„Alles, was ich mache, mache ich mit Haut und Haar.“

Edelgard Baatz ist heute die Vorsitzende des Heimatvereins Glindow. Sie blickt zurück auf eine bewegte (und arbeitsreiche) Zeit, in der sie immer wieder Neues gelernt hat.

Werder (Havel) OT Glindow, 5. Dezember 2018 – „Als 17-jähriges Mädchen fuhr ich regelmäßig mit dem Fahrrad von Bergholz-Rehbrücke nach Werder. Bei einer Pause auf der Baumgartenbrücke mit Blick auf Werder habe ich mir gedacht: ‚Ach, ist das schön hier. Hier möchte ich leben!'“ – Dieser Moment ist nun knapp 56 Jahre her, doch Edelgard Baatz erinnert sich gern daran zurück, wie sie ihr Herz an dieses schöne Fleckchen Erde verlor. Heute lebt die 73-Jährige in Glindow und ist mit der Stadt und der Geschichte des Ortes eng verbunden. Doch wie wurde aus der jungen Radfahrerin von einst die heutige gute Seele von Glindow?

Geboren und aufgewachsen ist Edelgard Baatz in Bergholz-Rehbrücke. Als sie 14 Jahre alt war, starb ihr Vater. „Das war eine schwierige Zeit. Eigentlich hatte ich immer vorgehabt, Abitur zu machen. Aber ich wollte meiner Mutter auch nicht unnötig lange finanziell zur Last fallen“, erinnert sie sich. Stattdessen begann sie eine Lehre als Fachreferentin für Lebensmittel in Werder (Havel). Die Strecke von Bergholz-Rehbrücke bis nach Werder zur Konsumgenossenschaft gegenüber vom heutigen Lidl, legte sie bei gutem Wetter meist mit dem Fahrrad zurück. Und eben bei einer dieser Fahrten fasste sie den Entschluss, hier in Werder zu leben. Und wie es der Zufall so wollte, lernte sie bei der Arbeit ihren heutigen Ehemann kennen. Es dauerte nicht lange und Edelgard Baatz zog mit ihrem Ehemann zu ihren Schwiegereltern nach Glindow. „Wir hatten nur eine kleine Stube für uns. Aber das reichte uns ja. Im Laufe der Jahre haben wir uns dann weiter vergrößert“, verrät die 1945 Geborene.
Edelgard Baatz war schon immer eine, die anpackt. Bei ihrer Arbeit im Handel hat sie viel über den Umgang mit Menschen gelernt. Doch als ihr Sohn geboren wurde, entschloss sie sich, einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen. „Mein Mann war damals auch viel und lange unterwegs, und ich war auch selten zu Hause. Das ging mit einem kleinen Kind nicht mehr. Also habe ich mir etwas Neues gesucht.“ Eine neue berufliche Anstellung fand sie bei der DS-Galvanotechnik GmbH am Fuße der Friedrichshöhe. „Das war wieder eine völlig neue Aufgabe für mich. Im Handel habe ich gelernt, was zu tun ist, damit die Kunden zu uns kommen und nicht woanders hingehen, und nun war ich im kaufmännischen Bereich tätig. Doch es liegt in meiner Natur, dass ich immer und überall etwas Neues lernen möchte und so kann ich mich auch gut in allen möglichen Aufgabenbereichen zurechtfinden“, erzählt Edelgard Baatz. Als ihr Sohn acht Jahre alt war, bekam sie noch eine Tochter. Die zweifache Mutter bestand nicht auf ihrer Anstellung bei der DS-Galvanotechnik GmbH – „Ich finde schon was Neues“. Und so war es dann auch: Die nächste Anstellung fand sie bei der Vulkan-Fiber-Fabrik Werder/Havel in der Adolf-Damaschke-Straße. Und schon wieder musste sie sich hier in einen völlig neuen Werkstoff einarbeiten. Insgesamt hat Edelgard Baatz hier zehn Jahre gearbeitet. 1985 lockte dann die GPG Pomona. „Früher waren die meisten Menschen hier Selbstversorger mit eigenem Nutzgarten. Und das, was übrig blieb, wurde an den Sammelstellen abgegeben und veräußert. Dort, wo der heutige NKD in der Stadt ist, war die GPG Pomona, in der ich dann tätig war. In der Zeit habe ich mir all die kleinen und großen Sorgen der regionalen Obst- und Gemüsebauern angehört“, erinnert sich Edelgard Baatz.

Doch dann kam die Wende, die Sammelstellen gab es nicht mehr. „Ich war Mitte 40, mein Mann Ende 40 und dann standen wir da ohne Arbeit. Wer will uns in dem Alter denn noch, haben wir uns gefragt.“ Im Gespräch mit der sympathischen Glindowerin bemerkt man schnell ihren fast unstillbaren Wissensdurst und ihre Begeisterung, immer wieder neue Dinge zu lernen. Und so landete sie auch schnell wieder auf ihren Füßen und pachtete kurzerhand den Obst- und Gemüseladen von der GPG, in dem sie zuvor angestellt war. Von einem auf den anderen Tag war Edelgard Baatz nun Chefin. Die dynamische Seniorin hat bis Mitte 40 regelmäßig die Schulbank gedrückt und sich stets neues Wissen angeeignet. Dieser Lernwille kam ihr bei ihrer Position als Chefin nun zugute.
„Wir hatten die Bushaltestelle Werder Post direkt vor der Tür und so immer genug Laufkundschaft. Besonders die Rentner haben regelmäßig den Obst- und Gemüseladen für ihre Einkäufe genutzt. Der Laden war 100 Quadratmeter groß mit einem ebenso großen Lager. Die Kollegen, die vorher mit mir zusammen bei der GPG Pomona gearbeitet haben, habe ich alle mit übernommen. Ich hatte sieben Festangestellte und auch einige Teilzeitkräfte“, erzählt Edelgard Baatz. Nachdem der Kundenstamm immer größer wurde und das Angebot im Geschäft nicht mehr genügte, schloss sie sich der SPAR-Handelskette an und wurde eigenständiger SPAR-Händler. Sie musste nun nicht mehr selbst jeden Abend nach Berlin zur Metro zum Einkaufen fahren, sondern wurde durch einen Großhandel beliefert. Das Sortiment wuchs und die Kunden freuten sich zudem über tolle Aktionen, die die engagierte Ladenbesitzerin ins Leben rief. „Ich machte intuitiv alles richtig. Wir haben Weihnachtsgeschenke verpackt, Werbung geschaltet, eine Frischetheke installiert und auf Fachpersonal gesetzt. Wir machten einen Umsatz von 80.000 DM in der Woche.“ Nach 12 tollen, arbeitsreichen Jahre musste Edelgard Baatz ihren Laden am 31.12.2002 jedoch schließen: „Wir haben Reichelt, Kaufland und Aldi überstanden. Doch als gegenüber der Netto eröffnete, wurden unsere Kunden leider immer weniger.“ Ihre letzte Anstellung fand sie dann in Potsdam bei der pakt GmbH als Mädchen für alles, bis sie 2010 in den wohlverdienten Ruhestand ging.

Doch wer glaubt, dass sich Edelgard Baatz dann entspannt zurücklehnte, irrt sich. Bereits seit 2004 ist sie Mitglied im Heimatverein Glindow, dessen Vorsitz sie heute auch innehat. „Ich habe insgesamt 47 Jahre in Werder und der Umgebung gearbeitet, doch ich wollte auch komplett in meinem Heimatort Glindow ankommen. Alles, was ich mache, mache ich mit Haut und Haar. Und so habe ich mich auch erstmal intensiv in die Geschichte Glindows eingelesen und ich habe viel von den älteren Mitgliedern des Heimatvereins lernen können.“ Doch wie in so vielen Vereinen fehlt es auch in Glindow am Nachwuchs. Von den rund 40 Mitgliedern des Heimatvereins sind nur knapp vier unter 60 Jahre alt, die restlichen Mitglieder sind älter und nur rund zehn Mitglieder sind auch noch wirklich aktiv. „Wir freuen uns immer über Besucher, die bei einem Spaziergang bei uns einkehren und ein Stück Kuchen bei uns essen“, lädt Edelgard Baatz Interessierte ein. Doch natürlich gibt es im Heimatverein Glindow nicht nur leckeren Kuchen. Der Verein organisiert zum Beispiel Wanderungen und plant für das Fontanejahr 2019 eine ganz besondere Ausstellung. „Wir möchten die Besucher animieren, in die Fußstapfen von Theodor Fontane zu treten. Und dies mit Fahrrad und Paddelboot“, verrät die Heimatvereinvorsitzende.
Für ihr herausragendes Engagement durfte sich Edelgard Baatz im März dieses Jahres in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Ihr persönliches Glück hat die 73-Jährige mit ihrem Ehemann gefunden. „Wir haben vor dreieinhalb Jahren Goldene Hochzeit gefeiert. Mein Mann ist sportlich interessiert und ich eher musisch, aber wir haben uns all die Jahre immer großartig ergänzt. Ich bin wirklich rundum glücklich und zufrieden, wie unser Leben läuft.“
Wir wünschen Edelgard Baatz, dass sie sich auch weiterhin mit so viel Herzblut und Engagement für „ihr“ Glindow einsetzen kann und auch den Kampf gegen die Windräder, den sie mit zahlreichen Gleichgesinnten voller Überzeugung kämpft, gewinnt. Vielen Dank, dass Sie uns von sich und Ihrem Leben erzählt haben. (wsw)

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