Krimizeit!Toni Sanftleben ermittelt wieder

Werder (Havel), 6. April 2018 – „Toni! Nein!“, möchte man dem Kommissar zurufen, als der wieder zur Flasche greift. Aber da ist man schon mitten drin im neuen Krimi von Tim Pieper und so gefesselt, dass man dem inzwischen aus zwei Büchern bekannten Titelhelden so nahe ist, dass es nicht auffällig scheint, wenn man sogar mit ihm spricht.

Tim Pieper hat es mit „Tiefe Havel“ zum dritten Mal geschafft, einen atmosphärisch dichten Krimi zu schreiben, der den Leser mitreißt, fast zwingt, das Buch erst zur Seite zu legen, wenn die letzte Seite gelesen, ja verschlungen ist. Bis zum Ende hält Pieper die Spannung aufrecht und lässt wie bei den ersten beiden Büchern „Kalte Havel“ und „Dunkle Havel“ auf eine Fortsetzung hoffen. Durch den Fluss der Erzählung überaus überzeugend, im Krimi-Genré einfallsreich und in den Dialogen der Protagonisten nachvollziehbar und wiederum überzeugend in den Bildern der Orte hat dieser dritte Teil der Toni Sanftleben-Reihe sogar noch an Stärke gewonnen. Denn noch verzwickter der Fall, noch tiefer die Charaktere und noch ideenreicher der Plot – das darf nicht der letzte Fall für Toni Sanftleben sein. Die Havel selbst sowie Land und Leute am Ufer des Flusses haben weitere Fälle verdient.

„Ja, er war rückfällig geworden, aber er wollte kein Drama daraus machen. Momentan steckte er in einer schlimmen Situation. Und was taten Männer, wenn sie keinen Ausweg wussten? Sie betranken sich! Das war nichts Ungewöhnliches.“

Kommissar Toni Sanftleben versucht, sich herauszureden – doch wie im wahren Leben klappt das nicht. Aber die Situation ist wirklich dramatisch. Nicht der aktuelle Mordfall ist es, der den trockenen Alkoholiker zur Flasche greifen lässt – es ist die Situation der Beziehung zu seiner Frau Sofie. Die hat das Hausboot verlassen und wohnt jetzt in einer großen Wohngemeinschaft in Groß Kreutz. Auch ohne die beiden ersten Teile zu kennen, nimmt man ihm die schier grenzenlose Liebe zu seiner Frau ab. Pieper lässt in kurzen Rückblicken klar werden, wer Sofie war und wer sie jetzt ist – und natürlich auch, warum sie nicht mehr mit ihrem Mann zusammenleben kann oder will.

So bleibt die parallel weiter erzählte Geschichte der Beziehung spannend, erfährt im Laufe des Buches sogar eine wichtige Rolle und eine dramatische Steigerung, nachdem sich die Wege anderer Protagonisten und Sofie kreuzen. Der Autor entwickelt also die bekannten Figuren weiter, auch die Potsdamer Mitarbeiter des Kommissars dürfen im Laufe des Buches ihre Charaktere schärfen – das vertieft die Bindung zusätzlich.

Doch zuvor beginnt der Krimi unheilvoll. Im Klappentext heißt es: „Ein Binnenfrachtschiff treibt im Havelkanal. An Bord liegt der Kapitän, hingerichtet in Profimanier. Erste Hinweise führen den Potsdamer Hauptkommissar Toni Sanftleben ins Berufsschiffermilieu. Doch der Täter hat bereits weiteres Blut an den Händen. Zu spät begreift Toni, dass es um alles geht, auch um seine eigene Zukunft.“

Der Spezialist für spannende Krimis aus der Region: Tim Pieper. Foto: Autorenfoto

Damit führt uns Tim Pieper in ein von ihm sehr gut recherchiertes Umfeld, der Autor hatte uns in einem Interview zum ersten Krimi bereits erzählt, wie wichtig es ihm ist, die Schauplätze seiner Bücher zu kennen. Das setzte sich im zweiten Fall von Toni Sanftleben fort. Pieper ist bei seinen Erkundungen detailverliebt, ohne aufdringlich zu wirken oder mit besonderer Ortskenntnis punkten zu wollen. Während der Leser in der mittelmärkischen Region die Orte ohne Probleme sofort vor Augen hat, werden andere Leser vielleicht Lust bekommen, den einen oder anderen anschaulich beschriebenen Schauplatz besuchen zu wollen. Ein schöner Nebeneffekt der Bücher, die mit dem Aufkleber „Regionalkrimi“ einfach völlig unterbewertet wären. Und richtig: auch der neue Krimi ist bereits ein Bestseller – nicht nur in Potsdam-Mittelmark.

Der Mordfall an dem Schiffsführer entwickelt sich zu einer vielfach verschlungenen Ermittlung, bei der sich der Kommissar auf seine Kollegen in Potsdam verlassen können muss – was aber nicht immer der Fall ist. Das Einbeziehen der Persönlichkeiten der Mitarbeiter und der Fakt, dass Toni nicht wie so viele Ermittler in der Kriminalliteratur ein „einsamer Wolf“ ist, lässt die Story authentisch erscheinen. Stärken und Schwächen, Intrigen und verschiedene Lebensentwürfe – die Charaktere sind ohne Überhöhung gezeichnet, Verhaltensweisen und auch die Auseinandersetzungen erscheinen glaubhaft und nachvollziehbar.

Eine zentrale Figur in „Tiefe Havel“ ist Sandro. „Glück?, dachte Sandro. Was für ein großes Wort. Frau Lüttke kannte ihn nicht richtig. Was wusste sie schon von seinem wilden Herzen? Was wusste sie von seinen Gefühlen, die völlig unberechenbar waren und ihm immer einen Strich durch die Rechnung machten, wenn es gerade besser wurde. Er war jemand, der rennen musste, damit er sich spürte.“ – Sandro hat bereits gesessen, hat im Knast mehr als schlimme Erfahrungen gemacht und glaubt nicht, dass er jemals die Sonnenseiten des Lebens kennenlernen wird. Doch eine Hoffnung hält ihn am Leben. Und ein ganz besonderes Pferd. Besonders mit diesem Sandro und die Einblicke in seine Gedankenwelt hat Pieper eine Figur entwickelt, der man eigentlich eine positive Änderung im Laufe der Geschichte wünscht. Doch das Leben ist kein Ponyhof – schon gar nicht in einem Krimi.

In seinem verschachtelten Ermittlungsfall mit vielen Wendungen und einem richtigen Action-Finale wie auch in seinem Privatleben muss Toni Sanftleben viele neue, zum Teil sehr schmerzhafte Erfahrungen machen. Pieper macht es dem Leser dabei nicht immer leicht, mitzugehen, manche Entscheidungen – wie der Griff zur Flasche – sind schwer hinnehmbar. Aber gerade ein Kommissar mit Ecken und Kanten, die Auseinandersetzung mit seinen Beweggründen machen den Krimi besonders lebendig. Und die eigenen „Ermittlungen“ beim Lesen, der Versuch, den Fall zu lösen, halten den Krimifan wach.  (wsw)


Tim Pieper, „Tiefe Havel“, emons Verlag, 288 Seiten, ISBN 978-3-7408-0285-1, 11,90 Euro