Rache, Sehnsucht und ein dunkles Geheimnis

Tim Pieper. Foto: timpieper.net
Cover "Dunkle Havel"
Cover „Dunkle Havel“

„Er hatte Handzettel angefertigt und sie in Werder und in den umliegenden Dörfern verteilt. Er hatte einige Festbesucher ausfindig gemacht und sie befragt. Er hatte Freunde und Bekannte mobilisiert, war mit ihnen die Ufer abgeschritten und hatte Waldstücke durchkämmt.“  —

Doch Sofie, die bildhübsche Ehefrau von Toni Sanftleben, bleibt verschwunden, scheint ertrunken zu sein. Oder ist sie freiwillig ins Wasser gegangen, nach einem schönen Tag auf dem Baumblütenfest und einer Liebesnacht des jungen Paares am Ufer der Havel? Es gibt keine Spuren, alle Ermittlungen verlaufen letztendlich im Sand.

So steigen wir in den Kriminalroman „Dunkle Havel“ von Tim Pieper ein. Es ist nicht der erste Krimi des Autors, hatte Pieper zuvor mit historischen Stoffen etwa aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts für Aufmerksamkeit in der großen Krimi-Fangemeinde gesorgt, wurde „Dunkle Havel“ mit seiner Geschichte im Hier und Jetzt ebenso schnell zum regionalen Bestseller. Und das nicht nur, weil die Leser im Brandenburgischen so heimatverbunden sind und alles kaufen, wo „Havel“ oder „Werder“ drauf steht. Nein, dieser Krimi könnte im Spreewald spielen oder in Hessen – eine gute und durchdachte Idee, eine flüssige Schreibe, gut beschriebene dreidimensionale Charaktere und einen konfliktreichen Spannungsbogen, der den Leser bis zum Schluss bei Leselaune hält – das macht diesen Krimi zu einem guten Krimi. Vom überraschenden Ende ganz zu schweigen. Die treffenden Ortsbeschreibungen hätten allerdings nicht ihre Lebendigkeit, wenn Pieper nicht die Wege seine Protagonisten gegangen wäre. Er versetzt sich zudem in seine Figuren hinein, um intensive und vielschichtige Charaktere abzubilden.

„Das ist wichtig für mich. Wenn Toni von seinem Hausboot aus in die Morgensonne schaut und auf die Moschee, das Dampfmaschinenhaus für Sanssouci, sieht, muss das stimmen. Und wenn er mit dem Telefon am Ohr von dort losläuft, dann habe ich das vorher auch mal gemacht.“ So gibt Tim Pieper im Gespräch mit wirsindwerder einen kleinen Einblick in seine Arbeitsweise. Jungenhaft und charismatisch ist er – und hat damit sicher dem Helden einige Charakterzüge mitgegeben. Die Sportlichkeit allerdings eher nicht. Pieper fährt gern und ausdauern mit dem Rad und joggt. Dabei denkt er natürlich auch über seine Stoffe und Buchprojekte nach.

Toni Sanftleben kann sich nicht damit abfinden, dass seine Sofie verschwunden ist, er hofft insgeheim, sie lebend wiederzufinden. Er musste sein Leben nach diesem schicksalshaften Moment neu einrichten, sich neu orientieren und dennoch versuchen, dem gemeinsamen Sohn Aaron ein möglichst guter Vater zu sein. Bestimmte vor dem Verschwinden Sofies eher die Leichtigkeit des Seins das Leben des jungen Paares, muss er sich nun dem geregelten Leben stellen. Das gelingt ihm nicht immer, von der verzweifelten und nicht enden wollenden Sehnsucht nach seiner großen Liebe Sofie kann er sich oft nur lösen, wenn mehr Rum als Kaffee in der Tasse ist. Zudem hat er immer wieder Probleme mit seinem hochbegabten Sohn. Der verlangt nach einem Vater, der sich um das Hier und Jetzt und seine Probleme kümmert und nicht nur in der Vergangenheit lebt.
Sanftleben wurde nach dem Schicksalsschlag Kriminalbeamter und begann sogar eine Ausbildung zum Fallanalytiker. In Potsdam leitet er ein nun Ermittlerteam. All die Jahre nutzte er alle Möglichkeiten seines Jobs aus, heimlich weiter an dem Fall seiner verschwundenen Frau zu arbeiten. Doch alles gerät aus den Fugen, als er eines Morgens zu einem Einsatz gerufen wird. Auf dem Weg von seinem Hausboot in der Havelbucht in die Innenstadt geht er noch von einem Routinefall aus. Bei dem Mordopfer jedoch findet er ein altes Bild seiner Frau. Sie sieht ängstlich aus und trägt Sachen, die er nach ihrem Verschwinden nicht mehr gefunden hatte. Was zu Teufel war passiert? Sanftleben, selbstquälerisch getrieben von dem Drang, die Wahrheit herauszufinden, beginnt erneut und noch verbissener zu recherchieren.
Jetzt entwickelt sich eine klug gestrickte Handlung, Tim Pieper nimmt den Leser mit schönen bildhaften Beschreibungen mit an viele bekannte Orte unserer Stadt und der Umgebung, lässt Feuerwehrmänner, Fischer, Obstbauern und Vogelkundler zu Wort kommen. Es gibt weitere Tote, es geht um Drogen und um Verwahrlosung, um Doppelleben, Zwangsprostitution, Lügen, Eifersucht und Rache – aus der Grundkonstellation des Verschwindens von Sofie entwickelt der Autor wuchtige Erzählstränge in viele Richtungen. Er verdichtet, um den Leser weiszumachen, dass er wüsste, was wirklich geschehen ist. Dann geht es jedoch herrlich undurchschaubar weiter, am Ende gibt Pieper dem Drama mit einer unverhofften und dennoch glaubwürdigen Wendung noch einmal richtig Schwung.

Ob und wie das Rätsel um die verschwundene Sofie gelöst wird, erfahren Sie, wenn das Buch lesen! Und Sie sollten es lesen! Wir verlosen drei Exemplare, die uns der emons: Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Dazu geben Sie einfach Name und Adresse mit einem kurzen Satz zu dieser Verlosung unter dem Stichwort „Dunkle Havel“ unter diesem Beitrag in das Kommentarfeld ein. Wir losen die drei Gewinner dann aus und verschicken die Bücher.

Die Havel, Werder und das Baumblütenfest – Tatorte, die es im „Tatort“ im TV noch nicht gab. Aber diese Geschichte wäre es wahrlich wert, verfilmt zu werden. Und nicht nur das – das Drama verlangt ebenso dringlich nach einer Fortsetzung, denn das Ende lässt bewusst einige Fragen offen. Tim Pieper kann zumindest die Fortsetzung bestätigen – schon im kommenden Jahr dürfen sich die Leser auf den zweiten Teil von „Dunkle Havel“ freuen!
Einer Verfilmung würde Pieper natürlich zustimmen: „Das Drehbuch müsste aber ein anderer schreiben“, sagt Pieper. Er würde jedoch gern bei der Umsetzung eines filmischen Projektes helfen.

Tim Pieper, „Dunkle Havel“, 9,90 Euro, Kriminalroman, Broschur, 256 Seiten, ISBN 978-3-95451-507-3

Informationen zum Autor und weiteren Veröffentlichungen auf seiner Internetseite timpieper.net oder auf der Seite des Verlages.

Tim Pieper ist am 20. November ab 19.30 Uhr anlässlich des 6. Krimimarathons Berlin-Brandenburg bei einer Lesung aus „Dunkle Havel“ im Kulturladen in der Ketziner Straße 50A in Potsdam, OT Fahrland, zu erleben.