Mit Hörenden und Gehörlosen wurde in Werder (Havel) „Linie 1“ inszeniert

Werder (Havel), 18. Mai 2017 – Ein Mädchen vom Lande kommt auf der Suche nach ihrem Märchenprinzen nach Berlin und lernt bei der Fahrt in der U-Bahn verschiedene Gestalten aus dem Berliner Milieu kennen. Es ist kurz gesagt der Inhalt des Musicals „Linie 1“. Was als erfolgreichste Inszenierung des Berliner Grips-Theaters gilt, wurde in den vergangenen Monaten in einem Musicalprojekt der evangelischen Heilig-Geist-Gemeinde Werder (Havel) und des Gebärdenchors der Berliner Gehörlosenseelsorge einstudiert.

Am 20. Mai feiert das inklusive Musicalprojekt in Werder seine Premiere. Rund 500 Gäste werde zu den beiden Vorführungen am 20. Mai um 19.30 Uhr und 21. Mai um 17 Uhr in der Kirche erwartet. Regie führt Pfarrer Georg Thimme, es ist sein drittes Musicalprojekt in Werder. Für Gehörlose gedolmetscht wurde auch schon in früheren Inzenierungen. Dass aber sieben Gehörlose und vier Hörende, die in der Gebärdensprache reden können, unter den 60 sechs bis 60 Jahre alten Beteiligten sind, ist neu.

Als Vermittlerin ist Marina Barthel dabei, die 22-Jährige hat Deaf Studies an der Humboldt Universität studiert und sich mit der Welt der Gehörlosen vertraut gemacht. Sie hat beim Gebärdenchor der Gehörlosenseelsorge gearbeitet, ist inzwischen  im Deaf Teens e.V. als Freizeitgestalterin tätig und hat mehrere Rollen, unter anderem als Punkerin, in der Werderaner Inszenierung übernommen. Das Projekt sei ein ganz besonderes, sagt Marina Barthel. Während Übersetzungen in die Gebärdensprache bei Kulturveranstaltungen häufig zu erleben sind, sei die Einbeziehung von Gehörlosen eher selten. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es klappt. Es ist auch nicht einfach, aber das Ergebnis wird toll sein“, sagt Marina Barthel.

Der Gehörlose Wolfgang Mescher, Leiter des Berliner Gebärdenchors, sieht das genauso. Der 51-Jährige tritt in mehreren Szenen des Musicals auf, unter anderem in der Rolle des alten Herrmanns. In dieser Szene der Inszenierung wird seine Gebärdensprache für das Publikum von Sprechenden übersetzt. Wolfgang Mescher macht die Arbeit großen Spaß. Sein Anspruch: Die Gebärden sollen besonders schön sein, es soll Spaß machen, zuzuschauen. Er selbst empfinde beim Singen in der Gebärdensprache den Rhythmus, den Schwung und die Poesie, sagt Wolfgang Mescher.

Charlotte Thimme spielt in der Inszenierung das Mädchen. Sie habe durch die Arbeit viele besondere Begegnungen gehabt und auch einige Wörter in Gebärdensprache gelernt. Einiges davon benötige sie auch in der Inszenierung. Besonders sehenswert findet die 17-Jährige, wie Gehörlose klatschen, indem sie beide Hände in der Luft schütteln. Der 54-jährige Detlev Baars spielt unter anderem eine Wilmersdorfer Witwe, sein Kostüm mit grauer Dauerwelle ruft bei den  Beteiligten bei den Proben  immer wieder ein Schmunzeln hervor. Bei der Arbeit an dem Musical habe er viel über die Welt der Gehörlosen gelernt. „Man geht aufeinander zu. Man versteht sich, weil man es möchte“, sagt Detlev Baars.

Der Charme des Stückes liege in der Aussage „Jeder Mensch ist etwas Besonderes und liebenswert“, sagt Pfarrer Georg Thimme. So begegnet ein Mädchen aus der Provinz auf der Suche nach ihrer großen Liebe in der Berliner U-Bahnlinie 1 ganz unterschiedlichen Charakteren. Von den alkoholsüchtigen Bettlern über ganz anders lebende Punks bis zur erfolgreichen Lady und den die Pension ihrer Männer verprassenden Witwen sind alle auf ihre Art liebenswert, sogar am Ende die Zug-Kontrolleure. „Alle gemeinsam haben schließlich den Mut, von einer besseren Welt zu träumen.“

Während der Probenarbeit hätten die Beteiligten erfahren, wie bereichernd es ist, sich aufeinander einzulassen, gegenseitig von den unterschiedlichen Fähigkeiten zu profitieren und gemeinsam ein besonderes Projekt auf die Beine zu stellen, sagt Pfarrer Thimme. Werders Bürgermeisterin Manuela Saß zeigte sich nach einem Besuch beim letzten Probenwochenende beeindruckt von dem Projekt. „Hörende und Gehörlose können tatsächlich sehr schön miteinander musizieren“, so die Bürgermeisterin. „Den Besuchern dieser Inszenierung wird eindrucksvoll vor Augen geführt, wie Gebärden zu Klängen werden können.“ (Text/Fotos: hkx)


Zu sehen und zu hören ist dieses inklusive Musical-Projekt am 20. Mai um 19.30 Uhr und am 21. Mai um 17 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche Werder sowie am 25. Mai auf dem Kirchentag in Berlin im „Zentrum Barrierefrei“ auf dem Messegelände.

Tickets für 10,- € (erm. 5,- €) gibt es online unter www.werder-musicals.de, telefonisch unter 03327/42691, in der Vorverkaufsstelle im Werderpark, Email an tickets@werder-musicals.de oder an der Abendkasse. Für den Besuch der Aufführung in Berlin wird eine Tages- oder Dauerkarte des Kirchentages benötigt.