Die Heimatgeschichte feiert Jubiläum

Werder (Havel), 12. Januar 2021 – Am Anfang war eine Idee: ein Jahrbuch für Werder (Havel) sollte es werden. Die Träger der Idee waren Geschichtsinteressierte, die daran gingen, eine Gemeinschaft zu bilden. Den Beginn bildete eine Ausstellung, die offensichtlich bei Spitzenfunktionären des Kulturbundes im Bezirk Potsdam gut ankam. Auch half ein glücklicher Zufall: Willi Welters, Altkommunist aus dem Rheinland, fand Gefallen an obiger Idee, jährlich mit „Heimatgeschichtlichen Beiträgen“ aufzuwarten. Immerhin auf der Basis von vier Druckbögen, das entsprach 64 Seiten A5, eng beschrieben. Er war „gut vernetzt“, und seinem „Kommunistenwort“ als Mitherausgeber war kaum etwas entgegen zu setzen. So öffneten sich die Partei- und Kulturbundtüren. 

Nach Vorlage und eingehender Begutachtung der Inhalte kam 1982 die Druckgenehmigung zum ersten Heft. Auch das dazu dringend benötigte, aber kontingentierte Papier wurde freigegeben. Etwas inhaltliche und gestalterische Freiheit wurde erreicht, wenn einige grundsätzliche Prämissen berücksichtigt worden waren. Dazu gehörten z. B., dass mindestens ein führender Genosse oder Parteiveteran vorgestellt und wenigstens eine sozialistische Institution inhaltlich eingebunden wurden. Der Durchbruch war erreicht, als sich auch überregional etablierte Persönlichkeiten in die Autorenschar einreihten. Als Herausgeber fungierte nun der Rat des Kreises Potsdam. 

Was jedoch machte die Hefte und macht sie noch heute so lesenswert, auch für historisch interessierte Laien. Die Mischung macht’s: Übersichts- ebenso wie spezielle Themen; historische, aber auch Alltagsprobleme; Erlebtes und Nacherzähltes; autodidaktisch Zusammengetragenes neben mühsam Erforschtem; auch ganz unterschiedliche Berichts- beziehungsweise Erzählweisen im individuellen Stil; manchmal nur ein, zwei Seiten, aber auch ab und an eine mehr als 15-seitige Abhandlung; möglichst Original- oder originelle Abbildungen. Und das Ganze, ausgehend vom aktuellen Erkenntnisstand, beleg- und begründbar. 

Allein, wenn man sich die Inhaltsübersicht am Schluss des 30. Heftes vornimmt, sind es auf circa 2.530 A5-Seiten 225 Autoren, die sich zu mehr als 500 Themen äußerten. Damit liefert die nunmehr auf 30 Hefte angewachsene Reihe, die über zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme geht, Zeugnisse von den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen und den häufig sehr verschiedenen Sichtweisen.  

Nach der Wende wurde 1990 der „Heimat- und Verkehrsverein Werder (Havel)“ als Nachfolger der „Interessengemeinschaft Heimatgeschichte und Denkmalpflege“ gegründet. Er übernahm auch die Herausgeberschaft von „Blütenstadt Werder (Havel) – Heimatgeschichtliche Beiträge“. Damit war das Erscheinen zunächst gesichert. Schlussendlich war man dann aber doch der Ansicht, dass bei den Menschen andere Dinge im Vordergrund standen, und 1991 erschien das vorläufig letzte Heft. 

Der 1998 eingebrachte Vorschlag, die Tradition erneut aufzunehmen, wurde wohlwollend aufgegriffen. Die Zeit war wieder reif, und dem neuen „Heimatheft“ wurde viel Beifall gezollt.  Jahr für Jahr konnte man nun nicht mehr nur drüberschauen, sondern auch zu Hauf Interessantes lesen und erfahren. Die umliegenden Orte kamen ebenfalls regelmäßig zu Wort. Auch Jubiläen fanden ihre Würdigung. Der 700-Jahr-Feier von Werder (Havel) wurde explizit ein Doppelheft gewidmet. Ebenso prägten Fortsetzungsreihen das Programm. Die beliebteste war die Postkartenserie „Interessante Zeitdokumente“. In 20 Folgen stellte Erhard Schulz seine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung vor. 

Und nun erschien das 30. „Jubiläumsheft“, wieder eine Doppelausgabe. Allerdings nicht wie zu erwarten 128, sondern „in Gold“ gebundene 172 Seiten. Die G & S Druck und Medien GmbH, seit vielen Jahren treuer Begleiter der Herausgeber, hatte die Druckbögen bereitgestellt. Nach Aussage der Redaktion waren wohl eine Reihe von Autoren, angeregt durch das Erscheinen der siebenbändigen Werder-Chronik, auf reichlich noch nicht bearbeitete Themen gestoßen.

So wurde diese Ausgabe 2020/21 nicht nur sehr umfangreich, sondern auch vielfältig und lebendig. Die gegenwärtige Corona-Pandemie wird in vier recht unterschiedlichen Beiträgen festgehalten, und natürlich wird auch auf die beiden Jubiläen 40 Jahre „Interessengemeinschaft für Heimatgeschichte und Denkmalpflege“ sowie 30 Jahre „Heimatverein Werder (Havel)“ eingegangen. Sehr persönlich wird es bei Berichten über eine Abgeordnetentätigkeit in Brüssel, dem Dabeisein bei der Wiedereröffnung der Bismarckhöhe oder dem Auf und Ab beim Frischemarkt auf dem Strengfeld. Gewinnbringend sind Einblicke in das Alltagsleben vor 100 Jahren und in die Arbeit der Polizei ebenso, wie die Dichtungen eines Obstzüchters. 

Auch das Inhalts- und Autorenverzeichnis über alle 30 Hefte wird vermutlich auf besonderes Interesse stoßen. Die Hefte sind für 12,50 Euro zu erwerben in der Buchhandlung Hellmich, im Kartenhaus im Werderpark und bei GaheJuwéle. (wsw)