Die Früchte der eigenen Arbeit ernten

Schüler*innen der Schule am Plessower See können den Beruf des Landwirts näher kennenlernen

Werder (Havel)/Potsdam, 11. November 2021 – Leif hält das Huhn ganz fest in seinen Armen. Das gefiederte Tier scheint sich bei dem Schüler wohlzufühlen und gackert zufrieden. Gemeinsam beobachtet das ungleiche Duo, wie Leifs Schulkameraden versuchen, einen großen Anhänger, der mit Laub gefüllt ist, zwischen zwei Bäumen hindurch zu manövrieren. Dieses Vorhaben gestaltet sich schwieriger als gedacht, das sperrige Gefährt steckt fest. Die drei Schüler versuchen ihr Bestes und schieben, ziehen und zerren. Gerne würden wir mit anpacken und den Anhänger gemeinsam mit den Jungen aus ihrer misslichen Lage befreien. „Man muss eine Menge Geduld mitbringen, wenn man mit Kindern auf einem Hof arbeitet“, erklärt Lene Waschke. „Doch am Ende zählt das Erfolgsergebnis für die Kinder.“

Die gebürtige Greifswalderin und Lehrerin betreibt gemeinsam mit Landwirt Mathias Peeters die solidarische Landwirtschaft BAUERei Grube. Die SoLaWis in Grube arbeiten nach den Grundsätzen des biologischen Anbaus. Der Boden soll mit Blick auf ein vielfältiges Insektenleben und generationsübergreifenden Bodenaufbau vernünftig bewirtschaftet werden. Jedes der Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft leistet seinen Beitrag, am Ende wird die Ernte aufgeteilt. Zu Beginn eines jeden Erntejahres überschlägt der Bauer die zu erwartende Ernte, um zu wissen, wie viele Ernteanteile er an Abnehmer vergeben kann. Zur Zeit werden 150 Ernteanteile vergeben – 15 freie Plätze für das neue Erntejahr sind noch frei. „Wir freuen uns auch über Interessenten aus Werder“, so Lene Waschke. „Unsere Mitglieder können immer donnerstags an sieben Potsdamer Depots ihre Ernte abholen – ein Depot in Werder ist in der Zukunft nicht ausgeschlossen.“

In der Zwischenzeit haben die drei Schüler den Anhänger mit lautem Hau-Ruck befreien können und spannen ihn mit stolz geschwellter Brust hinter das Sulky. Davor warten bereits die beiden Esel Krawall und MarIA auf ihren Einsatz. Die beiden Zugtiere sollen Sulky und Anhänger mitsamt Lene und den drei Schülern zum nahe gelegenen Feld transportieren. Dort wartet die Sellerie-Ernte auf die Jungs.

Dass die Schüler*innen der achten und neunten Klassen tatkräftig hier auf dem Hof mit anpacken können, liegt an der neuen Schülerfirma, die seit diesem Schuljahr an der Schule am Plessower See durch INISEK finanziert wird. Neben den Schülerfirmen Catering, Medien und Holz erhalten die Schülerinnen und Schüler nun auch Einblicke in die Tätigkeit des Landwirts. „Wir hatten mehr Bewerbungen für diese Schülerfirma als mögliche Plätze“, verrät uns Stefanie Kokel (Lehrerin an der Schule am Plessower See). „Die Schüler*innen waren von der neuen Schülerfirma sofort begeistert. Vielen fällt es schwer, sich im Unterricht zu konzentrieren, und hier auf dem Hof können sie immer montags tatkräftig mit anpacken, sich um die Tiere kümmern, kochen oder auf dem Acker helfen.“

In der ersten Zeit konnten sich die fünf Schüler und eine Schülerin erstmal auf dem Hof umschauen und ausprobieren, welche Arbeit ihnen am meisten liegt. Leila zum Beispiel beweist unglaublich viel Geduld, wenn es um zeitaufwendige Kleinarbeiten geht. Bei unserem Besuch in Grube ist die Schülerin für das Zurechtschneiden der Süßkartoffel-Setzlinge verantwortlich. Setzling um Setzling wird von ihr präzise bearbeitet. „Leila ist genau die richtige für diese Aufgabe, sie strahlt so eine Ruhe und Gelassenheit aus und arbeitet immer sehr gewissenhaft“, lobt Lene Waschke die Schülerin.

Neben der Schule am Plessower See besuchen auch Schüler*innen der AWO Grundschule „Marie Juchacz“ aus Golm und der Freien Schule Werder die SoLaWi BAUERei Grube. „Es vergeht meist viel Zeit, bis ein Projekt abgeschlossen ist“, so Lene Waschke. Zukünftig sollen auch Schafe auf dem Hof Platz finden und für diese soll ein gemütliches Winterquartier gebaut werden. „Uns ist es wichtig, dass die Schüler*innen, die ein Projekt begonnen haben, dieses auch erfolgreich abschließen. Und da die Kids nur einmal die Woche hier sind, zieht sich so etwas natürlich ganz schön in die Länge.“

Doch missen möchte die ehemalige Lehrerin für Biologie, Deutsch und Theater die jungen Helferlein nicht. „Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie die Kinder hier aufblühen – sei es bei der Ackerarbeit, in der Küche oder beim Versorgen der Tiere.“

Während Lene mit den drei Jungs Richtung Feld davonfährt, um dort Sellerie zu ernten, bleibt Stefanie Kokel mit den anderen auf dem Hof, um das Mittagessen vorzubereiten. Bratkartoffeln mit Rote Bete stehen auf dem Speiseplan. „Die Arbeitsmoral der Schüler*innen ist wirklich herausragend“, freut sich die Lehrerin. „Bei uns an der Schule am Plessower See wird Berufsorientierung groß geschrieben. Neben dem Kennenlernen handwerklicher Betriebsabläufe werden Schlüsselkompetenzen wie Ausdauer, Sorgfalt, Kommunikations-, Konfliktfähigkeit ebenso wie Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein gefördert. Ein weiterer Schwerpunkt der Schülerfirmen-Projekte, die meist ein Jahr laufen, ist die Förderung teamorientierten Arbeitens. Und das klappt hier auf dem Hof wirklich toll!“

Finanziert wird dies unter anderem durch die sogenannte INISEK I (Initiative Sekundarstufe I). Für die Durchführung der Schulprojekte stehen mehrzügigen Schulen und einzügigen Förderschulen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Lernen“ je Schule und Schuljahr in der Regel bis zu 20.000 Euro aus dem ESF zur Verfügung. Das Förderprogramm Initiative Sekundarstufe I (INISEK I) zielt darauf, die schulischen Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 sowie ihre Ausbildungsfähigkeit zu verbessern. Schülerinnen und Schüler sollen schon in der Schule erleben, wofür sie lernen. „Und ein besseres Erlebnis, als gemeinsam mit den Schulkameraden hier auf dem Hof die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten, gibt es kaum“, freut sich Stefanie Kokel. (wsw)