Die „Blühende Gartenstadt“

Interview mit Baldur Martin

Ein unermüdlicher Chronist von Werders Geschichte: Dr. Baldur Martin. Foto: wsw

Werder (Havel), 17. Juli 2019 – Unsere Gartenstadt Werder ist in eine wunderschön blühende und grünende Landschaft eingebettet. Um dies zu erhalten und zu fördern, sind vor allem die Einheimischen gefragt. Der eigens hierfür ins Leben gerufene Wettbewerb “Blühende Gartenstadt” zeichnet die Bemühungen der Werderanerinnen und Werderaner für ein schönes Stadtbild aus. Mitglied der Arbeitsgruppe ist unter anderem Baldur Martin. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen:

Werder nennt sich „Blütenstadt“. Warum ist ein gartenbaulicher Wettbewerb nötig?
Das blühende grüne Landschaftsbild hat sich über Jahrhunderte durch den nachhaltigen Einfluss der hier lebenden Menschen herausgebildet. Die hier Wohnenden müssen auch zukünftig mitmachen. Fast die Hälfte sind inzwischen Zugezogene. Sie wurden davon inspiriert, im Einklang mit der Natur leben zu können. Das erfordert aber nicht nur Wahrung und Nutzung der Traditionen, sondern auch neben neuen Ideen den sorgfältigen und artgerechten Umgang mit der vielfältigen Natur der Pflanzen.

Welche gestalterischen Besonderheiten bestimmen das grüne Stadtbild?
Auf der Insel sind es die Hausgärten, die zwischen eng gebauten Häuserzeilen auch heute noch das ruhige, abgeschlossene Wohnen im Grünen angenehm machen. Steht eins der hohen Brettertore mal offen, bieten sich dem überraschten neugierigen Auge wahrhaft paradiesische Bilder.

Auf dem Festland ist davon aber kaum etwas zu finden?
Die Bauweise war vom Ende des 19. Jahrhunderts an eine ganz andere. Hinter den Höfen befand sich das blühende und Früchte tragende Obstland. Bei der Fluchtlinienbegradigung blieb zur Straßenseite hin Platz, vorgesehen für mindestens 1,50-2,00 Meter Vorgarten. Diese Vorgärten wurden zum Aushängeschild der Obstbauern und ihrer gärtnerischen Fähigkeiten. Und sie prägen zum Teil bis heute das Stadtgrün. Ziel des Wettbewerbs soll es u.a. sein, diese Tradition wieder zu beleben und fortzuführen. Das trifft auch für die ab den zwanziger Jahren in die großen Gärten hineingebauten Siedlungshäuser zu. Hier bestehen noch viel umfangreichere Möglichkeiten der gärtnerischen Ausgestaltung. Es geht also unter anderem darum, auch Anregungen zu bekommen und diese zu nutzen.

Geht es nur um Vor- oder Hausgärten?
Keineswegs. Es soll alles, was grünt und blüht, für die Öffentlichkeit sichtbar und erlebbar sein. Eine alte Weisheit der Werderschen ist: der gepflegte Vorgarten ist der Spiegel für das gesamte Grundstück. Natürlich können in die Bewertung auch Treppenaufgänge, Fenster- bzw. Balkonkästen, Hauswandbegrünung, Solitäre (Einzelbäume), Obstgehölze usw. mit einfließen. Logischerweise hauptsächlich dann, wenn sie ein besonderes gärtnerisches Gesamtbild ergeben.
Wir haben bei uns auch sehenswerte begrünte Gewerbestandorte. Oder denken Sie an die vielen Mehrgeschosser in der Stadt, wo ganze Hausaufgänge liebevoll grün gestaltet sind. Auch deren Leistungen sollen anerkannt werden.

Das Grün ist vorhanden. Viele freuen sich. Reicht das aus?
Leider nein. Die Blütenpracht muss nicht nur bewundert und genutzt werden, sie ist auch zu erhalten, zu pflegen und Neues muss dazu kommen, z.B. heimische, aber trockenresistente Arten oder Pflanzen wie sogenannte „Klimawandel-Bäume“, die von den hier lebenden Insekten geliebt werden. In dieser schnelllebigen Zeit, wo zuerst der Arbeitstag und die Familie zu bewältigen sind, fühlt sich mancher durch zusätzliche Aufgaben überlastet. Er überlässt diese lieber dem Nachbarn. Und übersieht, dass die Beschäftigung mit der Natur auch Ausgleich, Erholung und Erlebnis sein können.

Aber genügt es nicht, wenn es vor der Haustür nur ordentlich aussieht?
Sie meinen die Schottergärten, auch, nicht von mir, aber richtigerweise „Gärten des Grauens“ genannt. Ich finde diese Entwicklung furchtbar, die selbst vor Friedhöfen nicht Halt macht. Auf diesen Flächen wächst nichts mehr, kein Insekt hat dort sein Auskommen, das Wasser verdunstet, der Kreislauf ist unterbrochen. Ich denke, zu Gunsten der Betreffenden, dass es vorzugsweise Gedankenlosigkeit oder mangelnder Sinn für das Gemeinwohl sind. Die Stadt sollte durch Satzung/Ordnungen mit allen Mitteln dagegen vorgehen. In die gleiche Kategorie fällt das „Einmauern“ mit übermannshohen Hecken nichtheimischer Gehölze (z.B. Kirschlorbeer)oder, ganz schlimm, graue Pflastestreifen als Sichtblenden.

Geht nur Werder (Havel) in Richtung der grünen Stadt?
Das wäre nicht machbar. Werder fügt sich in eine zunehmende Kampagne ein, an der auch das Land und der Bund nicht mehr vorbeikommen. Waren es zunächst Absichtserklärungen, so sind es jetzt konkrete Maßnahmen. Denken Sie nur an die Gartenschauen als Beispielgeber. Aus der Bundesinitiative „Grün in der Stadt“ mit einem Weißbuch wurde seit 2017 das Städtebauförderungsprogramm „Zukunft Stadtgrün“, das den Kommunen zur Verfügung steht. Ab 2019/20 ist ein „Bundespreis Stadtgrün“ geplant. Damit sollen vorbildlich umgesetzte Praxisbeispiele bekannt gemacht werden. Im Mittelpunkt stehen die Reaktion auf die Folgen des Klimawandels und die Sorge um den Erhalt der biologischen Vielfalt.

Wie läuft der Wettbewerb ab?
Auf jeden Fall ganzjährig. Die Stadtverordneten haben neben einem Grundsatzbeschluss dazu Bewertungskriterien gebilligt. Eine Arbeitsgruppe der Verwaltung führt das Verfahren und steht auch für weitere Fragen zur Verfügung. Die Haushalte wurden über Sinn und Zweck informiert, in besonderen Hinweisen zur Gartengestaltung auch über spezifische Anbaubedingungen in Werder.
Als Anerkennung und Auszeichnung gibt es neben einer Geldprämie eine wertige Schiefertafel mit der Gravur „Blütenstadt Werder – vorbildlicher Garten“. Die ersten fünf Auszeichnungen wurden vor den Stadtverordneten bereits überreicht.

Die ersten Auszeichnungen wurden im März vergeben