Gemeindeabend zur Flüchtlingshilfe

Ein voller Gemeindesaal in Werder - viele Interessierte hören zu und diskutieren mit.
Ein voller Gemeindesaal in Werder - viele Interessierte hören zu und diskutieren mit.

Gewalt, Diktatur und Extremismus.
Bald fünf Jahre dauert der furchtbare Krieg in Syrien mit weit über 300 000 Toten und mehr als eine Million Verletzter. Seitdem flohen knapp elfeinhalb Millionen Menschen. Die größte Zahl der syrischen Flüchtlinge lebt im Land selbst, sie werden Binnenvertriebene genannt. Fast vier Millionen Menschen suchen Schutz in den Nachbarländern.
Das Mittelmeer ist inzwischen ein Massengrab geworden. Viele Tausende sind bei dem Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen, gestorben. Jeden Tag sterben zwei Kinder im Mittelmeer.
Im vergangenen Jahr kamen gut eine Million Migranten nach Deutschland. Beileibe nicht alle aus Syrien. In der Bundesrepublik befinden sich inzwischen rund fünf Prozent aller syrischen Flüchtlinge weltweit. Im vergangenen Jahr kamen gut eine Million Migranten nach Deutschland. Die Bundesregierung rechnet damit, dass im laufenden Jahr etwa 500 000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Laut Landratsamt sind im vergangenen Jahr 2 163 Asylbewerber in Potsdam-Mittelmark aufgenommen worden. In Werder hat der Landkreis Potsdam-Mittelmark ein ehemaliges Lehrlingswohnheim nahe der Bismarckhöhe als Flüchtlingsunterkunft angemietet. Nach der Sanierung sollen dort im Sommer, wahrscheinlich ab Juni, bis zu 250 Asylbewerber unterkommen.

Ein voller Gemeindesaal in Werder - viele Interessierte hören zu und diskutieren mit.
Ein voller Gemeindesaal in Werder – viele Interessierte hören zu und diskutieren mit.

Der Potsdamer Flüchtlingsseelsorger Pfarrer Bernhard Fricke, Bernd Kreissl,  im Landkreis Potsdam-Mittelmark unter anderem für die Unterbringung alleinreisender minderjähriger Flüchtlinge zuständig, Thomas Schulz, Leiter des Jugendamtes Potsdam-Mittelmark, und zwei weitere Mitarbeiter, die sich um  unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und hier unter anderem um die entsprechenden Vormundschaften kümmern, waren gestern auf Einladung von Werders Pfarrer Georg Thimme zum Gemeindeabend im Gemeindehaus in der Adolf-Damaschke-Straße zu Gast. Vor vollem Haus berichteten sie über ihren Alltag, die Arbeit und ihre Erfahrungen. Ein emotionaler Abend, nicht erst, nachdem Pfarrer Fricke sagte, „dass wir zwar mit den Flüchtlingen vor einer enormen Herausforderung stehen“. „Flüchtlinge in Not müssen beschützt werden, Menschen mit Asyl müssen integriert werden“. Allerdings, so betonte der Seelsorger, verstehe er nicht, weshalb immer von einer „Flüchtlingskrise“ gesprochen würde, er spräche lieber davon, dass es um „Menschen in kritischen Situationen“ ginge. Eine „Krise“ ist das doch für diejenigen, die sich in größter Not auf eine gefährliche Reise begeben. „Das sind Menschen mit Herz, Ideen und Wünschen, unter anderem, wo sie leben wollen, wo sie ein sicheres Leben, Ausbildung oder Arbeit finden“. Und weiter: „Kein Mensch macht sich ohne Not auf den Weg, deshalb darf man Flüchtlinge nicht unterscheiden“, forderte er eine Kultur der Barmherzigkeit. In Potsdam seien es derzeit 1495 Flüchtlinge. „Das sind weniger als ein Prozent der Stadtbevölkerung, das können wir bewältigen“.

Fricke wird als Flüchtlingsseelsorger auch zu Muslimen gerufen. „Ich habe viel Trauerarbeit zu leisten“, verweist er auf teilweise überaus dramatische Umstände auf der Flucht, jahrelanges Unterwegssein, schreckliche Erlebnisse. Wir alle kennen die Bilder aus den Medien. „Ich hatte ein Gespräch mit einem Muslim, dessen Mutter gestorben war. Ich habe mit ihm gesprochen, als ob ich mit einem Deutschen spreche. Das war – auch aufgrund eines sehr einfühlsamen Dolmetschers – ein wunderbares, vertrauensvolles Gespräch über Gott zwischen Christ und Muslim.“

Bernd Kreissl berichtete, dass er sich derzeit um rund 78 bis 80 minderjährige Flüchtlinge kümmert. Die Zahl schwanke, so Kreissl, weil die Jugendlichen, die 18 werden, dann in andere Zuständigkeiten übergeben werden und es ja auch immer Familienzusammenführungen gibt, manchmal übernehmen dabei auch andere Verwandte die Vormundschaft. Außerdem machten sich einige Jugendliche auch allein auf den Weg, vielleicht zu Verwandten, und, das darf auch nicht unbeachtet bleiben, gibt es Jugendliche, die in die Heimat zurückkehren.
Es geht, so Kreissl, bei seiner täglichen Arbeit nicht einfach nur darum, die Kinder und Jugendlichen „satt und sicher“ zu bekommen. Es geht um den Ist-Zustand und die Perspektiven. Beim so genannten „Clearingverfahren“ werden die individuellen Hintergründe und Umstände der Flucht geklärt, die Minderjährigen werden untersucht, es wird festgestellt, welche Sprache sie sprechen, ob sie Schulbildung haben. „Meine Erfahrung“, so Kreissl, „die allermeisten sind sehr höflich, schüchtern und sogar ängstlich, wenn sie merken, dass wir eine staatliche Einrichtung sind“. Da merke man, sagte Kreissl, „dass es in den meisten Herkunftsländern anders läuft“. Die meisten Kinder wollen zur Schule gehen, die wollen lernen, die wollen einen Beruf, lautet seine Erfahrung. Es gäbe auch schwierige Situationen, schließlich müssen Strukturen und Prozesse eingehalten werden. „Das kann lange dauern, bis zu zwei Jahre“, kennt er die Abläufe, bevor der Asylantrag durch ist. „Alle können viele Geschichten erzählen – schöne und auch traurige“, so Kreissl, der aktuell 35 Mündel betreut. Da bedarf es, wie er betont, „auch der engagierten ehrenamtlichen Hilfe“.

In der Diskussion im Gemeindehaus wurde unter anderem die Frage gestellt, „ob die Eltern den 14-jährigen Sohn auf die gefährliche Reise schicken, um dann nachgeholt werden zu können“. Darauf gibt es viele Antworten. Ja, es geht auch um den Nachzug. Andererseits schickten die Eltern oft die älteren Jungen, weil die auf der Flucht nicht so gefährdet sind. Sie wollen in ihrem möglicherweise kriegsgebeuteltem Heimatland wenigstens für ein Kind eine Perspektive fürs Leben. Sie wollen den Sohn womöglich davor beschützen, zum Militär, in den Krieg zu müssen. Und oft reicht das Geld auch nur, ein Familienmitglied auf die gefährliche und oft teure Flucht zu schicken. Und die Jungen, die hier dann ankommen, begreifen ihre Flucht auch als Auftrag und fühlen sich schuldig, wenn es nicht gleich klappt.

Pfarrer Fricke, der derzeit rund 100 ehrenamtliche Helfer betreut, plädierte für eine enge Verzahnung der Aktivitäten in den Orten. „Wir alle können etwas für die Flüchtlinge machen. Und später können wir alle etwas mit den Flüchtlingen machen. Im Stiften von Begegnungen verschwinden Vorurteile“, so der Seelsorger. Einer Haltung von Ausgrenzung und Rassismus – auch in der Nachbarschaft – müsse man widersprechen.

Informationen zum lokalen „Netzwerk neue Nachbarn“ finden interessierte Werderanerinnen und Werderaner hier im Internet.

Jeden Dienstag von 15 – 18 Uhr stehen die Türen in der „obstkultour“ in Glindow offen. Dort sind alle willkommen, die sonst vielleicht keine Möglichkeit haben, mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen, hier kann das Welt-Café eine bereichernde Abwechslung sein.

Hier gibt es Informationen zu den Flüchtlingszahlen und hier zur UNO-Flüchtlingshilfe.