Die Digitalisierung kommt (endlich auch) in Werder an

Das Digitalwerk im Bahnhofsgebäude von Werder (Havel) unterstützt kostenlos die Digitalisierung kleiner und mittlerer Unternehmen in Brandenburg.

Der orangefarbene Teppich wies bei der Eröffnung am Mittwochabend den Weg ins neue Digitalwerk im Werderaner Bahnhof, Fotos: wsw

Werder (Havel), 17. Januar 2019 – Gestern wurde am Bahnhof in Werder (Havel) der orangefarbene Teppich ausgerollt. Im ehemaligen Möbel An- und Verkauf im Bahnhofsgebäude wurde die Eröffnung des Digitalwerks gefeiert. Die alte Halle in der Eisenbahnstraße 109 ist kaum wieder zu erkennen. Das Team hat in der vergangenen Zeit ganze Arbeit geleistet. Das geweißte Mauerwerk bietet einen idealen Kontrast zu den dunklen Holzbalken, der Fußboden wurde erneuert, es gibt jetzt fließend Wasser und Strom und es riecht alles noch ganz neu.

Dort, wo bei der Eröffnung Stühle für die Gäste standen, warten nun Erlebnisstationen auf die Unternehmer aus der Region.

Das hell und freundlich gestaltete Digitalwerk ist bereit, die kleinen und mittleren Unternehmen aus der Region in das digitale Zeitalter zu führen. An praxisorientierten Erlebnisstationen, in Workshops und bei Veranstaltungen werden digitale Technologien erlebbar. Das Digitalwerk ist Teil eines strategischen Handlungsrahmens des Wirtschaftsministeriums, um die Digitalisierung der märkischen Wirtschaft voranzutreiben. Aufgebaut wurde das neue Zentrum vom Institut für Innovations- und Informationsmanagement der Technischen Hochschule Brandenburg (THB). Umgesetzt wird das Projekt in enger Zusammenarbeit mit den brandenburgischen Kammern, Verbänden und der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg (WFBB). Gefördert wird es mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Die Strategie und Leitung des Digitalwerks am Standort Werder übernimmt Michaela Scheeg, die sich gestern Abend in einer Digitalwerk-orangefarbenen Bluse den über Hundert Besuchern präsentierte. Nach ihrer Begrüßung übergab sie das Wort an Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach, der sich zu Beginn seiner kurzweiligen Rede auch problemlos ohne Mikrofon Gehör verschaffen konnte. „Die Digitalisierung ist nichts Geringeres als die Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts: Kein Unternehmen, kein Wirtschaftszweig kann es sich leisten, das Thema auf die lange Bank zu schieben und damit die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden. Doch für Handwerksbetriebe ist der aktuelle Handlungsdruck besonders schwer umzusetzen. Denn die Auftragsbücher sind prall gefüllt, die Personaldecke ist angespannt. Da ist es kaum möglich, sich auch noch mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Es sei denn, man wird intensiv betreut. Und genau das soll das Digitalwerk leisten. Hier können sich kleine Betriebe individuell beraten lassen, in Praxisbeispiele hineinschnuppern und erfahren, welche weiteren Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.“ In seiner Rede bemerkte er, dass die Mächtigkeit der digitalen Bewegung noch nicht von allen wahrgenommen wurde. „Insbesondere für märkische Handwerksbetriebe ist mit dem Digitalwerk eine Anlaufstelle entstanden, um die Möglichkeiten der Digitalisierung besser nutzen und individuelle Digitalisierungsschritte planen zu können“, hob Minister Steinbach hervor. Die Digitalisierung in Brandenburg könne allerdings nur wirklich mit Breitand funktionieren. Hier sieht er die Mobilfunkunternehmen in der Verantwortung.

Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach, Minister für Wirtschaft und Energie im Land Brandenburg

Im Anschluss sorgte der Präsident des Handwerkskammertages des Landes Brandenburg, Robert Wüst, mit den Worten: „Ich habe sieben vollgeschriebene Seiten vorbereitet, die wir in der nächsten Dreiviertelstunde durchgehen werden“ für Gelächter im Publikum. Seine informative und knackige Rede begann er mit vier wichtigen Zahlen: Weltweit werden in einer Minute 350.000 Tweets auf Twitter hochgeladen, 243.000 Fotos auf Facebook gepostet, 400 Video-Minuten bei YouTube eingestellt und knapp 4 Millionen Suchanfragen bei Google eingetippt. „Viele denken, dass das Erstellen einer Homepage schon Digitalisierung genug ist. Mit Hilfe der Digitalisierung können die Firmen Freiräume und Zeitersparnis schaffen, die Kommunikation und Arbeitsplanung können deutlich optimiert und vereinfacht werden.“ Auch oder gerade weil die Auftragsbücher im Handwerk aktuell gut gefüllt seien, dürfe der Blick für Optimierungsprozesse nicht verloren gehen, so Wüst weiter. „Digitale Maßnahmen schaffen nicht nur neue Kapazitäten und überraschende Geschäftsmodelle auch im Handwerk, sondern sichern zudem den Fachkräftebestand. Denn potenzielle Mitarbeiter und vor allem auch junge Menschen schauen sehr wohl darauf, wie ein Unternehmen in dieser Hinsicht aufgestellt ist, bevor sie sich für dieses entscheiden“, unterstrich der Handwerkskammertagspräsident. Ein festlicher Moment folgte direkt nach seiner Rede: Der Handwerkskammertag des Landes Brandenburg und das Digitalwerk unterzeichneten feierlich die Kooperationsvereinbarung.

Unterzeichnung des Kooperationsvertrages zwischen Robert Wüst und Michaela Scheeg

Der Digital-Stratege Christian Krause appellierte in seiner überaus unterhaltsamen Rede an die Unternehmer im Publikum: „Dem Handwerk geht es mit einer 160 prozentigen Auslastung einfach zu gut. Wir brauchen eine neue Fehlerkultur und wir brauchen Unternehmer, die auch mal etwas riskieren, etwas ausprobieren und einfach machen. Nur wer etwas weiß, kann Neues entwickeln.“ Als Beispiel nannte er eine Tischlerfirma aus Koblenz, die von Vater und Tochter geleitet wird. Er, der Senior-Tischlermeister, hat mit Digitalisierung nicht viel am Hut, solchen modernen Schnickschnack braucht er nicht. Die Tochter sah das jedoch anders. Wer in dieser Tischlerei nun einen Tisch bestellt, wird über digitale Kanäle mit auf die Reise durch die Massivholzwerkstatt zur Entstehung des hochwertigen Möbelunikats genommen. Für dieses deutschlandweit einzigartige Konzept gab es bereits diverse Auszeichnungen. Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass die Digitalisierung keineswegs eine Gefahr für das traditionelle Handwerk darstellt, sondern einen erheblichen Mehrwert sowohl für die Unternehmer als auch für die Kunden bieten kann.

Wie wäre es z.B. wenn ein Schornstein selbstständig Kontakt zum Schornsteinfeger aufnehmen kann, wenn Tischler oder Zimmermänner mittels App über die Restfeuchte im Holz informiert werden würden oder Friseure zur Terminabsprache nicht mehr ans Telefon gehen müssten, weil ein Onlinetool die Terminplanung übernimmt? Wer sich über die unzähligen Möglichkeiten informieren lassen möchte, ist im Digitalwerk genau an der richtigen Adresse.

Neben Halb- und Ganztagsveranstaltungen wird es auch sehr kurze „digital to go“- Formate geben. Dabei wird eine digitale Lösung – beispielsweise Personalplanung, E-Rechnung, 3-D-Druck oder Kundendatenverwaltung, in 15 Minuten erklärt. An Erlebnisstationen können neueste digitale Lösungen anhand von Praxisfällen selbst ausprobiert und gemeinsam durchgespielt werden. Die Unternehmer haben so die Möglichkeit, technische Aspekte einer Lösung im Detail kennenzulernen.

Wer Interesse an einer Veranstaltung oder einem Workshop hat, kann sich beim Digitalwerk in der Eisenbahnstraße 190 in Werder (Havel) melden, per Telefon 03381 355 840 oder E-Mail www.info@digital-werk.org. Die Beratung ist für die Unternehmen kostenfrei.
Online kann man auf www.digital-werk.org leider noch keine Termine buchen, aber der Schuster hat ja bekanntlich die schlechtesten Schuhe.
Wir wünschen dem Digitalwerk, dass dieser neu entstandene Ort im alten Bahnhofsgebäude mit Leben gefüllt wird. (wsw, hwk)

Das Team des Digitalwerks