Offizieller Baustart für Besucherzentrum der Stadt

Der symbolische erste Spatenstich bei klirrender Kälte vor dem Lindowschen Haus, das im kommenden Jahr als Besucherzentrum der Stadt eröffnet werden soll. Von links: Walter Kassin, Chef des Werderschen Obst- und Gartenbauvereins, Projektleiter Steffen Lehmann, Bürgermeisterin Manuela Saß, der 1. Beigeordnete Christian Große, Architekt Norbert Seidel und Jorinde Bugenhagen von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises PM. Fotos (10): wsw
Das Gehöft zum Beginn der Bauarbeiten: Das „Plumsklo“ steht noch. Die Elemente der historischen Toilette werden aufbewahrt.
Das gesamte Ensemble ist ein Denkmal: Die historischen Ziegel aus den Sanierungsarbeiten werden aufbewahrt und vielfältig wieder eingesetzt.

Werder (Havel), 2. März 2018 – Das „Lindowsche Haus“ wird zum Besucherzentrum der Stadt. Mit dem Scharfrichtergehöft und dem „Treffpunkt“, der ehemaligen Kleinkinderschule, hat Werder dann rund um den Plantagenplatz im Zentrum ein Ensemble von genutzten denkmalgeschützten Bauten.
Neben der Touristeninformation mit einer Ausstellung regionaler Produkte wird auch der Bürgerservice in das denkmalgeschützte Ensemble einziehen, das seinen Namen dem Obstzüchter Friedrich Lindow verdankt, der Eigentümer von 1902 bis 1937 war. Das Außengelände soll mit verschiedenen Obstbäumen und einer „Schuffelstrecke“ den historischen Charakter des Gehöftes repräsentieren, aber beispielsweise auch Stellplätze, Fahrradständer sowie eine „Nextbike-Station“ aufnehmen.

In dieser Woche gab es den symbolischen ersten Spatenstich an dem seit der Wende leer stehendem Haus. Zum offiziellen Baustart kündigten die Bürgermeisterin Manuela Saß und Christian Große, ihr 1. Beigeordneter, die Eröffnung für das kommende Jahr an. Die Gesamtkosten für das Projekt liegen bei 2,5 Millionen Euro, 80 Prozent davon werden von der Städtebauförderung des Landes Brandenburg gefördert.

Manuela Saß dankte dem Land für die Förderung und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Potsdam-Mittelmark für die gute Zusammenarbeit. Saß betonte, wie sehr ihr dieses Projekt am Herzen liege. „Das kostet Engagement und Zeit und Geld – aber das ist gut angelegtes Geld, weil wir uns der Tradition in Werder um den Obstbau verpflichtet sehen“. Das erfülle man auch damit, dass es ein öffentliches Gebäude werde.

Jorinde Bugenhagen von der Denkmalschutzbehörde lobte die aktuellen Planungen für das Grundstück, zumal es diverse andere Ideen für dieses Haus gegeben habe, „die im Sinne des Denkmalschutzes nicht so schön gewesen wären, wie der Umbau jetzt“, bei dem das gesamte Ensemble mit Haupthaus, Stall und Hütte beachtet würden.

Leider müsse, so Bugenhagen, der Dachstuhl zurückgebaut werden. „Es gibt jeden tierischen und pflanzlichen Befall, den es so gibt“. Und der sei leider auch sehr aktiv. „Wir können es nicht gesund beten“, begründet sie mit einem Lächeln den Fakt, dass der Dachstuhl einfach nicht zu retten sei.
Im Rahmen des Rückbaus, den die Denkmalschützer dokumentieren werden, sollen aus den Hölzern der Dachbalken Scheiben geschnitten werden. Die Jahresringe im Holz sollen mit einem so genannten dendrologischen Gutachten Aufschluss zum ungefähren Fälldatum der Bäume zulassen. Somit könne man den Bau des Hauses genauer bestimmen. Möglich ist aber auch, dass bereits zum Bau vorhandenes Holz wieder verwendet wurde. Erwähnt wird der Hof seit 1839, der Aufbau ist typisch für das 19. Jahrhundert, als der Obstbau in Werder seine Blüte erlebte.

Viele Türen sind erhalten, berichtete die Denkmalschützerin, sogar aus den verschiedenen Bauphasen mit dem seitlichen Anbau und dem Stall, aber auch aus dem Ursprungsbau. Eher selten sei, dass Fenster erhalten sind. Besonders die hofseitig geschützt liegenden Fenster sollen nun aufgearbeitet und raumseitig mit einer thermischen Schicht versehen werden. Die erfüllten dann die energetischen Anforderungen, so Bugenhagen.

Im Stall, der 1931 erbaut wurde, bleibt ein Schweinetrog, im Dachbereich die Räucherkammer erhalten. „Die ehemalige Nutzung soll ablesbar bleiben“, so die Bitte des Denkmalschutzes. Das Klohäuschen, das rechts auf dem Hof stand, wurde für die bauvorbereitenden Maßnahmen abgebaut, die Teile wurden eingelagert.

Das Interesse am Urlaub in Werder sei groß, so der 1. Beigeordnete. Mit großer Freude verkündete Christian Große an diesem Tag auch die aktuellen Zahlen, nach denen die Übernachtungszahl sogar um rund acht Prozent gestiegen ist. „Werder ist bei Touristen gefragt, wir brauchen einen zentraleren und größeren Anlaufpunkt für die Erstinformation der Gäste“. Wie Große berichtete, hatte die Touristeninformation in der Kirchstraße im vergangenen Dreivierteljahr bereits 9600 Gäste. „Wenn man die Räumlichkeiten kennt, weiß man, was dort geleistet wird“, spielt er auf die Enge der Räume an.

Werder gehört laut aktueller Information der Landesmarketingorganisation TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH zu den zehn beliebtesten Reiseorten im Land Brandenburg und ist das beliebteste Reiseziel in der Reiseregion Havelland. „Das kann sich sehen lassen!“, so Große, der Zuwachs im Landesdurchschnitt liege nur bei 1,6 Prozent.

Es sei deshalb eine gute Entscheidung, dieses Besucherzentrum ins Herz der Stadt zu integrieren. Aber auch die Anforderungen an die Verwaltungsdienstleistungen seien gestiegen. So sei man auch im Bürgerservice im Schützenhaus an die Grenzen gestoßen. In den Einzelbüros, die hier entstehen werden, können auch die Anforderungen an den Datenschutz besser umgesetzt werden. „Das Lindowsche Haus bietet sich als zentraler Anlaufpunkt für Gäste und auch für unsere Bürger hervorragend an“, so Große. Zudem wird das Lindowsche Haus nach Umbau, Sanierung und Erweiterung barrierefrei sein.

Bürgermeisterin Manuela Saß sagte, dass das Jubiläumsbaumblütenfest im kommenden Jahr ein wunderbarer Anlass für die Eröffnung wäre. Hier würde Geschichte „erlebbar gemacht“, neben der sichtbaren Geschichte des Hauses würde beispielsweise auch das Triptychon des Werderaner Malers Wilfried Mix hier seinen endgültigen Platz finden. Das Bild, auf dem 700 Jahre Werder dargestellt sind, hatte der Künstler anlässlich des vergangenen Jubiläumsjahres für die Stadt gemalt. (wsw/low)

Bürgermeisterin Manuela Saß blickt in die Zukunft des alten Gehöftes mit der Nummer 9. Wenn alles klappt, könnte die Eröffnung zum 140. Baumblütenfest im kommenden Jahr stattfinden.
Der 1. Beigeordnete Christian Große erläutert die Zukunft auch des Stalles, in dem künftig die Einzelbüros für die Mitarbeiter des Bürgerservices einziehen werden.
Noch bevor Wohnhäuser gebaut wurden, gab es meist schon diese Obsthütten. Hier wurden Geräte gelagert, die Hütten wurden aber auch als Unterstand genutzt. Die Fensterläden des Hauses werden hier derzeit als Fledermausschutz verwendet.
Das Haupthaus: Ein Blick in die alte Stube gleich rechts neben dem Eingang - die Fenster gehen zum Vorplatz. Auf diesem Bild sieht man, wie weit die Arbeiten, hier bei der Freilegung, für die Sanierung bislang gekommen sind.

Geschichtliches

Das Gehöft stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es steht als typisches Beispiel für ein Obstbauerngehöft mit Obsthütte und Obstgarten. Es handelt sich dabei um das letzte in dieser Vollständigkeit mit Vorplatz und später errichtetem Nebengebäuden erhaltenem Ensemble. Erwähnt wurde das Haus erstmals 1839 – es ist vermutlich noch älter. Eigentümer 1902 bis 1937 war der Obstzüchter Friedrich Lindau. Ab 1985 wurde das Haus noch einmal für die Nutzung als Obstbaumuseum renoviert, Leerstand ab der Wende.

Das Wohnhaus ist eingeschossig, es handelt sich um einen verputzten Ziegelbau mit einer Fledermausgaube direkt mittig über dem Eingang (siehe Foto). Unter dem mittleren Tail des Hauses findet man einen Keller mit flacher Tonnenwölbung.Der Seitenflügel wurde 1902 errichtet, auch er hat einen Keller, der Stall ist zweigeschossig und diente auch als Sommerküche zum Mosten und Waschen.

Bessere Zeiten: Die Obstzüchterhäuser, die danach seit dem späten 19. Jahrhundert errichtet wurden, waren dann bereits stattlicher und mit aufwändigen Stuckfassaden versehen.

Obsthütten – wie die hier in Werder am Plantagenplatz befindliche – waren bereits im späten 17. Jahrhundert vorhanden. Sie dienten zur Aufbewahrung von Arbeitsgeräten, als Obstlager und Unterstand. Aus den Hütten heraus sollen die Erträge des Gartens auch verkauft worden sein.

Auf dem Gelände stand auch bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten ein Klohäuschen, für die aktuellen Arbeiten wurde es abgebaut – die Teile wurden aber für den späteren Wiederaufbau sichergestellt. (wsw)

Die Fledermausgaube auf dem Dach des eingeschossigen Hauses.

Planungsbeteiligte Firmen

Der Architekt Norbert Seidel, der bereits die Sanierung der Bismarckhöhe betreute, informierte, dass die Objektplanung, die Tragwerksplanung sowie die energetische Gebäudeplanung der Dr. Zauft Ingenieurgesellschaft aus Potsdam obliege. Weitere Planungsbeteiligte sind Architekten und Ingenieure der Ardoris GmbH, für die Brandschutzplanung das Büro Ruge, für die Haustechnik das Ingenieur- und Sachverständigenbüro Görisch, für die Elektrotechnik-Planung das Büro Reichmann, für die Außenanlagen die Arbeitsgemeinschaft Protzmann und Wegwerth, die bereits die Erneuerung der Schulsportanlagen des Ernst-Haeckel-Gymnasiums in Werder (Havel) betreuten. (wsw)