Das deutsche Bildungssystem auf dem Prüfstand

Was muss getan werden, um unser Bildungssystem nachhaltig zu verbessern? Wie sieht ein verbessertes Bildungssystem aus? Und was bedeutet dies überhaupt? Was muss getan werden, um Bildung hierzulande gerechter und zukunftsfähiger zu gestalten?

Werder (Havel)/Deutschland – Auf diese und viele weitere Fragen möchte der „Bürgerrat Bildung und Lernen“ Antworten finden. Die Corona-Pandemie hat große Schwachstellen im deutschen Bildungssystem aufgezeigt und die Versäumnisse der zurückliegenden Jahre sichtbar gemacht: Homeschooling, geschlossene Hörsäle und Kitas, fehlende Lehrkräfte, immer weniger Ausbildungsplätze und digitaler Rückstand. Umfragen einer Forsa-Studie belegen die große Unzufriedenheit der Menschen mit der Bildungspolitik. Auf die Frage, was sie sich von der Politik neben der Bekämpfung der Pandemie am meisten wünschen, antworten 69 %: ein besseres Schul- und Bildungssystem.

Um herauszufinden, wie ein zukünftiges Bildungssystem aussehen kann, hat sich der „Bürgerrat Bildung und Lernen“ der Montag Stiftung Denkwerkstatt gegründet. Das Projekt ist auf zunächst drei Jahre angelegt. Das Ziel des „Bürgerrats Bildung und Lernen“ sind konkrete Empfehlungen, die an die Verantwortlichen von Bund, Ländern und Kommunen übergeben werden. Es soll eine Beratungsgrundlage für bildungspolitische Entscheidungen sein.

Den Anfang machten Online-Dialoge zwischen Oktober 2020 und Februar 2021. Eine der Moderatorinnen war Bianca Bendisch aus Dortmund: „Der Bürgerrat wird sich im Herbst 2021 treffen und Vorschläge für das deutsche Bildungssystem entwickeln. Er ist jedoch eingebettet in ein umfangreiches Dialogverfahren, an dem viele weitere Bürger*innen vorher und nachher beteiligt sind und ihre Sichtweisen einbringen. Um eine Vielfalt an Sichtweisen abzubilden, werden die Teilnehmenden per Zufall ausgewählt. In einem Online-Workshop im Frühling 2021 haben die Bürger*innen ihre Themenagenda für die Bürgerdialoge gemeinsam entwickelt. Es ging um die ‚großen Themen‘ wie Chancengleichheit, Inklusion und Digitalisierung. Aber auch ganz konkret um Ausstattung und Personal. Weitere Formate wie Onlinedialoge und ein Bürgergipfel folgen.“

In einem Online-Workshop im Frühling 2021 ging es um die ‚großen Themen‘ wie Chancengleichheit, Inklusion und Digitalisierung.

Bianca Bendisch (46) aus Dortmund

Unter den bundesweit zufällig ausgelosten Bürgern war auch Holger Kapp aus Töplitz. Der 67-Jährige erzählt uns seine Erfahrungen aus dem Online-Workshop: „In einem gut organisierten Meeting im Netz trafen sich zahlreiche Bürger aus den verschiedensten Erfahrungsbereichen, die zufällig ausgewählt wurden, um das Bürger- und Jugendforum im Mai mit 500 Teilnehmern vorzubereiten. Die Teilnehmer kamen über ihre verschiedenen Erfahrungen als Eltern, Großeltern, als ehemalige Schüler, als Teilnehmer von laufenden Weiterbildungskursen oder im zweiten Bildungsweg ins Gespräch. Durch die verschiedenen Sichtweisen eröffnete sich eine vielschichtige Entwicklung von Fragestellungen. Diese Fragen und möglichen Antworten waren nicht geprägt von vorgefertigten Meinungsbildern und Vorgaben, wie sie gern von Bildungspolitikern oder Funktionären von Bildungsgewerkschaften und –verbänden regelmäßig verkündet werden.“ 

Der Töplitzer ist selbst Vater von drei Kindern, die mit ihren 43, 40 und 30 Jahren natürlich nicht mehr die Schulbank drücken. Dennoch hat Holger Kapp sofort zugesagt, als die Anfrage an ihn herangetragen wurde, bei dem „Bürgerrat Bildung und Lernen“ teilzunehmen. „Gleichgültigkeit ist der größte Feind der Demokratie“, begründet er sein Engagement. 

Besonders interessiert hat Holger Kapp die Rolle des Lernenden im Bildungsprozess: „Wie werden die bestmöglichen Bedingungen geschaffen, um die Lernenden in ihrem sehr individuell geprägten Lernprozess zu unterstützen, ihnen also Räume für ihre Entwicklung zu eröffnen und offen zu halten. Jedes Individuum hat das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit, wobei dies im Kontext mit dem sozialen Umfeld zu sehen ist. Solche Konzepte vertragen sich zuweilen wenig mit kapitalisierten Systemen einer zur Ware gewordenen Bildung. Deshalb liegt mir am Herzen, zunächst danach zu fragen, wie man für die Lernenden das beste Lernumfeld schaffen kann und erst danach, was es kostet und woher das Geld dafür kommt.“ 

Dass hier im Werderaner Ortsteil Töplitz durch Ideenreichtum und Engagement der Schulstandort erhalten und ausgebaut werden konnte, ist für die Insel ein großer Gewinn.

Holger Kapp (67) aus Töplitz

Zudem wollten wir von Holger Kapp noch wissen, welche Wünsche er konkret hat, wenn es um die Bildung und das Lernen in unserem Land bzw. in Werder (Havel) geht?

„Dass hier im Werderaner Ortsteil Töplitz durch Ideenreichtum und Engagement der Schulstandort erhalten und ausgebaut werden konnte, ist für die Insel ein großer Gewinn. Auch in den Ausbau der vorschulischen Angebote in der Kita wurde viel investiert. Wichtig und bedeutsam sind aber auch die weiterführenden und außerschulischen Bildungsangebote. (…) 

Defizite insbesondere hinsichtlich des Ausbaus digitaler Kommunikationswege und der Nutzung digitaler Medien wurden in den letzten Monaten deutlich. Dass auf der anderen Seite auch stärker individualisierte Lern- und auch Förderungsangebote – sei es zum Ausgleich von Defiziten oder zur Förderung von Begabungen – gemacht werden, wäre einer der zahlreichen Wünsche auf einer Liste. Darauf stehen aber auch die vom Land zu finanzierenden und zu organisierenden besseren inhaltlichen Rahmenbedingungen, wie bessere Ausstattung der Schulen mit Lehrpersonal auch zur Vermeidung von Unterrichtsausfall und zur Schaffung individuell erforderlicher Bildungsangebote, die Entwicklung moderner methodischer und pädagogischer Konzepte, eine ständige berufsbegleitende Fortbildung für die Lehrenden, ein weg vom ‚Stundengeber‘ und ein hin zum Begleiter des Lernprozesses, die Beseitigung jeglicher autoritärer Bildungs-Ansätze, eine größere Einbeziehung und Mitwirkung von Eltern und außerschulischen Partnern, eine moderne universitäre Ausbildung der Lehrkräfte – auch in der erforderlichen Quantität –, eine Stärkung der Persönlichkeit der Lernenden …“

Wahrscheinlich hat jeder von uns eine ganz persönliche Liste mit Wünschen für das deutsche Bildungssystem im Kopf. Einige dieser Wünsche finden in dem „Bürgerrat Bildung und Lernen“ nun Gehör und führen so vielleicht auch zu einer Neuausrichtung der klassischen Bildungslandschaft. Unter den 500 ausgelosten Teilnehmenden für das Bürger- und Jugendforum sind auch rund 100 junge Menschen ab 16 Jahre. Sie nehmen sowohl in einem eigenen Forum teil, in dem sie sich untereinander über ihre Erfahrungen austauschen und ihre Ideen entwickeln können, als auch in den allgemeinen Arbeitsgruppen des Bürgerforums. Weitere Infos gibt es unter: www.buergerrat-bildung-lernen.de (wsw)