Berliner Kulturgeschichte in Werder

Am 25. August zeigt der SCALA Kulturpalast den Kollo-Klassiker "Solang' noch untern Linden". Auf dem roten Teppich wird auch Marguerite Kollo erwartet.

Marguerite Kollo hat uns in Werder (Havel) besucht., Foto: wsw

Werder (Havel), 6. August 2019 – Mitte Juli hatten wir eine ganz besondere Frau zu Gast. Marguerite Kollo nahm in unserem Büro Platz und hatte zahlreiche spannende Geschichten aus der Vergangenheit im Gepäck. Die 84-Jährige, die gebürtig aus Berlin kommt, lebt seit sechs Jahren im Groß Kreutzer Ortsteil Krielow. Hier bewohnt sie gemeinsam mit einer Bekannten ein schönes Haus im Grünen. 

Der Name Kollo ist aus der internationalen Operettenszene nicht wegzudenken. Walter Kollo, Willi Kollo und René Kollo symbolisieren drei Generationen musikalische Extraklasse, aus denen Evergreens wie “Warte, warte nur ein Weilchen” oder “Zwei rote Rosen, ein zarter Kuss” stammen. Doch leider finden die Klassiker des Berliner Kulturguts heute keinen Platz mehr in den Medien. Dass die großartigen musikalischen Leistungen ihres Bruders, Vaters und Großvaters in Erinnerung bleiben, dafür setzt sich Marguerite Kollo mit viel Herzblut ein. 

“Meine Lebensaufgabe ist es, dass der Name Kollo nicht in Vergessenheit gerät”, erklärt die 84-Jährige ihr unermüdliches Engagement. “Viele ehemals berühmte Komponisten kennt man heute nicht mehr, weil es niemanden gab, der sich um den Nachlass kümmerte. Das ist so unglaublich schade.” 

Sie selbst hat es nie auf die großen Bühnen gezogen. “Mir war der Applaus nicht so wichtig. Es war mir Erfüllung und Freude genug, wenn andere Erfolg hatten. Meine Leidenschaft galt eher den organisatorischen Dingen”, verrät sie uns. Bereits früh hat sie im Musikverlag ihres Vaters angefangen zu arbeiten. “Ich machte Skripte, die Regieassistenz, war einfach Mädchen für alles.” 

In den 1950er Jahren hatte ihr Vater Willi Kollo die Idee, die Geschichte seines Vaters Walter Kollo in Bezug auf die politische Geschichte Berlins zu erzählen. In den Evergreens von Großvater Kollo gab es immer Parallelen zu der Politik der Stadt. Und so suchte Walter Kollo alte historische Aufnahmen von Berlin aus den Archiven zusammen von der Jahrhundertwende bis zur Nachkriegszeit. Er mietete extra eine Wohnung im Roseneck in Berlin für die Filmaufnahmen. Das Buch zum Film hat Willi Kollo selbst geschrieben, für Kamera, Film und Licht holte er sich Profis der damaligen Zeit. Die Rolle des Walter Kollo übernahm Enkel René Kollo, Marguerite Kollo spielte die Frau von Walter Kollo, die selbst als Tänzerin und Sängerin erfolgreich war. Der Film “Solang’ noch untern Linden” feierte seine Premiere am 25. Juli 1958 – die Resonanz war durchweg positiv. 

“Mein Vater war ein historisch belesener, sehr gebildeter Mensch. Und er war ein Visionär: In einem Lied hat er sogar die Wiedervereinigung hervorgesehen”, verrät Marguerite Kollo. Leider sollte Willi Kollo den Mauerfall nicht mehr erleben, er starb ein Jahr vor der Wiedervereinigung in West-Berlin. Das 30. Jubiläum der Wiedervereinigung hat seine Tochter zum Anlass genommen, den Film “Solang’ noch untern Linden” neu aufzulegen. “Ich wollte nicht, dass der Film auf dem Flohmarkt vergammelt. Deshalb habe ich ihn technisch aufarbeiten und digitalisieren lassen. Wenn ich irgendwann nicht mehr da bin, bleibt dank moderner Technik wenigstens die Erinnerung an damals erhalten. Die jungen Leute streamen heute doch so allerhand aus dem Internet. Aber wenn die alten Klassiker nicht zu finden sind, verschwinden sie langsam aber sicher. Immer wenn ich jungen Menschen die Operetten von damals vorspiele, sind sie davon begeistert!” 

Am 25. August wird der frisch digitalisierte Schwarz-Weiß-Streifen “Solang’ noch untern Linden” im Scala Kulturpalast in Werder (Havel) gezeigt. Marguerite Kollo wird an diesem Sonntag natürlich auch vor Ort sein. Die Einnahmen dieser Vorstellung sollen für den Erhalt des Scala genutzt werden. Zur Zeit ist die gebürtige Berlinerin auf der Suche nach einem Partner für die DVD-Vermarktung. Und auch mit dem rbb ist sie bereits in Kontakt über einen Sendetermin im Fernsehen. 

Auch wenn die 84-Jährige, wie sie selbst sagt, gegen Windmühlen kämpft, möchte sie mit ihrer Arbeit nicht aufhören. “Leider tut die Politik nichts für den Erhalt der musikalischen Stücke aus der Vergangenheit. Es gibt einfach keine Bühne mehr für diese Form der Berliner Kultur. Und einige moderne Künstler, die alte Stücke neu auflegen, inszenieren lieber sich selbst als das eigentliche Werk.” 

Marguerite Kollo wird auch weiterhin unermüdlich das Erbe ihrer Familie aufrecht erhalten. “Ich habe mich immer mit den Dingen beschäftigt, die mich interessieren. Als Agentin für Musiktheater und Bühnen- und Musikverlegerin konnte ich sehr kreativ sein und war zeitlich voll ausgelastet. Da blieb wenig Zeit für Hobbys – meine Arbeit war und ist mein Hobby. Durch die drei Künstler in meiner Familie ist ein riesiger Fundus an kulturellen Schmuckstücken vorhanden – meine Aufgabe ist es, diesen Fundus so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen.”

In Krielow hat sie ein Zuhause gefunden, von dem sie nicht mehr weggehen möchte. Ihre Bekannte, die im gleichen Haus in einer eigenen Wohnung lebt, ist übrigens ebenfalls 84 Jahre alt und singt immer noch regelmäßig im Marienchor in Berlin. Die Liebe zur Kultur hält offensichtlich jung! (wsw)