Die Bliesendorfer Landfrauen

Mehr als nur Kuchen backen

Die Bliesendorfer Landfrauen, Foto: Dietger Spiegel

Werder (Havel) OT Bliesendorf, 3. November 2018 – „Ich wollte nicht nur hier wohnen, sondern auch hier leben“, erinnert sich Monika Schneider an ihre erste Zeit im Werderaner Ortsteil Bliesendorf. Ursprünglich hat sie im Spreewald gelebt, bevor sie vor sieben Jahren gemeinsam mit ihrem Mann die Koffer packte und mit Sack und Pack nach Bliesendorf zog: „Einer meiner Söhne wohnt in Plessow und wir wollten gerne in der Nähe unserer Enkelkinder sein.“

Eine schöne Wohnung in einem idyllischen Häuschen mit Garten war schnell gefunden. Es dauerte nicht lange, da wurde Monika Schneider bei der Gartenarbeit von einer Dame aus dem Ort angesprochen: „Sie sind also die Neue, ja? Na dann kommen sie mal zu uns!“. „Uns“ war in diesem Fall die Landfrauen Ortsgruppe Bliesendorf. 

Wer bei dem Wort „Landfrauen“ nur an Kuchen backen und Kaffeeklatsch denkt, ist weit gefehlt! Der Landfrauenverband ist ein gemeinnütziger Verein, der parteipolitisch unabhängig, aber nicht unpolitisch ist. Die Frauen des Vereins engagieren sich überwiegend ehrenamtlich und mit persönlichem Engagement für den Erhalt der Lebensqualität. Zudem leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Traditions- und Brauchtumspflege. Die Geschichte der Landfrauen geht weit zurück bis ins 19. Jahrhundert mit der Gründung der landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine im Jahr 1898. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde 1948 der Deutsche Landfrauenverband gegründet und nach der Wende Anfang der 1990er Jahre etablierten sich die Landfrauenvereine auch in Ostdeutschland. Nach 1990 änderte sich das Leben der Frauen im ländlichen Raum grundlegend, die Wende hatte massenhaft Entlassungen zur Folge. Nach der anfänglichen Euphorie über den Mauerfall machten sich schnell Hilflosigkeit und Angst breit. Doch der Landfrauenverband holte die Frauen aus der Isolation heraus. Die einzelnen Ortsgruppen aus unserer Region sind dem Kreislandfrauenverband Potsdam-Mittelmark mit Sitz in Belzig/Ragösen unterstellt, der wiederum dem Brandenburger Landfrauenverband mit Sitz in Teltow/Ruhlsdorf angehört. Insgesamt sind mehr als 500.000 Frauen im Deutschen Landfrauenverband organisiert, der sich zur landesweiten Interessenvertretung für alle Frauen im ländlichen Raum entwickelt hat. 

Die Ortsgruppe Bliesendorf besteht aus derzeit 17 Mitgliedern im Alter zwischen 38 und 83 Jahre. Gegründet wurde die Landfrauen Ortsgruppe im März 1997 mit der damaligen Ortsvorsteherin Annette Gottschalk, der damaligen Geschäftsführerin des Brandenburger Landfrauenverbandes Gisela Materne und dem damaligen Geschäftsführer Eberhard Schulze. Die ersten Mitglieder waren Anneliese Höhne, Marianne Thiele und Waltraud Ehmke, die übrigens auch heute noch aktiv im Verein sind. 

Nachdem Monika Schneider eine Zeit lang in den Verein „reingeschnuppert“ hat, wurde sie ab Januar 2012 offizielles Mitglied und hat seit Anfang 2013 sogar den Vorsitz inne. „Die Landfrauen sind meine neue Heimat“, verrät sie uns im Gespräch. Jeden ersten Dienstag im Monat treffen sich die Frauen zum traditionellen Kaffeeklatsch mit kleinem Geburtstagssingen – denn irgendjemand hatte immer kurz vorher Geburtstag und Kuchen schmeckt auch ohne besonderen Anlass prima. Doch bei dem Treffen wird nicht nur gesungen und geschlemmt, es werden auch die Aufgaben für die nächsten Wochen und Monate festgelegt. Und der Terminkalender ist immer gut gefüllt! „Seit dem 1. Juni 2013 unterstützen wir mit Herzblut alle Aktionen der ‚Bliesendorfer Initiative‘“, so Monika Schneider. Die Bürgerinitiative hat sich gemeinsam mit anderen Bürgerinitiativen der Region unter dem Dach des Vereins Waldkleeblatt-Natürlich Zauche e.V. zusammengeschlossen, um gemeinsam den Bau riesiger Windkraftanlagen in den heimischen Wäldern zu stoppen. „Hier haben wir bereits Waldfeste und Wandertage organisiert, Unterschriftensammlungen zum Volksbegehren initiiert und Protestaktionen unter dem Motto ‚Rettet unseren Wald‘ gegen die Errichtung von 200 m hohen Windrädern in der Bliesendorfer Heide organisiert“, erklärt die sympathische Vorsitzende der Bliesendorfer Ortsgruppe. „Wir sind da der gleichen Meinung wie der berühmte Reinhold Meßner – ‚Alternative Energiegewinnung ist unsinnig, wenn sie genau das zerstört, was man eigentlich durch sie bewahren will, die Natur!‘“ Besonderen Anklang fand das Benefizkonzert für den Erhalt des Waldes in der Bliesendorfer Kirche. Die Landfrauen waren mit selbstgetexteten Liedern als kleiner Chor beteiligt. Die Texte stammten aus der Feder der beiden Landfrauen Anja Spiegel und Erika Otto. 

In der Bliesendorfer Ortsgruppe bringen die Frauen ihre individuellen Talente in den Verein mit ein. So findet unter Anleitung von Landfrau Sigrid Weinert zweimal im Jahr die Aktion „Herzenssache“ statt: Die Frauen nähen Herzkissen für an Brustkrebs erkrankte Frauen für das Krankenhaus Ludwigsfelde. Zudem leitet Sigrid Weinert seit vielen Jahren einen Klöppelzirkel, bei dem wahre Kunstwerke entstehen. Die Klöppelgruppe erhielt für ihre Arbeiten bereits viele Prämierungen. 

2014 hat der Verein auch eine eigene Line-Dance-Gruppe gegründet. Die Art der Bewegung bereitet allen Teilnehmerinnen viel Freude, hält sie vital fit und vor allem Körper und Geist beweglich. Die vielen wechselnden Schrittfolgen und Richtungsänderungen dienen der Sturzprävention im zunehmenden Alter. Die Landfrauen tun auch etwas für die Weiterbildung im Alter. Seit 2015 gibt es einen kostenlosen Computerkurs unter dem Motto „50+ Aktiv sein im Alter“.

„Wir sind eigentlich überall dabei, wo etwas los ist“, beschreibt Monika Schneider die Tätigkeit ihrer Ortsgruppe. Seit 2013 findet regelmäßig eine Frauentagsfeier statt. Jedes Jahr im Vorfeld werden Spendengelder gesammelt, Einladungen verteilt, es wird der Gemeinderaum festlich geschmückt sowie Kuchen gebacken und die Landfrauen überlegen sich ein eigenes Programm und studieren dies auch ein. 

Ein besonders schönes Erlebnis war die Betreuung zweier Blütenbusse mit Seniorinnen und Senioren der Stadt Werder und den Ortsteilen Kemnitz und Phöben. Und auch beim Dorffest und Drachenfest, bei Festen der Kirche, beim Vereinsfest, Adventsfest und bei der Senioren Weihnachtsfeier dürfen die Landfrauen mit ihrem selbst gebackenem Kuchen nicht fehlen.

Auch bei der 700-Jahr-Feier der Stadt Werder (Havel) war die Ortsgruppe mit einem Stand dabei. Besonders beliebt sind zudem die gemeinsamen Erlebnisse und Unternehmungen. „Wir haben unter anderem Busreisen zum Schiffshebewerk nach Niederfinow oder zur Landesgartenschau nach Prenzlau organisiert und Open-Air-Veranstaltungen besucht.“ 

Ganz ohne Hilfe von außen funktioniert die ehrenamtliche Arbeit der Frauen natürlich nicht. „Ein großer Dank geht an unseren Ortsvorstand, der unserem Antrag auf Fördergelder jedes Mal zustimmt. Und wir möchten uns auch bei der Bürgermeisterin Manuela Saß bedanken. Die Stadt Werder (Havel) billigt uns in jedem Jahr Gelder zur Traditions- und Brauchtumspflege zu“, freut sich Monika Schneider. 

Doch es gibt nicht nur Grund zur Freude. „Es ist so viel los in Bliesendorf und es gibt jede Menge zu tun für unsere Landfrauen Ortsgruppe, es fehlt uns einzig und allein am Nachwuchs. Wir altern schnell: Zwei Drittel unserer Frauen sind zwischen 75 und 84. Also junge Frauen aus dem Ort und der unmittelbaren Nähe: Kommt zu uns! Wir brauchen euch!“, wünscht sich die Vorsitzende. Es sind übrigens auch Männer herzlich willkommen. Bliesendorf ist in den letzten Jahren von 350 Einwohnern auf über 550 gewachsen. Darunter werden doch sicherlich noch viele Frauen sein, denen ebenfalls der Erhalt der Natur am Herzen liegt, die das Brauchtum pflegen möchten, an den vielen Aktivitäten teilnehmen wollen und die ein leckeres Kuchenrezept besitzen. Letzteres ist natürlich keine Voraussetzung für die Aufnahme in den Verein. (wsw)