Bitte Abstand halten!

Werder bei ADFC Fahrradklimatest 2020 bei den Städten zwischen 20.000 und 50.000 Einwohner auf letztem Platz. / Initiative Verkehrswende Werder fordert ausreichend breite Radwege, ein Tempolimit für Autos und sinnvoll verknüpfte Wegstrecken.

Werder (Havel), 27. April 2021 – Schnell sein Ziel erreichen, ohne im Autoverkehr zu stecken, die frische Luft genießen und etwas Gutes für die Umwelt tun – Fahrradfahren wird immer beliebter, besonders in der warmen Jahreszeit. Immer mehr Menschen schätzen das Rad als gesunde sowie umwelt- und klimafreundliche Fortbewegung. Doch meist müssen sich kleine und große Radfahrer die Straße mit den Autofahrern teilen und dann kommt es mitunter zu gefährlichen Situationen.

Beim großen ADFC-Fahrradklimatest 2020 belegte Werder (Havel) bei den Städten zwischen 20.000 und 50.000 Einwohner einen enttäuschenden letzten Platz. Der Fahrradklimatest des ADFC ist die größte Umfrage zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Er wird vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e. V. alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt und fand 2020 zum neunten Mal statt. Rund 230.000 Radfahrerinnen und Radfahrer haben in diesem Durchgang abgestimmt. 1.024 Städte kamen in die Wertung – mehr als jemals zuvor. Gefragt wurde beispielsweise danach, ob man sich auf dem Rad sicher fühlt, wie gut die Radwege sind und ob die Stadt in Zeiten von Corona das Fahrradfahren besonders gefördert hat. Damit fundierte Ergebnisse erzielt werden können, müssen pro Stadt mindestens 50, bei größeren Städten mindestens 75 bzw. 100 Abstimmungsergebnisse vorliegen. Für Werder (Havel) wurden insgesamt 78 Abstimmungen gezählt.

Besonders schlecht in der Bewertung (auf einer Skala von 1 bis 6) haben das Sicherheitsgefühl (5,0), Konflikt mit Kfz (5,0), Fahren im Mischverkehr mit Kfz (5,3) sowie die Fahrradförderung in jüngster Zeit (5,0) abgeschnitten. Ebenso mangelhaft sind der Stellenwert des Radverkehrs (4,7), die Sicherheit beim Radfahren (4,7), der Komfort beim Radfahren (4,7) und die Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer (4,7). Daraus ergibt sich eine Gesamtbewertung von 4,42 – im Vergleich zum Fahrradklimatest im Jahr 2018 bedeutet dies eine leichte Verschlechterung.

Auf die Gefahren im Straßenverkehr für Radfahrer hat gestern die Initiative Verkehrswende Werder auf der Eisenbahnstraße hingewiesen. “Die Stadt Werder ist bei Fahrradtouristinnen und Fahrradtouristen äußerst beliebt. Doch an vielen Stellen fehlt es an einer einladenden und sicheren Infrastruktur für Menschen, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind”, so Jan Stehn von der Initiative.

In der Pandemie haben wir gelernt: 1,50 m Abstand vermeidet Ansteckungen und rettet Leben. Weniger bekannt ist, dass auch die Straßenverkehrsordnung diesen Abstand vorschreibt, und zwar für KfZ-Fahrer, die Radfahrende überholen. Beim Vorbeifahren an Kinderfahrrädern oder Fahrrädern mit Kinderanhänger sind sogar zwei Meter Abstand gefordert.

Leider ist die Realität in Werder, wo täglich mehrere 10.000 Autos durch schmale Straßen rollen, häufig eine andere. Radfahrende werden von Autos mit einem viel zu geringen Abstand überholt. Überholmanöver ohne den erforderlichen Mindestabstand gefährden kleine und große Radfahrer und verursachen Stress. Die Initiative Verkehrswende Werder will das ändern. Sie fordert ausreichend breite Radwege, ein Tempolimit für den Autoverkehr und sinnvoll verknüpfte Wegstrecken. 

Im Zuge der Verkehrsentwicklungsplanung wurde im vorigen Jahr eine Onlinebeteiligung zum Thema Radverkehr in Werder durchgeführt. Mehr als 300 Hinweise von Einwohnern wurden abgegeben. Die Ergebnisse daraus sollen in das Verkehrsentwicklungskonzept der Stadt Werder einfließen.

Die Entwicklung der Fahrradinfrastruktur ist für Werders Stadtentwicklung von herausragender Bedeutung, teilte Stadtsprecher Henry Klix auf Nachfrage mit. Hierzu seien bereits viele Projekte in der Vergangenheit auf den Weg gebracht worden, aber auch zukünftig ist noch einiges geplant. So sind zum Beispiel Planungsgelder für einen Radweg zwischen Werder und Kemnitz im Doppelhaushalt eingestellt, ab 2022 sollen hier 625.000 Euro investiert werden. Zudem wird sich die Stadt an der Finanzierung der neuen Fahrradbrücke am Stadtbahnhof laut Nachtragshaushalt mit 430.000 Euro beteiligen. Es handelt sich um eines der wichtigsten Projekte für die Fahrradinfrastruktur seit der Wende.

Im Stadtentwicklungskonzept INSEK werden Probleme und Chancen für den Fahrradverkehr in Werder benannt. “Ein INSEK-Projekt mit hoher Priorität ist es, als weiterführende Verbindung von der Fahrradbrücke am Bahnhof in die Wohngebiete der Kernstadt den Eisenbahnweg als Fahrradstraße zu einer Hauptroute auszubauen. Hierzu wäre der heutige Schotterweg, der bislang vorrangig die angrenzenden Wohnhäuser erschließt, fahrradgerecht zu ertüchtigen. Die Radwegeverbindung sollte dann in Richtung Dicke Eiche, Kemnitz und Groß Kreutz (Havel) fortgeführt werden”, so Henry Klix.

Im Ringen um das Projekt Bahntunnel in Werder (Havel) wurde vereinbart, dass statt der Deutschen Bahn AG die Stadt Werder (Havel) die Baulastträgerschaft für den neuen barrierefreien Fuß- und Radwegtunnel am Bahnhof übernehmen wird.

Trotz umfangreicher Investitionen bestehen weitere Potenziale, um den Radverkehrsanteil sowohl im Alltagsverkehr als auch in der touristischen Nutzung zu erhöhen. Das u.a. durch die engen Straßenräume bedingte Hauptproblem: Es fehlt ein durchgehendes Hauptroutennetz.

Auch wenn man als Autofahrer bisweilen über vermeintlich rücksichtslose Fahrradfahrer schimpft, denken Sie bitte trotzdem das nächste Mal, wenn Sie ein Fahrrad überholen, an den geforderten Abstand. Dadurch kann sich Werder vielleicht in punkto Sicherheitsgefühl, Konflikt mit Kfz und Fahren im Mischverkehr mit Kfz in der Wertung etwas verbessern. Für den 7. Mai ab 17 Uhr plant die Initiative Verkehrswende Werder einen Fahrrad-Aktionstag, zu dem alle eingeladen sind, die sich sichere und gut vernetzte Fuß- und Radwege in unserer Blütenstadt Werder wünschen. (wsw)