Die Gerlachshöhe

Zu Gast in der ehemaligen Höhengaststätte zwischen Bismarckhöhe und Friedrichshöhe

Werder (Havel), 29. Juli 2020 – Wenn man von den bekannten Werderaner Höhengaststätten spricht, ist meist nur von der Friedrichshöhe, der Bismarckhöhe und der Wachtelburg die Rede. Doch wussten Sie, dass bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eine weitere Gaststätte auf 68 Höhenmetern die zahlreichen Gäste der Blütenstadt willkommen hieß?


Die Gerlachshöhe – damals – 

Heute steht von der ehemaligen Gastwirtschaft „Gerlachshöhe“ nur noch ein Drittel des ursprünglichen Gebäudes. Wo einst die Gäste Getränke und Speisen auf einer großzügigen Terrasse mit Panoramablick genossen, picken heute Hühner Körner von dem grasigen Boden und gackern fröhlich in ihrem großzügigen Domizil. 

Der einstige Aussichtsturm steht nicht mehr. Bei einem Rundgang durch die alten Gemäuer lässt sich der Charme der einstigen Höhengaststätte nur erahnen. 

Ihren Namen verdankt die Gerlachshöhe Ferdinand August Gerlach, der 1874 im Besitz des Areals war. Er errichtete hier, im Hohen Weg 69 zwischen dem Marienweg und der Carmenstraße, die Höhe und das dahinterliegende Gerlachshäuschen. Es sollte der Alterssitz für Ferdinand Gerlach und seine Frau werden. Im Jahr 1889 übernahm Friederike Kohlschütter die Immobilie, die sie ab 1900 als Gastwirtschaft betrieb. Ab dem Jahr 1912 lief die Gastwirtschaft unter dem neuen Namen Hindenburghöhe und wurde von Katharina Richter und Wilhelm Lüsch betrieben. Sie ergänzten das Gastronomie-Angebot um eine Pensionswirtschaft. 

Doch die Konkurrenz von Bismarckhöhe und Friedrichshöhe war auf Dauer zu groß und so war bereits Mitte der 1920er-Jahre Schluss für die Gastwirtschaft „Gerlachshöhe“. 1923 kaufte der Ministerialrat Dr. Otto Jöhlinger das Anwesen, 1938 wurde er enteignet und in den 1990er Jahren wurde das Grundstück seinem Nachfahren Wolfgang Jöhlinger rückübertragen. 

Die Gerlachshöhe – heute –

An einem sonnigen Vormittag machen wir uns auf den Weg zur Gerlachshöhe. Von der Straßenseite aus ist von dem idyllischen Kleinod, das sich am Ende der langen Einfahrt befindet, nichts zu sehen. Nur schemenhaft ist ein mehrstöckiges Gebäude sichtbar, das modern renoviert nur noch vage an den einstigen Pensionsbetrieb erinnert, der zur Höhengaststätte „Gerlachshöhe“ gehörte. 

Aus dem ersten Stock winkt uns der neue Besitzer Eik Mellin fröhlich zu, er bittet uns, in den Garten zu gehen. Hinter dem grauen Gebäude, das heute als Wohnhaus genutzt wird, eröffnet sich uns ein traumhafter Garten. Inmitten von schattenspendenden Linden und liebevoll angelegten Blumenbeeten thront die Gerlachshöhe im hinteren Teil des Grundstückes.

Bei Kaffee und Kuchen und die Gerlachshöhe im Blick erzählt uns Eik Mellin die filmreife Geschichte, wie er der Besitzer dieses historischen Schmuckstücks wurde:

„In meiner Kindheit verbrachte ich die alljährlichen Ferien bei meinem Großvater, dem ehemaligen Obstzüchter Adolf Kassin. Dort half ich bei der Tomatenernte und verdiente pro gepflücktem Korb eine Mark. In meiner freien Zeit zog ich mit meinem Cousin durch die Innenstadt von Werder und erkundete alle möglichen Ecken. Unser beider Lieblingsplatz war die Wachtelburg. Das burgähnliche Gemäuer hatte eine bemerkenswerte Faszination. 

Die Jahre vergingen und 2004, nach meiner Entlassung aus dem Militärdienst, begann ich ein Studium mit Schwerpunkt Medien an der Uni Potsdam. Zu dieser Zeit wohnte ich auf der Insel und war von dem Kleinod gefesselt. 2009 trat dann meine zukünftige Frau in mein Leben, 2011 wurde unser Sohn geboren. 

Nun begann die Suche nach einem geeigneten Familiensitz. Die Wohnung auf der Insel über der ehemaligen Weltlaterne wurde langsam zu klein und so besichtigten wir ein kleines Haus. Leider wurde daraus nichts und wir entschieden uns, noch eine Weile die Vorteile der Altstadt zu genießen. 

Die Verbundenheit zur Stadt Werder löste bei mir Interesse an der Geschichte alter Gebäude aus. Aufgrund vieler Erzählungen und Dokumente von meinem Großvater begann ich, eine Internetseite ins Leben zu rufen, um dort interessante Informationen für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Ein Thema war unter anderem die Wachtelburg, die ich aus meiner Kindheit sehr gut kannte. Es folgten Berichte über die Bismarckhöhe, Friedrichshöhe und Gerlachshöhe. 

Letztere machte es mir jedoch nicht gerade leicht. Informationen waren rar gesät und viele Quellen waren nicht verlässlich oder gar lückenhaft. Nicht ganz zufrieden veröffentlichte ich den Bericht im Internet und stellte noch ein paar mehr oder weniger aussagekräftige Bilder ein. Daraufhin bekam ich einige Zeit später eine E-Mail eines betagten Herrn, der sich auf den Beitrag bezog. 

Etwas verunsichert, ob der Richtigkeit der gemachten Angaben, ignorierte ich die Anfrage des damals 92-Jährigen aus Aachen. Er hatte angeboten, mir Bildmaterial zu schicken, und er stellte einige Sachverhalte richtig. Über ein halbes Jahr lang tauschten wir unsere Familiengeschichten aus. Wir schickten uns E-Mails, Briefe mit Chroniken, Bilder und Kartenmaterial und wir verabredeten uns zu einer Besichtigung der Gerlachshöhe im Frühjahr 2014. 

Am Tag der Besichtigung hatte ich ausreichend Zeit, Fotos von dem baufälligen Gebäude zu machen. Leider gelang es uns kaum, ins Innere des einstigen Ausflugslokals zu gelangen. Sehr beeindruckt von dem doch unbekannten Gebäude wollte ich mich für die Möglichkeit der Besichtigung bedanken, als mich der ältere Herr beiseite nahm. 

Sein Besuch war als Abschied gedacht, da er das gesamte Grundstück veräußern möchte. Aufgrund unserer Annäherung und dem Wissen über das vorhandene Interesse an der Geschichte, würde er mir das Objekt gern zum Kauf anbieten. Bei mir wisse er sein Erbe in guten Händen. 

Ich war natürlich erstmal völlig verblüfft und entgegnete, dass das doch ein Vermögen kosten müsse bei der vorhandenen Größe. Doch dieses Schmuckstück konnte ich mir nicht entgehen lassen! Ich hatte daraufhin gut ein Jahr Zeit, um die Finanzierung auf die Beine zu stellen und im Oktober 2014 war es dann soweit. Die Gerlachshöhe wechselte den Besitzer und wurde unser Eigentum. 

Bis 2017 versuchte ich, den Kontakt zu Wolfgang Jöhlinger (dem betagten Herrn) zu halten, der aber nie auf meine Anfragen reagierte. Er hatte mit der Gerlachshöhe im März 2014 seinen Frieden gemacht. Wolfgang Jöhlinger verstarb im Juni 2017 kurz vor seinem 96. Geburtstag.“

Heute blickt Eik Mellin stolz auf „seine“ Gerlachshöhe, die er nach historischem Vorbild sanieren möchte. Einen Teil der Arbeit hat er bereits geschafft. Das Dach wurde erneuert, die Fassade wurde verputzt und der Flaschenkeller wieder begehbar gemacht. 

Wir steigen die schmale, mit Ochsenblut gestrichene Treppe des einstigen Ausflugslokal hinauf. An den Wänden ist etwas verblasst zu lesen, dass der Ausftieg zum Turm damals zehn Pfennig gekostet hat. 

„Hier oben soll der Zugang zur Terrasse entstehen. Dafür müssen wir noch einen Durchbruch machen, ebenso fehlen noch zwei Fensteröffnungen, die früher einmal da waren, jedoch irgendwann zugemauert wurden. Ein kleines Bad wird hier auch noch eingebaut, hierfür habe ich schon einen alten historischen Ofen erworben. Die Gerlachshöhe soll einmal genauso schön werden, wie früher“, freut sich Eik Mellin. 

Irgendwann möchte der 43-Jährige hier eine kulturhistorische Begegnungstsätte schaffen. Gefundene Exponate sollen in einem kleinen Museum ausgestellt werden, Führungen von Kleinstgruppen kann sich der Besitzer ebenfalls gut vorstellen. 

„Mir ist es wichtig, dass dieses regionale Kulturgut für die Zukunft gesichert wird“, so Eik Mellin. Bisher hat er 30.000 Euro in die Sanierung der Gerlachshöhe investiert. Das sanierte Wohnhaus, in dem er selbst mit seiner Familie und drei weiteren Parteien lebt, lässt bereits erahnen, mit wieviel Geschmack, Stil und Engagement Eik Mellin und seine Frau Nicole Martin ihrem gemeinsamen Lebenstraum Gestalt geben. (wsw)