„Day for Future“ am Ernst-Haeckel-Gymnasium

Am 20. Februar diskutierten Schülerinnen und Schüler, Landtagsabgeordnete und Experten darüber, wie eine gelungene Klimapolitik aussehen soll.

Vincent Bartolain, Pierre Kabisch und Lea-Marie Maiwald führten durch die Mittagsveranstaltung am "Day for Future" im EHG, Fotos: wsw

Werder (Havel), 26. Februar 2020 – Der 20. Februar stand am Ernst-Haeckel-Gymnasium unter dem Motto „Day for Future“. 31 SchülerInnen von der neunten bis zur 12. Klasse haben an dem Umwelttag, der von Pierre Kabisch organisiert wurde, teilgenommen. „Ich habe das Interesse der Schülerinnen und Schüler zum Thema Klimaschutz bemerkt und wollte die Begeisterung hierfür von den Straßendemos in den Schulraum holen“, so der Lehrer für Politische Bildung und Deutsch.


Am Ernst-Haeckel-Gymnasium finden regelmäßig Politiktage zu verschiedenen tagesaktuellen Themen statt und so war die Veranstaltung des Umwelttages nur eine Frage der Zeit. Ziel des „Day for Future“ war es, herauszufinden, wie eine gelungene Klimapolitik in der Zukunft aussehen könnte. Hierfür waren auch Abgeordnete des Brandenburger Landtags eingeladen, um mit den SchülerInnen in eine rege Diskussion zu gehen.

Im Vorfeld der Veranstaltung haben sich die SchülerInnen Fragen überlegt, die sie in kleinen Fragerunden mit Uwe Adler (SPD), Marlen Block (Die Linke), Robert Soyka (Freie Wähler), Dr. Saskia Ludwig (CDU), Marlon Deter (AfD, Vertretung für Lars Günther) und Thomas von Gizycki (Die Grünen) diskutierten.

Diskussionsfragen:

  1. Soll das private Abbrennen von Feuerwerkskörpern verboten werden?
  2. Sollen e-Autos und e-Mobilität weiter gefördert werden?
  3. Soll die Atomenergie wieder gefördert werden?
  4. Soll ein Co2-Preis von 180 Euro pro Tonne eingeführt werden?
  5. Sollen Klimakonferenzen in Zukunft digital stattfinden?
  6. Sollten Städte in Deutschland autofrei sein/werden?

Nach zehn Minuten wechselten die Landtagsabgeordneten die Tische, sodass die SchülerInnen die Möglichkeit hatten, mit allen Politikern ins Gespräch zu kommen. Die anfänglichen Berührungsängste waren schnell abgelegt und so ergab sich eine konstruktive Debatte mit teilweise hitzigen Diskussionen und regen Wortgefechten. Im Anschluss moderierten Lea-Marie Maiwald und Vincent Bartolain (beide 12. Klasse) eine Podiumsdiskussion, in der u.a. die Ergebnisse der einzelnen Tischgespräche zusammengetragen wurden. Lea-Marie und Vincent konfrontierten die Landtagsabgeordneten auch mit konkreten Fragen, für deren Beantwortung sie jeweils eine Minute Zeit hatten.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Uwe Adler (SPD): „Der Verkehr von morgen erfordert Mut.“
Dr. Saskia Ludwig (CDU): „Wir brauchen kreative Ideen und Lösungen und müssen mehr Angebote schaffen, wie zum Beispiel eine Taktverdichtung beim RE1. Jedoch muss auch immer die persönliche Mobilität eines jeden einzelnen berücksichtigt werden. Ich hätte meine vielen Termine heute nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können.“
Marlen Block (Die Linke): „Ich bin ganz klar für einen kostenlosen ÖPNV mit Taktverdichtung im Regional- und Busverkehr. Die skandinavischen Länder können uns hier als Vorbild dienen. Zudem bin ich für autofreie Innenstädte.“
Thomas von Gizycki (Die Grünen): „In der Zukunft werden wir weniger individuellen Autoverkehr haben. Wir müssen die Elektromobilität voranbringen und den ÖPNV noch leistungsfähiger machen. Autofrei zu leben, erfordert großen Enthusiasmus.“
Robert Soyka (Freie Wähler): „Ich bin fast 39 Jahre alt und habe noch nie ein Auto besessen. In Ballungsgebieten braucht man das Auto auch nicht unbedingt. Da aber natürlich nicht jeder in Ballungsgebieten leben kann, muss man die Elektromobilität weiter stärken. Zudem muss das ÖPNV-Angebot noch attraktiver werden.“
Marlon Deter (AfD): „Mobilität bedeutet für den einzelnen auch immer ein Stück Freiheit und das sollte man bei allen Ideen berücksichtigen.“

Ihre Gedanken zum Thema Energiewende

Dr. Saskia Ludwig (CDU): „Ich fahre seit Jahre ein Erdgasauto. Statt Erdgasautos weiter auszubauen, werden hingegen nur die Elektroautos unterstützt. Wir müssen technologieoffen forschen und nicht nur in eine Richtung.“
Marlen Block (Die Linke): „Wir brauchen eine breite technologische Energiewende und fordern einen Braunkohleausstieg bis 2030 – das wäre im Land Brandenburg unproblematisch möglich.“
Marlon Deter (AfD): „Ich habe meine Bedenken, was den Braunkohleausstieg angeht. Wir glauben immer, dass sich die anderen europäischen Staaten an uns orientieren, dabei zieht am Ende keiner mit. Wir sollten uns nicht nur auf eine Technologie festlegen. Zum Beispiel ist die Entsorgung von ausgedienten Windrädern nicht geklärt.“
Thomas von Gizycki (Die Grünen): „Man darf nicht von heute auf morgen alles hinschmeißen und sich nur noch in eine Richtung orientieren. Zum Beispiel muss das Stromnetz ausgebaut werden und es muss ein Wandel in den Köpfen stattfinden.“
Robert Soyka (Freie Wähler): „Es gibt schon tolle Windanlagen, die jede Menge Energie speichern können. Problem ist, wenn kein Wind weht. Hier müssen wir Photovoltaik in Reserve haben und Erdgas für den Rest.“
Uwe Adler (SPD): „E-Mobilität kann nicht die Energie von morgen sein und Windanlagen müssen auch irgendwann wieder abgebaut werden – Sondermüll.“

Wenn wir uns im Jahr 2050 nochmal sehen würden, wie würden Sie dann anreisen?

Dr. Saskia Ludwig (CDU): „Wahrscheinlich mit einem Flugtaxi.“
Marlen Block (Die Linke): „Wahrscheinlich wäre keine direkte Anreise nötig, weil das Treffen virtuell stattfinden würde.“
Thomas von Gizycki (Die Grünen) und Robert Soyka (Freie Wähler) würden konservativ die Bahn wählen, die es dann bestimmt immer noch gibt
Marlon Deter (AfD): „Wenn ich dann noch gut zu Fuß bin, würde ich herlaufen, da ich in Werder wohne.“
Uwe Adler (SPD): „Ich würde auch die Bahn nehmen, hoffe aber gleichzeitig, dass die Technologie bis dahin so weit ausgereift ist, dass man sich maximal authentisch im virtuellen Raum treffen könnte. Ich hoffe sehr, dass es auch 2050 noch diesen Ort hier und das Interesse der SchülerInnen gibt. Was ihr macht, ist doppelt wichtig. Es gibt uns Input. Ihr seid die Zukunft von morgen.“

Am Abend des 20. Februars wurde es dann bei den Werderaner Gesprächen noch konkreter. Durch die Protestbewegung „Fridays for future“ wurde in Deutschland eine starke Diskussion über die Frage ausgelöst, wie eine gelungene Klimapolitik auszusehen habe. Während die protestierenden Jugendlichen sich für eine klare Umkehr in der Klimapolitik einsetzen und angeführt durch Greta Thunberg eine Klimawende einforderten, reagierte die Politik abwartend und vorsichtig. Auch das Klimapaket der Bundesregierung konnte die Hoffnungen dabei kaum erfüllen und diente demnach eher als Beruhigung. Dabei streitet man sich vor allem über die Frage, wie eine gelungene Klimapolitik aussehen soll und was dies für die Gesellschaft bedeutet. Über diese und weitere Fragen diskutierten Volker Quaschning (BTW/Scientist for future), Ricarda Budke (MdL Bündnis 90/Die Grünen), Barbara Ral (Klimaschutzbeauftragte des Landkreises Potsdam Mittelmark) und Joshua Katholy (fridays for future, Potsdam).

v.l.: Joshua Katholy, Barbara Ral, Volker Quaschning, Luise Bartels, Vincent Bartolain und Ricarda Budke

Auch bei den Werderaner Gesprächen übernahm Vincent Bartolain die Moderation, diesmal mit Luise Bartels an seiner Seite. Die beiden Schüler führten souverän durch die anderthalbstündige Diskussion. Ein Themenschwerpunkt war die Mobilität der Zukunft. Joshua Katholy sieht hier vor allem den individuellen Autoverkehr als Problem. „Die meisten Menschen sitzen alleine im Auto. Über sogenannte Mitfahrbänke könnten sich Menschen, die in die gleiche Richtung müssten, zusammenfinden und gemeinsam fahren. Für größere Strecken gibt es dieses Konzept ja schon, für Arbeitswege fehlen noch entsprechende Netzwerke.“ Für Barbara Ral ist ganz klar: Die Klimaschutzmaßnahme Nummer 1 ist, weniger Auto zu fahren. Doch wie kann man die Menschen bewegen, in den Bus zu steigen? Einen prinzipiell kostenlosen ÖPNV forderten die Experten hierfür nicht. „Der Öffentliche Personennahverkehr ist in unserer Region schon verhältnismäßig günstig. Bei einem kostenlosen Angebot würde man eher die Fußgänger in den Bus locken und nicht die Autofahrer“, ist sich Volker Quaschning sicher. Er plädiert eher für eine Citymaut und dafür, dass Autos komplett emissionsfrei fahren müssen. „Ein Verbrennungsmotor kann nie emissionsfrei sein und für Wasserstoffantriebe benötigt man zu viel Energie, um sie zu betreiben, so bleiben nur die Elektroautos. Hierfür werden sich die Kosten in den nächsten fünf Jahren drastisch reduzieren“, so Quaschning, und: „Die Klimaziele müssen wenn nötig mit der Brechstange durchgesetzt werden, ein Appell reicht da nicht aus.“

Eine interessante Frage kam auch aus dem Publikum. Eine junge Frau wollte von den Experten wissen, wie denn die Welt ihrer Kinder oder Enkelkinder im schlimmsten Fall aussehen würde, wenn der Klimawandel weiter voranschreitet. Volker Quaschning ergriff daraufhin das Wort: „Die Erde würde sicherlich nicht in Flammen aufgehen, aber für die Menschen, die Tier- und die Pflanzenwelt hätte die Erderwärmung um drei oder vier Grad gravierende Folgen. Die Meeresspiegel würden um zwei bis drei Meter steigen, Millionenmetropolen direkt am Wasser wären unbewohnbar. Wir hätten es mit Flüchtlingsströmen ungeahnten Ausmaßes zu tun. Ende dieses Jahrhunderts müssten ein bis zwei Milliarden komplett umgesiedelt werden, Indien wäre zum Beispiel nicht mehr bewohnbar. Tagsüber würden dort Temperaturen von 60 Grad herrschen, für den Menschen ist dies nicht auszuhalten. Wenn wir die Kurve noch kriegen und die Erwärmung bei knapp 1,5 Grad bleibt, wäre dies zwar auch nicht folgenlos, aber damit würde man leben können. Die Meeresspiegel würden dann nur um etwa 30 cm steigen, das könnte man mit Deichen in den Griff bekommen. Hitzeperioden im Sommer würde es auch geben, was sehr unangenehm wäre, aber Menschen müssten deswegen nicht umgesiedelt werden.“

Marlon Deter (AfD), der ebenfalls bei den Werderaner Gesprächen zu Gast war, merkte im Anschluss an Quaschnings Ausführungen an, dass global betrachtet, Deutschlands Anteil an den CO2-Emissionen mit zwei Prozent eher klein ist: „Wie kommen wir auf die Idee, dass wir in Deutschland das Weltklima verändern könnten?“ Die Experten waren sich jedoch einig: Wenn Deutschland es mit der vorhandenen Technologie nicht schafft, Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen, wer soll es dann können?! Deutschland kann als gutes Beispiel vorangehen, Vorbild sein für andere Staaten. Wenn alle Menschen so denken würden – ach, ändern können wir ja doch nichts – würde nie etwas passieren.

Klimaschutz für Privatpersonen

– weniger Auto fahren, ÖPNV nutzen wenn möglich
– Strom sparen
– weniger Fleisch essen (gesund ist der Genuss von 600 Gramm Fleisch pro Woche, was von den meisten Deutschen bei weitem überschritten wird, Quelle: nabu.de)
– auf regionale/saisonale Produkte zurückgreifen (Erdbeeren im Winter aus Spanien schmecken nicht!)
– Klamotten, die man nicht mehr trägt, mit Freunden untereinander tauschen oder neue Kleidung daraus nähen
– Flugreisen vermeiden
– Bäume pflanzen und hegen
– nicht unnötig den Wasserhahn laufen lassen
– Müll trennen
– reden Sie mit Ihren Mitmenschen über Ihre Klimaschutzaktivitäten, werden Sie jedoch nicht zum Moralapostel

Gewiss kann der Einzelne nicht die Welt verändern, aber man kann vielleicht durch sein Handeln andere motivieren, es einem gleichzutun. (wsw)