Name: Walter Kassin
Alter: in zwei Tagen 71
Wohnort: Werder
Seit wann in Werder zu Hause: seit 1948, geboren in Italien
Kinder: ein Sohn, eine Tochter und zwei Enkelkinder

Was machen Sie so den lieben langen Tag?

Organisieren, organisieren, organisieren.

Was würden Sie lieber machen?

Organisieren, organisieren, organisieren.

Das macht mir Spaß. Ich bin ein Netzwerker. Und es ist immer erfreulich, wenn ich merke, dass ich etwas bewegen kann, meine Anregungen angenommen werden und ich Anerkennung bekomme. Mein Leben lang bin ich weitergekommen, weil ich hart arbeiten kann und Ideen habe – nicht wegen irgendwelcher ‚Beziehungen‘.

Nach dem Ende meiner Lehre begann ich meine Arbeit in der GPG Pomona, qualifizierte mich zum Meister und wurde Leiter eines Betriebsteiles in Glindow. Damals war ich beispielsweise auch bei der Beschlussfassung zum Anlegen des heutigen Weinberges dabei. Vor der Wahl war ich nicht ‚politisch‘. Mit der Wahl im Mai 1990 wurde ich aber ins Stadtparlament gewählt und wurde für vier Jahre als Wahlbeamter Beigeordneter für Bildung, Kultur, Sport und Tourismus. Nach Ablauf der Wahlfunktion blieb ich in der Stadtverwaltung und führte das weiter, was ich in den ersten vier Jahren nach der Wende begann: So beispielsweise das Baumblütenfest in eine neue Form zu bringen, den Tourismus aufzubauen, dabei unter Einbeziehung des Wein- und Obstbaues auch weitere Feste der Stadt zu organisieren. Ich freue mich, dass unsere Tradition heute in anderen Schienen weiterlebt. Und immer habe ich gearbeitet und organisiert …

Wie würden Sie Werder einem Fremden beschreiben?

Ich würde erzählen von der schönen Lage, von der Natur, vom Pilze sammeln oder Rad fahren: Werder ist eine so hübsche Stadt, hier passiert so viel und rundherum viel Wasser und Wald. Das habe ich immer allen empfohlen: Hier wohnen, um für Arbeit, Kultur, Nachtleben oder was auch immer die kurzen Wege nach Potsdam und Berlin nutzen zu können.

Haben Sie einen Lieblingsort in Werder? Wo und warum?

Der Blick von Geltow auf Werders Insel ist wunderschön. Ich fahre oft den Radweg durch Geltow, um diesen Blick zu haben: Werders Insel und im Hintergrund die Höhenzüge. Das ist im Frühling der Hammer, wenn es blüht. Deshalb führen meine Radtouren immer gern dahin, nur hinten an der Eisenbahnbrücke müsste mal was passieren. Da fehlt eine Fußgänger- und Fahrradbrücke.

Rummel oder Muckergarten? Wo ist Ihr Lieblingsort auf der Baumblüte?

Auf dem Panoramaweg. Sechs, sieben mal fahre ich da lang zur Baumblüte.

Auch sonst fahre ich da mit dem Rad oder dem Auto oft lang, wenn ich unterwegs bin. Einfach, um zu sehen, wie sich in der Natur alles entwickelt. Den Panoramaweg als Obstanbaugebiet weiterzuentwickeln ist mein erklärtes Ziel. Da kann man noch so viel machen, Neupflanzungen sind nötig, weil die Kirschanlage langsam alt wird. Da habe ich viele Ideen und da führe ich auch viele Gespräche mit den Landwirten.

Welche ist Ihre Lieblingsjahreszeit und warum?

Ganz klar der Frühling. Und dann bis in den Sommer hinein. Ich bin Gärter von Beruf – ich liebe das Erwachen der Natur, ich beobachte Grashalme und Knospen. Das ist die Zeit zum Auspflanzen, die Beete werden bearbeitet, der Garten gestaltet. Pflanzen werden vorgezogen, das Gemüse für die spätere Ernte. Ich bin mit der Natur groß geworden, ich liebe die Natur. Deshalb bin ich Gärtner geworden.

Wo muss ein Besucher unserer Stadt unbedingt gewesen sein?

Auf der Insel. Das ist ein ‚Muss‘ für jeden Besucher. Und natürlich die Schuffelgärten.

Ureinwohner (Werderscher) oder Zugezogener (Werderaner), das ist hier die Frage. Wie stehen Sie dazu?

Da es in Werder kein Krankenhaus gab, können ja eigentlich nur die Hausgeburten ‚Werderscher‘ sein. Ich bin im Krankenhaus geboren. Ich bin Werderaner und stolz darauf. Da muss man doch nicht so einen Kult drum machen!

Wie sind Sie nach Werder gekommen?

Der erste Cassin kam 1678 mit den Hugenotten nach Werder. Meine italienischen Vorfahren waren bereits Weinbauern. Meine Familie ist seitdem fest in Werder verwurzelt – wir haben Verbindungen zu vielen Familien, unter anderem Pape, Hintze, Baumgarten oder Lindicke. Einer meiner bekanntesten Vorfahren ist wohl Wilhelm Ludwig Casin. (Der Name Kassin wurde in der Schreibweise des öfteren verändert.) Wilhelm Ludwig, 1802 geboren und ins Eheregister später eingetragen als „Bürger und Weinmeister“, trat sein Erbe an, um den Obstbau in seiner Vaterstadt zu fördern. Aus den Weinbergen wurden immer mehr Obstplantagen. Wilhelm Ludwig wollte – den hiesigen Boden- und Klimabedingungen entsprechend – eine besonders frühe Kirsche züchten. Nach Jahren hatte er Erfolg. Um 1850 nannte er seine Kirsche „Kassins Frühe“. Dieser Baum stand noch bis in die 1970er Jahre in der so genannten Sandscholle im Wachtelwinkel, unterhalb des Wachtelberges in Werder. Den Nachbarn blieb der Zuchterfolg nicht geheim. Als sie auf Anfrage bei Wilhelm Ludwig keine Edelreiser bekamen, wurden ihm von diesem Baum sämtliche Edelreiser abgeschnitten und gestohlen. Dennoch schaffte die ‚Herzkirsche‘ von und mit Wilhelm Ludwig ihren ‚Siegeszug‘. Immerhin ist sie bis heute weit verbreitet und inzwischen sogar in der Schweiz, in Holland, in England und Amerika zu Hause.

Als 1878 der Obstbau-Verein Werder gegründet wurde, waren auch drei Kassins dabei. Und mein Großvater Gustav Friedrich Adolf Kassin II., Obstzüchter und Gärtner-Lehrmeister mit eigenem Lehrbetrieb, war der Begründer des heutigen Obstbaumuseums am Alten Rathaus auf der Insel. Damals in 50er Jahren entstand das Museum im ehemaligen Scharfrichterhaus, heute eine Gaststätte. Aus dem Hause Baumgarten am Plessower See heiratete er meine Großmutter Anna Angelika Baumgarten. Ihr gemeinsamer Sohn, mein Vater, Obstzüchter Karl Adolf Kassin III., wurde 1920 geboren, der Krieg verschlug ihn nach Italien, wo er meine Mutter kennen lernte und wo ich geboren wurde und 1948 schließlich nach Werder kam.

Marmelade oder Wein?

Beides! Und Marmelade mache ich natürlich selbst und probiere gern auch neue Obstmischungen dafür aus.

Hund oder Katze?

Ich mag Tiere. Aber einen Hund könnte ich nicht halten, ich bin zuviel unterwegs. Das wäre verantwortungslos. Katzen mögen mich, ich hatte zwei Pflegekatzen. Die eine ist mir zugelaufen, ließ sich füttern, aber niemals anfassen – bis kurz vor ihrem Tode. Damit hat sie sich von mir quasi verabschiedet.

Hobbys? Ehrenämter?

Im Ruhestand hatte ich mich entschlossen, den Obst- und Gartenbauverein als Vorsitzender zu führen. Ich möchte in meiner Heimatstadt mithelfen, alte Traditionen zu pflegen. Wissen über regionale Obstsorten und die Tradionen des Obstanbaus in Werder wird durch unseren Verein weitergegeben und bewahrt. Zum Obst- und Gartenbauverein Werder (Havel) gehören derzeit 30 Mitglieder und 20 Ehrenmitglieder, die Obst und Gemüse anbauen und weiter verarbeiten, Pflanzen züchten und den regionalen Standort fördern. Wir haben den Frischemarkt in eigene Regie übernommen – das läuft sehr gut, ebenso meine Idee mit den Schuffelgärten. Jährlich wiederkehrende Events wie Frühlingserwachen, die Eröffnung der Erdbeer-, Kirsch- und Apfelsaison, größte Tomate, größter Apfel, Kirschsteinweitspucken und Adventsmarkt beleben unseren Markt. Da habe ich noch viele weitere Ideen für die weitere Entwicklung! Und da freue ich mich auch besonders darüber, dass sowohl unsere Bürgermeisterin Manuela Saß als auch der erste Beigeordnete Christian Große uns immer unterstützen und die Leistungen anerkennen.

Ebenso ist es wohl kein Geheimnis, dass ich eine ‚Frohnatur‘ bin. Schon zu DDR-Zeiten war ich Karnevalist. Das begann Anfang der 60er Jahre mit dem Karnevals Club Werder (KCW). Jetzt bin ich Präsident des Karnevalsverbandes Berlin-Brandenburg und im Präsidium des Bund Deutscher Karneval e.V.

Andere sagen, dass ich eine karnevalistische „Legende“ bin oder ein „Urgestein“ …

Stolz bin ich jedenfalls darauf, dass wir ‚Ost‘-Vereine es mit unserer Arbeit geschafft haben, die Anerkennung von den Karnevals-Vereinen aus den alten Bundesländern zu bekommen und sogar Ideen eingebracht haben, die sich durchgesetzt haben. Wir bringen da richtig viel Bewegung hinein. Da könnte ich noch so viel erzählen … Wichtig ist mir aber immer die Jugendarbeit! Ohne Jugend keine Zukunft!