Zweiter Teil der „Werderaner Chronik“ erschienen

Bürgermeisterin Manuela Saß und Dr. Baldur Martin bei der Vorstellung des zweiten Teils der „Werder Chronik“. Foto: low

Werder (Havel), 13. Oktober 2016 – 236 Seiten stark ist der zweite Teil der „Werder Chronik“, den der Verein „700 Jahre Stadtgeschichte Werder (Havel)“ am heutigen Donnerstag vorgestellt hat. Darin wird die Geschichte unserer Stadt zwischen den Jahren 1740 und 1945 beschrieben. Dr. Baldur Martin hat das Werk unter Mitarbeit von Erhard Schulz verfasst, es wird durch Einzelbeiträge von Wolfgang Heitsch und Prof. Hartmut Röhn ergänzt. Darstellungen historischer Dokumente und die Zeichnungen des Werderaner Künstlers Tino Würfel illustrieren den Band.

Dunkle Zeiten in Werders Geschichte

Ohne zu übertreiben kann Dr. Baldur Martin behaupten, der erste zu sein, der sich mit der Nazizeit in Werder beschäftigt hat. „Es gibt kaum Akten, viel wurde vernichtet. Es gab kein Interesse daran – in der DDR nicht und heute nicht“, berichtet Martin bei der Vorstellung des Bandes. „Ich habe mich vertieft, denn es gibt ja abseits der Archive noch andere Quellen“. So wurde er in der damaligen „Potsdamer Tageszeitung“ und auch im „Generalanzeiger“ fündig. Die erschienen täglich und haben, wie Martin feststellen konnte, „akribisch“ berichtet. So war es ihm gut möglich, die Zeit zu rekonstruieren. So sollte beispielsweise der darniederliegende Obstbau in Werder 1942 ganz eingestellt werden, so befahl es der Gauleiter. „Das konnte in letzter Minute abgewendet werden“, erzählt Martin. Die Obstzüchter wurden nur gerettet, weil sich die Versorgungslage in Berlin massiv verschlechterte. Aber es gab Änderungen. So mussten schnell wachsende Obstsorten wie beispielsweise Schattenmorellen und Pfirsiche gepflanzt und Gemüse angebaut werden.

Martin zu den geschichtlichen Fakten der Nazizeit: „Ich kommentiere nicht, ich bewerte nicht, ich präsentiere die Fakten. Und die sprechen für sich. Das wird vielleicht nicht jedem passen, möglicherweise steht ja Opa drin“. Und schließlich hätten die Werderaner bei der letzten freien Wahl einheitlich NSDAP gewählt.

Die Aufnahme auch dunkler Kapitel der Geschichte der Blütenstadt lobte die Bürgermeisterin Manuela Saß. „Wenn man sich der Geschichte widmet, dann muss man auch die dunklen Seiten aufnehmen“, so die Bürgermeisterin. Und sie mahnt: „Wer Geschichte vergisst, ist verdammt, sie nochmal durchzumachen“.

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Die Arbeit an der Chronik

Ein dreiviertel Jahr hat Baldur Martin allein im Brandenburgischen Landeshauptarchiv recherchiert. „Über 800 Urkunden hatte ich in der Hand, in 400 wurde ich fündig“. Und es handelte sich beileibe nicht immer um ein paar Seiten, die er da in den Akten im Archiv fand, von deren Mitarbeitern er übrigens bestens unterstützt wurde. Er ist überzeugt, dass das Bild von Werder teilweise korrigiert werden muss – „Es gibt neue Erkenntnisse – lustige und ersthafte Dinge. Das vielleicht zum Leidwesen der Stadtgilde, aber wir wussten es alle nicht. Ich auch nicht“, sagt Martin mit einem Lächeln. Denn es war nicht immer eitel Sonnenschein in Werder. Werder war „pleite, arm und litt unter Hungersnöten, die 1847 auch Werder nicht verschonte“. Krankheiten, beispielsweise Syphilis, grassierten.

Und so lesen wir in der Chronik tatsächlich Neues. Bislang nicht bekannt war beispielsweise, dass die Inselstadt während der Napoleonischen Kriege von französischen Truppen besetzt waren. „Die Offiziere wurden bei den Bewohnern einquartiert und haben die Werderaner arm gefressen. Die lebten in Saus und Braus“, berichtet Martin. Das ging sogar so weit, dass die Stadt Darlehen von Privatleuten aufnehmen musste, um die Versorgung der Offiziere durch den Kaufmann vorfinanzieren zu können.

Im Buch heißt es dazu in einem Zitat von Friedrich Magnus von Bassewitz (1773–1858), Regierungspräsident in Potsdam und Oberpräsident der Provinz Brandenburg:
„Die Einquartierung der französischen Truppen, war unstreitig die größte Last der Einwohner“ und „Die Menschen hatten in dem Zeitraum der Anwesenheit der Franzosen teils durch die Drangsale der Plünderung, der Durchmärsche und Einquartierungen körperlich und geistig vielfach gelitten. Dazu kam die im Frühjahr 1808 eingetretene teilweise Hungersnot, so daß der Tod viele Opfer forderte“.

Aber auch über den beispiellosen Aufschwung in Werder wird berichtet. „Über die Zeit zwischen 1871 und 1913 gibt es viele historische Dokumente, so Martin. „Telegrafie, Eisenbahn, Elektrifizierung, Pflasterung, Dampfmaschinen – alle möglichen Neuerungen sind auf die Einwohner eingeprasselt.“ Viele Berichte dazu fand er in den Aufzeichnungen von Bürgermeister Dümmlichen oder durch Schriftsteller wie Theodor Fontane oder Gisela Heller.

Bürgermeisterin Saß, die dem Verein und den vielen an der gesamten Chronik beteiligten Einwohnern dankte, scherzte: „Immer, wenn Baldur Martin in den Archiven war, habe ich gedacht, lass’ ihn keine Urkunde finden, in der steht, dass Werder älter ist …“. Die Arbeitsergebnisse von Dr. Baldur Martin, dem die Werderaner schon in den vergangenen Jahrzehnten viele erhellende Einsichten in die Stadtgeschichte zu verdanken hätten, lobte sie ausdrücklich.

Wichtige Beiträge

Prof. Hartmut Röhn steuerte für den zweiten Band der „Werder Chronik“ einen eindrucksvollen Beitrag zum tragischen Schicksal der jüdischen Einwohner in Werder in dieser Zeit bei. Wolfgang Heitsch recherchierte zum antifaschistischen Widerstand in der Stadt und zählt in der Chronik Namen von Kommunisten und Sozialdemokraten auf, die eingesperrt, misshandelt, gefoltert und teilweise ermordet wurden.

Baldur Martin dankte Tino Würfel, der mit seinen Zeichnungen den Band auf das Wunderbarste ergänzt – gab es doch zu alten Zeiten noch keine Fotografie. Weiterhin illustrieren die Darstellungen historischer Dokumente das Buch.

baldur_martin_buecherMartin, der als „wandelndes Werdergeschichtsbuch“ sehr viel Wissen, viele Anekdoten und jede Menge Stadtgeschichte im Kopf und in seinem privaten Archiv gespeichert hat, kündigte an, sein umfangreiches Archiv einmal nicht im Familienbesitz zu lassen. „Ich werde es entsprechend aufbereiten und einem Archiv übergeben.“

Die Chronik im Überblick

Mit dem jetzt vorliegenden zweiten Band ist die Geschichte Werders bis 1945 komplett erzählt. 2015 erschien der erste Band, der über die Zeit vom Ursprung der Stadt bis in die frühe Neuzeit berichtet. Band 3 soll im Dezember 2016 erscheinen. Hier geht es um die Zeit zwischen 1945 bis zur Gegenwart.

Band 4 zum Großgewerbe und der fünfte Band zum Obstbau gelten als thematisch ergänzende Bücher. Beide sind bereits vergriffen. 2017 sollen der sechste Band zu Industrie und Dienstleistungen und Band 7 zu Kultur, Sport und Bildung herausgegeben werden.

Herausgeber aller Bände ist der Verein „700 Jahre Heimatgeschichte Werder (Havel) e.V.“ mit Dr. Baldur Martin, Dr. Klaus-Peter Meißner und Dr. Klaus Froh, die Bände erscheinen im Knotenpunkt-Verlag. 17 Euro kostet jedes Buch, die Auflage beträgt jeweils 600 Exemplare.

Jeweils 200 Exemplare erwirbt die Stadt Werder (Havel), wie Stadtsprecher Henry Klix informierte. „Für Bürgermeisterin Manuela Saß ist das ein wichtiger Aspekt im Jubiläumsjahr“, so Klix. So soll bei Werders Kindern und Jugendlichen noch stärker das Interesse an der Stadtgeschichte geweckt werden. Manuela Saß: „Es gibt natürlich auch Exemplare in unserer Stadtbibliothek“. Sie hofft, dass das Interesse auch hier groß sein wird, sich in die Geschichte der Stadt einzulesen. (low)