Die Kitakinder von heute sind die Schulkinder von morgen

Der aktuell vorliegende Schulentwicklungsplan des Landkreises Potsdam-Mittelmark geht perspektivisch von stabilen bis sinkenden Schülerzahlen aus. - Doch die Entwicklungsdynamik der zurückliegenden fünf Jahre beweist deutlich das Gegenteil.

Die Hagemeister-Grundschule.

Werder (Havel), 25. Februar 2019 – Wir haben am 22. Februar hier darüber berichtet, dass die Werderaner CDU-Fraktion in einem aktuellen Änderungsantrag zum in Aufstellung befindlichen Nachtragshaushalt der Stadt die Ergänzung von weiteren 350.000 Euro für konkrete Bauplanungen zur Erweiterung der Werderaner Grundschulen fordert. Doch viele Werderanerinnen und Werderaner sind sich unsicher, ob die  Schulplätze perspektivisch überhaupt ausreichen … Die Kitaplatz-Situation wird sich in Zukunft hoffentlich etwas entspannen, doch wie geht es danach weiter?

Wir haben bei der Stadt einmal nachgefragt und der 1. Beigeordnete Christian Große hat uns bereitwillig und unverzüglich geantwortet.  

Die städtischen Grundschulen in der Stadt platzen bereits aus allen Nähten. Gibt es hier eine Zukunftsprognose, wo die nachrückenden Kinder in Zukunft unterrichtet werden sollen?

Die Schulentwicklungsplanung stellt eine pflichtige Selbstverwaltungsaufgabe der Landkreise und kreisfreien Städte im Land Brandenburg dar. Da die Schulentwicklungsplanung des Landkreises für die Stadt Werder (Havel) in der Vergangenheit mit dem Zuzugsgeschehen nicht immer mithalten konnte, hat die Stadt bei der Complan Kommunalberatung vorsorglich eine Integrierte Kita- und Schulentwicklungsplanung in Auftrag gegeben. Im September 2018 ist den Stadtverordneten eine Basisanalyse zu dieser Integrierten Kita- und Schulentwicklungsplanung vorgestellt worden. Im Ergebnis wurde u.a. die Aussage getroffen, dass Maßnahmen zur baulichen Erweiterung bzw. Neuerrichtung von Grundschulen vorzubereiten sind. Auch an den weiterführenden Schulen sollte demnach überprüft werden, inwieweit in der mittelfristigen Perspektive zusätzliche Schüler bzw. Klassen in den bestehenden Schulgebäuden untergebracht werden können.

Im Anschluss an die Basisanalyse ist Complan mit einer Standortuntersuchung beauftragt worden. Fragestellung: Welche Möglichkeiten zur Erweiterung der Grundschulkapazitäten bestehen in Werder (Havel)? Diese Untersuchung steht kurz vor dem Abschluss. Es zeichnet sich ab, dass die Stadt Werder (Havel) die Kapazitäten ihrer kommunalen Grundschulstandorte punktuell erweitern wird.

Wie viele freie Plätze stehen den Erstklässlern jedes Jahr neu zur Verfügung und wieviele Schulanmeldungen gibt es in Werder?

Die hier vorliegenden Zahlen sind der Basisanalyse zu entnehmen.

Auszug aus der Integrierten Kita und Schulbedarfsplanung: Im Schuljahr 2017/2018 wurden insgesamt 197 Erstklässler an den vier Grundschulen in Töplitz, Glindow und Werder eingeschult. Auf Basis der vorliegenden Geburtenzahlen im jeweiligen Einschulungsjahrgang (01.10. bis 30.09.) lassen sich die voraussichtlichen Einschülerzahlen bis zum Schuljahr 2023/24 schätzen bzw. liegen die Zahlen der schulpflichtig gemeldeten Kinder bereits vor. Gleichwohl kommen in den Einschulungsjahrgängen voraussichtlich auch in den kommenden Jahren weitere Kinder durch Zuwanderung hinzu. Die Prognosevarianten lassen in den kommenden zehn Jahren steigende Einschülerzahlen erwarten, wenn auch mit leichten Schwankungen zwischen den einzelnen Schuljahren. Mittel- bis langfristig stabilisieren sich die Einschülerzahlen voraussichtlich auf einem gegenüber heute höheren Niveau und liegen dann in einen Korridor von 250 und 300 Schülern.

Das monatliche Schulgeld für den neuen privaten Campus ist einkommensabhängig. Wird es zukünftig für Eltern der letzte Ausweg sein, ihre Kinder an einer privaten Grundschule anzumelden, weil in einer städtischen Schule kein Platz ist?

Schulen in Freier Trägerschaft, wie sie die Hoffbauer-Stiftung auf dem Bildungscampus in Glindow plant und wie sie mit der Waldorfschule und der Schule des Lebens bereits in Werder bestehen, stellen im Land Brandenburg ein zusätzliches Angebot in der Bildungslandschaft dar. Das Schulgesetz schreibt vor, dass der Schulbesuch unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen der Eltern gewährleistet wird.

Wer ist für den Bau von Grundschulen und weiterführenden Schulen in Werder (Havel) verantwortlich?

Für den Bau sind die Träger verantwortlich. Bei öffentlichen Grundschulen sind das laut Schulgesetz die Kommunen, bei weiterführenden öffentlichen Schulen in der Regel die Landkreise. In Werder (Havel) gibt es ein Gymnasiums in kommunaler Trägerschaft, das ist ein Einzelfall im Land Brandenburg.

Dass es zu wenige Kitaplätze gibt, liegt an den viel zu niedrigen Zahlen, mit denen der Landkreis jahrelang rechnete. Liegen dem Landkreis die aktuellen Zahlen für die angehenden Schüler vor?

Wir haben beim aktuellen Schulentwicklungsplan unsere Anregungen und Hinweise aus der Basisanalyse von Complan für den Bereich der Gundschulen einbringen können. Wir werden unsere Grundschulstandorte entsprechend erweitern und die nötigen Schritte dazu in Gang bringen. Bei den weiterführenden Schulen ist der Landkreis als Träger zuständig. Wir haben den Landrat darüber informiert, dass wir auf Grundlage der Basisanalyse der Auffassung sind, dass die Kapazitäten bei den weiterführenden Schulen in der Perspektive nicht ausreichen werden. Wir hoffen, dass der Landkreis unsere Einwendungen berücksichtigt.

Gab es den „worst Case“ schon einmal, dass ein Kind nicht eingeschult werden konnte? Oder findet sich schlussendlich für jeden Erstklässler ein Platz?

Dass ein Kind in Werder nicht eingeschult werden konnte, ist uns noch nicht passiert.

Laut Schulgesetz hat jede Grundschule einen Einzugsbereich. Sollte in der wohnortnahen Grundschule kein Platz frei sein, welcher Schulweg darf Erstklässlern „zugemutet“ werden? (Beispiel: Kind wohnt in den Havelauen, Karl-Hagemeister-Schule und CvO sind voll. Muss es dann zum Beispiel bis nach Glindow fahren?)

Wir haben eine Schulbezirkssatzung mit deckungsgleichen Schulbezirken. Das bedeutet, dass sich die Schulbezirke überlagern. Somit ist ein unkomplizierteres Anwählen der wohnortnächsten Schule möglich.

(wsw)

Auszüge aus der Integrierten Kita- und Schulbedarfsplanung – Basisanalyse

Ziel der Integrierten Kita- und Schulbedarfsplanung – Basisanalyse ist es, dass die Stadtverwaltung auf Basis der prognostizierten Bedarfszahlen langfristig planen und rechtzeitig auf Veränderungen im Kindertagesbetreuungs- sowie Schulbedarf reagieren kann. Die handlungsorientierten Empfehlungen der integrierten Kita- und Schulbedarfsplanung liefern zudem eine Grundlage für (politische) Entscheidungen über Investitionen und Anpassungen im Bestand der Kindertagesbetreuung sowie Schulversorgung der Stadt Werder (Havel).
In den vergangenen Jahren ist die Bevölkerungszahl der Stadt Werder (Havel) kontinuierlich gestiegen. Lebten 2013 noch rund 24.000 Einwohner in der Stadt, stieg die Zahl in den Jahren darauf um über 2.000 Personen auf rund 26.000 Einwohner in 2017. Dies entspricht einem Wachstum von 8,3%.

Die Zahl der Grundschüler ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. So wurden im Schuljahr 2014/15 noch insgesamt 1.143 Grundschüler in 52 Klassen beschult. Bis in das Schuljahr 2017/18 ist die Schülerzahl um über 100 Grundschüler auf 1.260 gestiegen (+10 %), die in nunmehr 58 Klassen unterrichtet werden.

Der aktuell vorliegende Schulentwicklungsplan des Landkreises Potsdam-Mittelmark geht perspektivisch von stabilen bis sinkenden Schülerzahlen aus. So werden beispielsweise für die Grundschulen Karl Hagemeister und Carl-Ossietzky eine sichere 3- bzw. 2- Zügigkeit prognostiziert. Die Entwicklungsdynamik der zurückliegenden fünf Jahre sowie die Situation heute zeigen, dass der im Schulentwicklungsplan dargestellte Bedarf bereits überschritten wurde und die dort getroffenen Annahmen somit nicht mehr zutreffen.

Die Einschüler- bzw. Schülerzahlentwicklung geht mit einem zukünftig steigenden Klassenraumbedarf einher. Der nachfolgenden Grenzwertberechnung (siehe Abbildung 17) liegen die aktuell angestrebten Klassenfrequenzrichtwerte zugrunde, wonach die Klassenbildung in den Grundschulen mit mindestens 15, im Durchschnitt 22 und maximal 23 Schülern erfolgen soll. Berücksichtigung finden hierbei die Anforderungen an den inklusiven Unterricht, für den zukünftig geringere Klassenstärken und gleichzeitig mehr Raum für gemeinsames Lernen und individuelle Förderung entstehen sollen.

Ausgegangen wird ferner von einem 2-zügigen Schulbetrieb in der Glindow-Grundschule (12 Klassenräume), 3-zügigen Schulbetrieb in der Primarstufe der Carl-Ossietzky-Schule (18 Klassenräume), 3 bis 4-zügigen Schulbetrieb in der Karl-Hagemeister-Grundschule (21 Klassenräume) sowie 1,5-zügigen Schulbetrieb mit flexiblen Einstiegsklassen in der Inselschule Töplitz (9 Klassenräume). In der Summe entspricht dies 60 Klassenräume, die aktuell und rein rechnerisch in den vier Grundschulen insgesamt zur Verfügung stehen würden.

Demnach übersteigt der zukünftige Klassenraumbedarf die derzeit rein rechnerisch verfügbaren Klassenraumkapazitäten in der Maximalvariante um bis zu 16 Klassen, was einem zwei- bis dreizügigen Grundschulbetrieb entsprechen würde.

Die aktuellen Planungen zur Erweiterung des kommunalen Grundschulbestandes sollten forciert und entsprechende Maßnahmen zur baulichen Erweiterung bzw. Neuerrichtung vorbe- reitet werden. Für die kurz- bis mittelfristig steigenden Schülerzahlen sollten gegebenenfalls zeitlich begrenzte Übergangslösungen geschaffen werden, um auch weiterhin einen Großteil der Werderaner Schulkinder in den kommunalen Einrichtungen unterrichten zu können.
Neben der Aufnahme zusätzlicher Schulkinder sollte die bauliche Erweiterung bzw. Neuerrichtung von Grundschulkapazitäten auch dazu genutzt werden, den bestehenden Schulbetrieb an den vier Grundschulen zu entlasten. Indes sollte das Ziel verfolgt werden, die Grundschulen hinsichtlich der baulichen und pädagogischen Anforderungen der „Schule von morgen“ (z.B. Inklusion, individuelles Lernen) zu qualifizieren.

Im Abgleich mit der Fortschreibung der Schulentwicklungsplans des Landkreises Potsdam-Mittelmark sollte auch an den weiterführenden Schulen überprüft werden, inwieweit in der mittel- fristigen Perspektive zusätzliche Schüler bzw. Klassen in den bestehenden Schulgebäuden untergebracht werden können.
Der Nachfragedruck wird, zeitlich verzögert, voraussichtlich auch im Schulbereich in der langfristigen Perspektive wieder nachlassen, so dass grundsätzlich auch hier empfohlen wird, bei der Planung von Erweiterungs- und/oder Neubauten frühzeitig alternative und zeitlich nachgeordnete Nutzungsoptionen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu berücksichtigen.

Die komplette Kita- und Schulbedarfsplanung – Basisanalyse kann man hier nachlesen.