Blaue Stunden in Klaistow

Jan Vandrey, Eduard Krassa, Christian Stein, Klaus Henschel, Sebastian Brendel und Ernst-August Winkelmann. Foto: wsw

Klaistow, 29. Juni 2018 – Zwar besagt die Bauernregel: Kirschen rot – Spargel tot, in Brandenburg müsste es aber eigentlich heißen: Beeren blau – Spargel mau. Am Donnerstag startete Brandenburgs Gartenbauverband mit vielen Gästen auf dem Spargel- und Erlebnishof Klaistow offiziell in die diesjährige Heidelbeersaison. Wie bei allen Kulturen in diesem Frühjahr ging es in diesem Jahr auch mit der Beerenernte zeitig los – gepflückt wird schon seit einer Woche.


Unter dem Motto „Pflück dich gesund“ zieht es nun auch offiziell viele Selbstpflücker in die Brandenburger Heidelbeersaison auf dem Spargel- und Erlebnishof Buschmann & Winkelmann, Glindower Straße 28, 14547 Klaistow. Die Heidelbeer-Selbstpflücke ist geöffnet von Montag bis Freitag zwischen 9 und 18 Uhr, samstags und sonntags ab 8 und bis 18 Uhr. Wer zum “Pflücken ohne Bücken” ein eigenes Körbchen oder den eigenen Eimer mitbringt, lässt ihn einfach vorher wiegen. Pro Kilo selbst gepflückter Heidelbeeren zahlt man 5,95 Euro. Direkt an der Heidelbeeranlage im Wald lockt das Heidelbeercafé mit hausgemachtem Heidelbeerkuchen, -waffeln und -eis. Ab 15. Juli und bis zum 26. August lädt das Hofrestaurant zwischen 15 und 19 Uhr zum Heidelbeer-Buffet.

Am 14. und 15. Juli findet erstmals das Heidelbeer-Festival auf dem Hof statt. Für musikalische Unterhaltung sorgen Vivien mit ihrer Pop- und Schlagershow, “The Voice”-Halbfinalist Flo, das Duo Xiroi sowie die Coverbands Rockstoff und Ulrike & DieBe. Die deutschen Meister im HipHop “RokkaZ”, eine Oldtimerausstellung, Fußball-Entertainment mit Torwandschießen für Kinder, eine Schnitzeljagd über das Hofgelände, Pancake-Wettessen und Fahrgeschäfte sorgen ebenfalls für viel Abwechslung bevor das Publik-Viewing mit Grillstand und Bierwagen beim Hofrestaurant beginnt.

Eduard Krassa, Leiter der Abteilung Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Forsten im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, hat die Eröffnung am Donnerstag zusammen mit den Inhaber-Familien Buschmann und Winkelmann und mit dem stellvertretenden Landrat Christian Stein (Potsdam-Mittelmark), dem Beelitzer Bürgermeister Bernhard Knuth, der Spargelkönigin Lara Luise Kramer, sowie Klaus Henschel, Präsident des Gartenbauverbands die Eröffnung in Brandenburg verkündet. Auch die Kanuten Sebastian Brendel und Jan Vandrey, Weltmeister und Olympiasieger, waren dabei. Sie konnten über die “blauen Geheimnisse” ihrer WM-Erfolge berichten. Seit 2015 liefert Sportfan Ernst-August Winkelmann Heidelbeeren zu den Weltmeisterschaften ins deutsche Haus. “Egal, wo sie stattfinden – das weiteste war jetzt Mailand”, berichtet Sebastian Brendel. “Seitdem habe ich fünf Weltmeistertitel und zwei Olympiasiege eingefahren. Heidelbeeren scheinen ordentlich Power zu bringen”, lacht Brendel. Der Potsdamer komme auch gern mit der Familie auf den Hof nach Klaistow.

16 Jahre alt sind die Sträucher in Klaistow, wie Winkelmann erzählt. “Eigentlich starten wir immer so um den 15. Juli in die Saison. Aber wir standen hier mit Jörg Buschmann vor drei Wochen im Wald und alle Heidelbeeren waren schon blau”. Wie so ein warmes Frühjahr die Natur beflügele, das sei schon ein tolles Erlebnis. “Wir rechnen mit einer großen Ernte”.

Eduard Krassa verwies in seiner Rede darauf, dass es von Menschen genutzte Heidelbeeren seit 50.000 Jahren gibt. “Schon in der Jungsteinzeit haben die Menschen damit angefangen, Heidelbeeren zu kultivieren”, verwies Krasser auf die Kulturgeschichte der Beere. Schon immer hätten die Menschen gewusst, wie gesund die Heidelbeere ist.

Mit rund 280 Hektar gehört die Heidelbeere zur zweitwichtigsten Strauchbeerenart (Sanddorn 370 Hektar) in Brandenburg. Derzeit haben sich 24 Betriebe auf den Anbau der blauen Beeren spezialisiert und 2017 einen Ertrag von 47 Dezitonnen/Hektar erwirtschaftet. Dies entspricht einer Ertragssteigerung von 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt lag die Erntemenge bei 13.105 Dezitonnen Kulturheidelbeeren, damit um 80 Prozent mehr als im Jahr 2016. Der Anbau der Kulturheidelbeeren konzentriert sich dabei wesentlich auf die Landkreise Potsdam-Mittelmark, Oberhavel und Prignitz.

Der Spargel- und Erlebnishof Klaistow bewirtschaftet eine Anbaufläche von 150 Hektar Heidelbeeren. In diesem Jahr wird eine Erntemenge von 800 bis 1.000 Tonnen erwartet. Da viele Neuanlagen gepflanzt wurden, rechnet man in den nächsten Jahren mit stark steigenden Erträgen.

Viele der heimischen Spargelanbauer haben sich auf Heidelbeeren als Zweitfrucht spezialisiert, die in der Freilandsaison zeitlich nach dem Spargel geerntet werden können. Davon haben die Bauern wie auch ihre Saisonkräfte etwas. Die meist ausländischen  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können länger in Brandenburg beschäftigt werden und die Betriebe machen mit den transport- und lagerfähigen, gesunden Heidelbeeren gute Umsätze. Das bestätigte Ernst August Winkelmann, Chef des Spargel- und Erlebnishofes. Er dankte allen seinen Mitarbeitern für den Fleiß, insbesondere eben auch den ausländischen Saisonkräften. (wsw)


Der Spargelhof Buschmann & Winkelmann wurde am 1. Januar 1990 gegründet. Ab 2004 begann der Ausbau des eigentlichen Spargelbetriebs zum Erlebnishof. Der in Klaistow ansässige Betrieb bewirtschaftet mittlerweile 1.000 Hektar, davon 800 Hektar Spargel, 15 Hektar Erdbeeren, 150 Hektar Heidelbeeren, 35 Hektar Kürbisse.
Ergänzt wird der landwirtschaftliche Betrieb durch ein breites gastronomisches Angebot regionaler und saisonaler Produkte im Scheunen- und Hofrestaurant mit Biergarten. Hofladen, Spielplatz, Naturwildgehege, Kletterwald und viele Hofveranstaltungen ergänzen das Angebot für die ganze Familie. Folglich gehört der Betrieb auch zu den größten Arbeitgebern der Region und beschäftigt ganzjährig 75 feste Mitarbeiter (darunter Köche, Tischler, Forstwirte, Bürokräfte, Gastronomen) sowie saisonal 250 bis 300 deutsche Arbeitskräfte als Kraftfahrer, Verkäufer, Servicepersonal, weiterhin 900 polnische und rumänische Erntehelfer beziehungsweise Saisonhilfen in der Sortierhalle und für die Verpackung.

Die "Karriere" der Heidelbeere

Kaum eine andere Frucht hat in den vergangenen zehn Jahren so Karriere gemacht wie die Heidelbeere. Der Konsum steigt weltweit, besonders in Amerika und in Europa.

In Europa hat sich der Anbau zwischen 2005 (4.000 Hektar) und 2012 (10.000 Hektar) mehr als verdoppelt. Das ist vor allem auf die Flächenausdehnung in Spanien, Portugal, England, Niederlande, Polen (3.000 Hektar) und Deutschland zurückzuführen.

Heidelbeeren zählen mit Sanddorn, Aronia, Stachelbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren zu den Strauchbeeren. Deutschlandweit wurden 2017 auf insgesamt 8.867 Hektar Strauchbeeren angebaut, davon 2.844 Hektar Heidelbeeren. Hauptanbaugebiete sind die Lüneburger Heide, Brandenburg, Teile von Oldenburg sowie Gebiete in Süddeutschland und Mittelbaden.

Heidelbeeren in Brandenburg
2016 bewirtschafteten 55 Brandenburger Betriebe eine Strauchbeerenfläche von 995 Hektar. Mit 280 Hektar ist die Heidelbeere, die in 24 Betrieben angebaut wird, die zweitwichtigste Strauchbeerenart (Sanddorn 369 Hektar).

Aufgrund einer stetig steigenden Nachfrage erhöht sich deren Anbaufläche kontinuierlich weiter. Der Landkreis Potsdam-Mittelmark ist beim Anbau spitze. 2017 wurden hier Heidelbeeren auf 199 Hektar kultiviert. (Quelle: Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg)


Die Geschichte der Kulturheidelbeeren geht zurück auf die Bemühungen der amerikanischen Pflanzenzüchterin Elizabeth Coleman White und den Botaniker Frederick V. Conville, die Ende des 19. Beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem Programm zur Auslese ertragreicher Heidelbeersträucher begannen. Am Institut für Pflanzenzüchtung in Landsberg an der Warte kreuzte auch der deutsche Forscher Dr. Wilhelm Heermann 1928 die bis dahin in Deutschland verbreitete Waldbeere mit größeren Blaubeeren aus Nordamerika. „Er wollte eine größere Frucht haben, die süßer und fruchtiger schmeckt. Im niedersächsischen Grethem fand Heermann ein geeignetes Grundstück und baute Sträucher an. In den Dreißigerjahren konnte der Zuchtbetrieb Dr. Wilhelm Heermann (heute: „Heermanns Blaubeerland”) das erste Pflanzgut ausliefern. Erste große Kulturheidelbeerfelder wurden 1950 in der Lüneburger Heide angelegt. Wichtige Impulse für den Anbau im Land Brandenburg sind nach 1990 von der Obstbauversuchsstation des Landesamts für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung (LELF) in Müncheberg, insbesondere für Dammkulturen, ausgegangen.

Die Beeren sind nicht nur gut haltbar, vielseitig verwendbar und sehr schmackhaft, sie haben auch sehr viele gesundheitsfördernde Eigenschaften und sind zudem noch kalorienarm und vitaminreich. Die Anzucht ist nach wie vor eine langwierige Sache. Pflanzen sind erst nach drei Jahren kräftig und mit 40 bis 60 Zentimetern groß genug, um ins Freiland umgesetzt zu werden. Und dann dauert es weitere sieben bis neun Jahre, bis die Sträucher ihre Größe von bis zu zwei Metern erreicht haben und einen vollen Ernteertrag von 4 bis 10 Kilo pro Strauch erbringen. Zu DDR-Zeiten versorgten sich Berliner und Brandenburger vor allem mit den blauen Beeren aus dem Wald. Aber Waldheidelbeeren und Kulturheidelbeeren stehen zueinander wie Pflaume und Kirsche, sind also nur entfernte Verwandte. Sie gehören zur selben Gattung, unterscheiden sich aber wesentlich: Die einen wachsen als ein kleines Kraut, die anderen sind stattliche Sträucher. Kulturheidelbeeren haben helles Fruchtfleisch, nur die feste Schale ist blau, während Waldheidelbeeren bekanntlich färben. Kulturheidelbeeren sind im Vergleich größer, süßer und haben nur wenige Kerne. Immerhin stellen sie die gleichen Ansprüche an Boden und Witterung wie die Waldheidelbeeren. Sie gedeihen am besten auf lockeren, sauren, nährstoffarmen Sand- oder Moorböden und brauchen viel Sonne.

Noch bis September können in Brandenburg Heidelbeeren geerntet oder gekauft werden. Danach folgt in der Mark die Kürbissaison. (Quelle: MLUL)

Sich schön und gesund essen: Beauty-Food Heidelbeere

Die in Brandenburg angebauten Kulturheidelbeeren unterscheiden sich von den heimischen Blaubeeren. Während heimische Blaubeeren klein und blau gefärbt an niedrigen, krautigen Büschen hängen, wachsen die deutlich dickeren Kulturheidelbeeren an bis zu zwei Meter hohen Sträuchern und haben eine blaue Schale und helles Fruchtfleisch. Sie sind wesentlich größer, süßer und besitzen viele gesundheitsfördernde Eigenschaften:
Im Blickpunkt der Wissenschaft stehen bei Untersuchungen zur Gesundheitswirkung der Heidelbeeren dabei immer wieder die sogenannten Anthocyane. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend wirken und dazu beitragen, freie Radikale abzufangen, sie zu neutralisieren und damit Alterungsprozesse zu verzögern. Zudem stabilisieren die in Heidelbeeren enthaltenen Biostoffe das körpereigene Adersystem, unterstützen den Fettstoffwechsel und können bei Diabetikern helfen, den Blutzuckerspiegel zu senken.

Neben Anthocyanen und Mineralstoffen machen auch spezielle Gerbstoffe Heidelbeeren gesund: Gerbstoffe wirken gegen Durchfall, hemmen die Vermehrung von Bakterien und beschleunigen die Heilung von Schleimhautentzündungen. Heidelbeeren besitzen zudem große Mengen an Vitamin C, A, B, E und Beta-Carotin. Es ist bestätigt, dass die Beere antibakteriell wirkt und das Anheften von Bakterien an die menschlichen Zellen verhindert. Deshalb wird Heidelbeeren auch eine heilsame Wirkung im Bereich Stärkung des Immunsystems sowie eine regulierende Wirkung bei Magen- und Darmerkrankungen zugesprochen. Laut einiger Studien sollen sie sogar Krebs und Arteriosklerose vorbeugen können.

Frische Heidelbeeren pur sind ein Genuss. Aber auch gezuckert oder mit Schlagsahne kombiniert, lassen sie die Geschmacksknospen erblühen. Die säuerliche Frische der Beeren harmoniert außerdem mit Eierkuchen, Torten, Quarkspeisen, Müsli oder Muffins. Sie sind auch ideal als Smoothie, Gelee oder Konfitüre zu genießen. Da Heidelbeeren also nicht nur gesund, kalorienarm und gut haltbar sind, verwundert es, dass bisher in Deutschland der durchschnittliche Jahresverbrauch lediglich bei 100 Gramm liegt. Verglichen mit dem Pro-Kopf-Verbrauch in den Vereinigten Staaten (370 bis 570 Gramm)gibt es noch deutlichen Nachholbedarf. Also: Auf die Beeren, fertig, los und „Gesund pflücken“! (Quelle: Gartenbauverband Berlin – Brandenburg e. V)