30 Jahre Tag der Deutschen Einheit

Werder (Havel), 3. Oktober 2020 – “Ich erinnere mich noch gut an den 9. November 1989. Da habe ich gerade meinen 40. Geburtstag gefeiert und abends kam ein Freund vorbei, er war Hochseefischer. Und dieser sagte zur mir: ‘Herzlichen Glückwunsch, Werner. Die Grenzen sind offen.'”, erinnert sich Altbürgermeister Werner Große, als er uns gestern in unserem Büro auf der Insel besucht. “Ich dachte, der will mich veräppeln. Aber als wir dann die Tagesthemen eingeschaltet haben und zwei stadtbekannte Werderaner sahen, die auf dem Potsdamer Platz interviewt wurden, haben wir es dann doch geglaubt.”

Etwas über 30 Jahre ist der Fall der Berliner Mauer nun her, der schlussendlich zum Zusammenbruch der SED-Diktatur, zur Auflösung der DDR und zur staatlichen Einheit Deutschlands führte. Heute feiern wir den 30. Tag der Deutschen Einheit. Was hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in Werder (Havel) verändert, wie hat sich unsere Stadt entwickelt und welche Erinnerungen hat Werner Große an damals, der zum Zeitpunkt des Mauerfalls erst knapp fünf Monate das Amt des Bürgermeisters bekleidete?

“Zum ersten Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 haben wir von der CDU eine kleine Feierlichkeit auf der Inselstadt organisiert, die Stadt sponserte noch ein Feuerwerk dazu. Auf dem Sportplatz auf der Insel war auch etwas los. Viele Bürger kamen hinzu und die Stimmung war wirklich toll”, so Werner Große. Am 30. Mai 1990 wurde er zum Bürgermeister gewählt, damals noch von der Stadtverordnetenversammlung. “Ich hatte ja keine Ahnung, was auf mich zukommt”, verrät er lachend. Die Zeit des Umbruchs war nicht einfach. “Es gab drei Rechtssysteme, das alte DDR-Recht, das neue Volkskammerrecht und das Bundesdeutsche Recht. Doch irgendwie sind die Gerichte damals noch nicht wirklich in Schwung gekommen und so war es uns möglich, unkompliziert und schnell Dinge in die Wege zu leiten.”

Werner Große erinnert sich: “Die Straßen waren hier überall marode, die Abwasserleitungen eine Katastrophe, die Inselbrücke kaputt. Die Leute wollten, dass endlich was passiert. Die Wendezeit gab den Anstoß für unsere Blütenstadt, wie man sie heute kennt.”

Die Stadt Werder (Havel) sollte nach der Wende wieder zu ihren Ursprüngen und ihren Stärken zurückfinden. “Werder hatte damals 10.800 Einwohner, eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent und etwa 1000 Menschen, die auf Wohnungssuche waren. Zuerst haben wir dann Sozialwohnungen auf dem Finkenberg gebaut, übrigens die ersten im ganzen Land Brandenburg. Und so langsam wurden auch die landwirtschaftlichen Produkte wieder attraktiver. Die Obstbauern haben sich an die Straße gestellt, wo heute das Radhaus steht, und ihre Waren verkauft. Das Land hatte es eigentlich verboten, aber wir haben es weiterlaufen lassen, weil es die einzige Chance war, Obst und Gemüse an den Mann zu bringen, den Großhandel gab es ja da nicht mehr”, so Werner Große.

Zunächst war von der kleinen Nähstube bis zum Ambulatorium mit seinen 150 Beschäftigten alles in städtischer Hand. Nach der Wende wurden die kleinen und großen Unternehmen dann in die Selbstständigkeit überführt. “Sowas macht man wahrscheinlich nur einmal im Leben mit. Wir haben in der Schule zwar den Weg vom Kapitalismus zum Sozialismus gelernt, aber wie es wieder zurück geht, nicht”, lacht der heute 70-Jährige.

Besonders gerne erinnert sich Werner Große an die gute Zusammenarbeit in der Stadtverordnetenversammlung zurück: “Die CDU war zwar stets stärkste Partei, hatte aber nie die absolute Mehrheit. Ich habe immer versucht, alle politisch zu vereinen. Es gab keine Spaltung, wir haben gemeinsam Politik gemacht. Das würde ich mir für heute auch wünschen. Leider ist es mit den Jahren immer schwieriger geworden, wobei wir früher natürlich auch unsere Differenzen hatten, aber die wurden eben ausdiskutiert. Es galt: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.”

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Einwohnerzahl auf 27.000 erhöht, allein die Einwohnerzahl der Kernstadt hat sich nahezu verdoppelt. Ein kompletter Wandel fand statt. “Wenn ich früher auf der Insel zum Bäcker gegangen bin, war ich meist zwei Stunden unterwegs, weil ich immer jemanden zum Plauschen getroffen habe. Heute ist das anders. Die Nähe zwischen den Bürgern fehlt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl muss gestärkt werden. Wir sind alle Werderaner auch aus den Ortsteilen und nur gemeinsam können wir etwas schaffen für unsere schöne Blütenstadt”, appelliert der Altbürgermeister. Und er ergänzt: “Das schöne an Kommunalpolitik ist ja, dass jede Entscheidung unmittelbare Auswirkungen auf unsere Stadt hat. Von daher wundert mich die geringe Wahlbeteiligung immer wieder.”

Auf die Frage, ob in seinem Kopf auch nach 30 Jahren noch ein Ost-West-Denken ist, antwortet Werner Große: “Klischeedenken in Hinblick auf Ost und West, aber auch in Hinblick auf Alt-Werderaner und Zugezogene ist nicht meins.” Mit diesen abschließenden Worten stoßen wir nun mit unserem Rotkäppchen Sekt auf diesen heutigen, ganz besonderen Tag an. (wsw)

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