ihm dazu. Mit drei Kindern ist das Leben nicht so leicht zu meistern. Gleich nach der Wende nimmt er einen Job in Berlin an, mit dem Berlin-Zuschlag gut bezahlt. „Mit dem Moped bin ich jeden Tag nach Berlin gefahren, bei jedem Wetter“, erinnert er sich. Auch daran, dass das Simson S50 und auch weitere Mopeds nicht immer durchgehalten haben. Doch dann ein schwerer Unfall – nicht mit dem Moped – sondern sein Körper macht nicht mehr mit. „Ich bin einfach zusammengebrochen. Vier Tage im Koma“. In der Folge muss er damit leben, nicht mehr richtig laufen zu können, er zeigt die langen, tiefen Narben am rechten Unterschenkel. „Da ist jetzt eine Platte drin“. Auch familiär läuft nicht alles nach Plan. Nicht umsonst verweist er, als er sich mit Vor- und Nachnamen vorstellt, auch auf seinen Geburtsnamen. „Noch nicht geschieden, aber bald“. Auch der Alkohol spielte eine Rolle in seinem Leben. Die Arbeit für die Tee- und Wärmestube aber bringt die so wichtige Struktur in sein Leben. „Zweimal täglich fahren wir die 12 Märkte in Werder, Geltow und Groß Kreutz ab, ich darf ja fahren“, berichtet er und man hört den Stolz, dass er den Führerschein hat. „Dann ausladen, sortieren, alles ordentlich für die Ausgabe mittags vorbereiten. Bei der Ausgabe helfe ich auch. Da habe ich wenigstens was zu tun“. Thomas D. , vielfach tätowiert, vermittelt einen offenen, sympathischen Eindruck, er hat eine Aufgabe und ist entsprechend selbstbewusst.

Martina Müller, die Leiterin der Tee- und Wärmestube, kennt ihn wie so viele ihrer Schützlinge seit Jahren, weiß ihn einzuschätzen, weiß Bescheid auch über die Schwächen. „Ich bin froh über seine Hilfe“, sagt sie. Und auch, dass er einmal im Jahr eine Woche „für sich braucht“. Martina Müller denkt nicht schwarz/weiß, niemand wird pauschal eingeschätzt.

Bei Rainer P., ebenfalls 56 Jahre alt, sieht die Sache etwas anders aus. „Ich habe keine Ziele mehr“, sagt er. Und lächelt dabei. Ein trauriges Lächeln. Er berichtet, dass er seit 12 Jahren arbeitslos ist. Früher hat er bei der BHG gearbeitet. „Ich habe Waggons entladen und Kohlen abgetragen“ – harte körperliche Arbeit.
„Ich bin Alkoholiker“. Er gehört zu den Männern, die man am Plantagenplatz oder auf der so genannten „Bank 24″ vor dem ehemaligen Stadtcafé sehen kann. „Ich habe sogar eine gesetzliche Betreuerin vom Gericht. Aber die hat sich schon ein viertel Jahr nicht mehr gemeldet“. Rainer P. ist nicht obdachlos, auch er hat eine Wohnung in der Schubertstraße, sieht aber für sich keine Zukunft – „Arbeiten kann ich auch nicht mehr bei dem gesundheitlichen Zustand, da gehen keine Türen mehr für mich auf“. Einen Entzug hat er bereits hinter sich. Aber irgendwie hat sich Rainer aufgegeben. Dass seine Seele krank ist, kann er hinter dem Lächeln nicht verbergen.

„Manchmal braucht es lange, bis man um Hilfe bitten kann“, stellt Thomas D. fest. „Dafür braucht es Willen, denn der Stolz wird dabei verletzt“.

Aber die beiden Männer kommen in die Tee- und Wärmestube – und sie sind nur zwei exemplarische Beispiele für die vielen Lebensläufe, die es geben kann und die so unterschiedlich sind. Aber alle Menschen – ganz unabhängig von ihrem Lebenslauf – sind hier willkommen, wenn sie die Regeln beachten. Die sind klar definiert. Keine Gewalt, keine Drogen, kein Alkohol. Das ist das niedrigschwellige Angebot der Betreuungs- und Beratungseinrichtung der Ernst von Bergmann Sozial gGmbH, die seit 2001 in Werder (Havel) existiert und von Beginn an von Martina Müller geleitet wird. Martina Müller engagiert sich für jeden ihrer Schützlinge. Sie hilft dabei, Wohnungen zu finden, sie besorgt Lehrstellen, sie vermittelt in Arbeitsplätze, sie hilft, Bewerbungen zu schreiben. Sie berät, sie hört zu. Unermüdlich.

Aber auch Martina Müller weiß, wie wichtig die Hilfe ihrer fleißigen ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die Spendenbereitschaft der Stadt und ihrer Bewohner und auch der Kirchengemeinden sind. Umso größer war die Freude, als die Bürgermeisterin Manuela Saß am heutigen Montag gleich zwei Spendenschecks an die Tee- und Wärmestube in Werder (Havel) überreicht hat. Einen Scheck über 250 Euro gab es als Erlös einer Veranstaltung zum 700. Stadtjubiläum, der literarisch-musikalischen Soiree am 17. September in der Comédie Soleil. Werder-Barde Achim Prütz, der Leiter des Morgenstern-Museums Jürgen Raßbach, die Journalistin und Moderatorin Ellen Fehlow sowie der Werdersänger Karsten Perenz hatten dafür auf ein Honorar verzichtet. Jürgen Raßbach und Karsten Perenz waren bei der Scheckübergabe dabei. Jürgen Raßbach besprach mit Martina Müller die Möglichkeit, mit den von der Tee- und Wärmestube betreuten Kindern einmal die Bismarckhöhe zu besuchen, den Turm zu erklimmen und sich im Christian-Morgenstern-Literaturmuseum umzuschauen.

Einen zweiten Scheck über 250 Euro gab es, weil die Bürgermeisterin seit ihrem Amtsantritt auf den Versand von Weihnachtskarten verzichtet. Sie spendet traditionell die Ersparnisse an die Tee- und Wärmestube. Außerdem brachte sie vier Kisten Äpfel mit. Es handelt sich um Ausstellungsstücke des Obstbausymposiums, das am Freitag und Samstag in Werder stattgefunden hat.  Karsten Perenz sang den passenden Song, das „Havelobstlied“.

Manuela Saß dankte den Mitwirkenden des literarisch-musikalischen Abends und den vielen anderen Werderanern, die durch ihre Spendenbereitschaft die Arbeit der Tee- und Wärmestube unterstützen. Außerdem würdigte sie das Engagement der Leiterin der Tee- und Wärmestube Martina Müller, die seit dem Start vor 17 Jahren dabei ist, aber auch der vielen Ehrenamtlichen, durch die die Arbeit der wichtigen Einrichtung erst möglich gemacht werde. Die Freunde bei Martina Müller war groß, die 500 Euro sollen unter anderem in ein Theaterprojekt für Kinder und in die Kinderweihnachtsfeier der Tee- und Wärmestube fließen.

Rüdiger van Leeuwen, Prokurist vom Träger der Tee- und Wärmestube, der Ernst von Bergmann Sozial gGmbH, zeigte sich erfreut, dass die wichtige soziale Einrichtung in der Stadt von den Werderanern wertgeschätzt werde. Immer wieder gebe es Unterstützungs-Initiativen. Mit der Stadtverwaltung Werder (Havel) bestehe ein unkompliziertes Miteinander. Rüdiger van Leeuwen versicherte, dass man an der Trägerschaft der Tee- und Wärmestube und auch des Werderaner Beratungs- und Begegnungszentrums Treffpunkt in den nächsten Jahren festhalten werde. (low/red)

Spenden willkommen

Wir haben einfach mal nachgefragt, was in der Tee- und Wärmestube Werder (Havel) im Moment gebraucht wird:

  • eine gute Pfanne (für die beliebten Kartoffelpuffer)
  • ein größerer Kochtopf für Kartoffeln
  • ein Mülleimer
  • Geschirrhandtücher
  • Kleidung Damen / Herren / Kinder (auch gut erhaltene Schuhe, Strümpfe, Strumpfhosen)

Wer etwas aus dieser Liste oder auch Geld spenden möchte, meldet sich einfach bei der Leiterin der Tee- und Wärmestube unter 03327 66 87 93 oder geht mal in die Eisenbahnstraße 1 – über den Hof zwischen NKD (früher Pomona) und Apotheke (früher Ponybar). Geöffnet ist Montag bis Freitag 8.30 – 15.30 Uhr sowie nach persönlicher Absprache.

Spenden geht auch hier:
Spendenkonto:
Mittelbrandenburgische Sparkasse
IBAN: DE43 1605 0000 1000 7194 87
BIC: WELADED1PMB
Verwendungszweck: Spende für die Tee- und Wärmestube Werder

Die fleißigen Helferinnen in der Tee- und Wärmestube - ohne sie ginge hier bei weitem nicht so viel. Foto: wsw
Karsten Perenz singt in der Tee- und Wärmestube. Foto: wsw

Die Tee- und Wärmestube in Werder (Havel)

Kostenlose Beratung und Begleitung für Menschen in materieller Not und mit persönlichen Problemen:
Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen
Informationen über soziale Ansprüche wie ALG I, ALG II, Wohngeld, Kindergeld, BAföG, Renten etc.
Hilfestellung bei Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche
Vermittlung bei Schulden und Suchtproblemen
ggf. Begleitung zu Ämtern und Behörden
Hilfe zur Selbsthilfe

Frühstück und Mittag gegen einen Unkostenbeitrag
Möglichkeit zum Wäschewaschen
Ausgabe von Bekleidung
Ausgabe von Lebensmitteln der Potsdamer Tafel
Computernutzung
Bewerbungshilfe
Raum zum Aufhalten zum Lesen von Zeitungen und Büchern oder Fernsehen
jeden Donnerstag 9 – 10 Uhr Beratungdurch das Ärztemobil Potsdam