Biber in Brandenburg: Artenvielfalt erhalten – Konflikte lösen

Er wird bis zu einem Meter groß und bis zu 30 Kilogramm schwer: Der Europäische Biber ist das größte Nagetier Europas und spaltet nicht nur Bäume, sondern auch die Gemüter.

Werder (Havel), 9. März 2020 – Vor 25 Jahren war der “Castor fiber”, auch Europäischer und Eurasischer Biber genannt, in Deutschland und somit auch in Brandenburg fast ausgerottet. Ein kleiner Restbestand überlebte an der Elbe. Dank der strengen Schutzbestimmungen hat sich der Biberbestand inzwischen erholt. In Brandenburg hat sich der Biber nahezu flächendeckend ausgebreitet, sein Bestand in BRB wird derzeit auf 3.500 Tiere geschätzt. Ein landesweites, koordiniertes Bibermonitoring wird in Brandenburg bereits langjährig vom Landesamt für Umwelt (LfU) durchgeführt. Auf Nachfrage teilte uns die dortige Presseabteilung mit: „Im Raum Werder und Umgebung sind aktuell sechs Biberreviere dokumentiert. Da Biberreviere zeitlichen und räumlichen Veränderungen unterliegen, führt dies zu gewissen Unsicherheiten bei der Bewertung von einzelnen Beobachtungen. Für den Kreis Potsdam-Mittelmark ist es u.a. aus diesem Grund schwer, belastbare Zahlen anzugeben: Tendenziell ist der Landkreis nach wie vor als Ausbreitungsgebiet für den Biber zu betrachten. Die Havel und Nuthe sind hier weitgehend vollständig besiedelt. Für die Vielzahl z.T. kleiner Gewässer ist es nach derzeitiger Datenlage jedoch nicht möglich, eine Zahl für die Biberansiedlungen zu benennen.”


Auch wenn die Freude darüber groß ist, dass der Biber wieder bei uns heimisch geworden ist, birgt sein Dasein Konfliktpotenzial. Durch Biberaktivitäten kann es zu Konflikten mit der landwirtschaftlichen Bodennutzung sowie mit der Teich- und Forstwirtschaft und zu Schäden durch Eingrabungen in technische Infrastrukturen wie Deiche, Dämme und Böschungen kommen. Das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg steht vor der großen Herausforderung, einerseits den Anforderungen zum Erhalt einer streng geschützten Art gerecht zu werden, andererseits aber Lösungen für Probleme mit dem Biber in der über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft Brandenburgs anzubieten.

“Seit September 2015 bin ich als Biberbeauftragte des Ministeriums Ansprechpartnerin und Mittlerin für Betroffene, für Unterhaltungspflichtige und Behörden, im Spannungsfeld zwischen Artenschutz, Gewässerunterhaltung und Hochwasserschutz. Dazu gehören u.a. zahlreiche vor-Ort-Termine, Beratung, Information und Öffentlichkeitsarbeit”, verrät uns Undine Schubert, die bei Konflikten vermitteln soll. Ziel des Bibermanagements in Brandenburg war und ist es, eine Grundlage zur Minderung, Vermeidung und Beseitigung von Biberschäden zu schaffen und ein konfliktarmes Nebeneinander sowie die Akzeptanz des Bibers zu fördern. Dazu wurden seit 2015 verschiedene Maßnahmen ergriffen, die insgesamt zur Reduzierung der Konflikte und zu einem angemessenen Management des Bibers geführt haben.

Biber sind wahre “Landschaftsbauer”, die ihren Lebensraum nach ihren Bedürfnissen gestalten. Ebenso sind sie auch Überlebenskünstler, die sich durch eine große Anpassungsfähigkeit auszeichnen. Der Lebensraum des Bibers sind fließende und stehende Gewässer und deren Uferbereiche. Die Eingänge der sogenannten Biberburgen befinden sich immer unter Wasser. Normalerweise bewegt sich der fußfaule Schwimmer höchstens 20 bis 30 Meter von seiner Wohnhöhle weg, weil der Fluchtweg ins sichere Nass sonst zu weit entfernt ist. Für Leckereien wie Zuckerrüben legt er aber auch schon mal längere Strecken zurück.

Der Biber ernährt sich rein pflanzlich, Kräuter und Stauden stehen auf seinem Speiseplan. Wenn in der kalten Jahreszeit das Nahrungsangebot knapp wird, weicht er auf die nahrhafte Rinde dünner Äste und Zweige aus. Und weil der Biber zum Klettern zu schwer ist, fällt er die Bäume einfach. Die abgenagten Äste und Bäume nutzt er zudem als Baumaterial für seine Burgen oder Dämme.

Auch in Werder (Havel) und Umgebung wurden in der Vergangenheit von Bibern gefällte Bäume gesichtet. Vielerorts leiden ufernahe Bäume, da die Tiere Bäume beseitigen, um den Lichteinfall an ihren Nahrungsgewässern zu verbessern. Gefällte Gehölze können den Wasserabfluss behindern. Der Anstau von Gräben und Gewässern kann zur Überstauung von land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen führen.

Doch die Fälltätigkeit des fleißigen Nagers hat auch einen positiven Einfluss auf die Natur. Durch die Veränderung seines Lebensraums schafft der Biber gleichzeitig günstige Nahrungs- und Ansiedlungsbedingungen für andere Arten. “Durch die Überstauung von Landschaftsbereichen und durch die Fälltätigkeit bildet sich Totholz. Es entstehen Lichtungen, auf denen Stauden, Kräuter und Weichgehölze als Nahrungspflanzen des Bibers vom höheren Lichtangebot profitieren. Durch den Verbiss treiben Gehölze erneut aus. Damit folgen eine Gehölzverjüngung und starke Verbuschung. Die so neu entstandenen Lebensräume werden von anderen Arten als Tränke, Badeplatz, Jagdrevier, Laichplatz, Sonnenplatz oder Versteck genutzt. Nutznießer dieser Landschaftsveränderung sind beispielsweise der Schwarzstorch, der Moorfrosch oder die Libellen. Durch die Anlage der Dämme verlangsamt sich in den von Bibern bewohnten Gewässern auch die Fließgeschwindigkeit. Dabei lagern sich nährstoffreiche Sedimente ab, die den Wuchs von Wasserpflanzen, Schilf und Röhricht fördern”, erklärt Undine Schubert.

Sollte das Zusammenleben zwischen Mensch und Biber dennoch problematisch werden, können durch eine gezielte Beratung und eine Vielzahl von Präventionsmaßnahmen vor Ort Lösungen zur Vermeidung und Minderung von Konflikten gefunden werden.

Der Biber ist in Deutschland streng geschützt, er darf also weder gefangen noch getötet werden. Im Interesse der Gesundheit des Menschen sowie zur Abwendung erheblicher land-, wasser- oder sonstiger wirtschaftlicher Schäden dürfen jedoch an Stau- und Hochwasserschutzanlagen, Böschungen von öffentlich gewidmeten Verkehrswegen und Dämmen von Kläranlagen und erwerbswirtschaftlich betriebenen Teichanlagen bewohnte und unbewohnte Biberbaue und -burgen als Ruhe- und Fortpflanzungsstätte für die Tiere unbrauchbar gemacht werden. Dies kann durch gezieltes dauerhaftes Stören, durch Beseitigung von Biberdämmen oder durch das komplette Beseitigen der Biberbaue und -burgen erfolgen.

Früher wurde der Biber vor allem wegen seines dichten Fells und dem sogenannten “Bibergeil” gejagt und fast ausgerottet. Heute ist die Population des Bibers vor allem durch menschliche Eingriffe in seinen Lebensraum gefährdet. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung reicht oft bis an die Gewässerufer, wodurch ursprüngliche Auenlandschaften fehlen und damit die typischen schnell wachsenden Auengehölze wie Weiden und Pappeln – die bevorzugte Nahrung des Bibers. Zudem zwingen die Zerschneidung der Reviere und hohe Siedlungsdichten die Tiere immer häufiger, Straßen zu überqueren – gerade zu Zeiten der Reviersuche bei Jungbibern. Der Straßenverkehr ist für 40-50 Prozent der Todesursachen verantwortlich. (wsw, mluk)