Die Postgeschichte von Werder

Beginnend beim Deutschen Orden über die Mark Brandenburg und Preußen führt das Buch in das Deutsche Reich mit der umfangreichen Feldpost zweier Weltkriege, schildert den Neuanfang und die aufopferungsvolle Arbeit der Postler der Deutschen Post der DDR bis zur Fusion mit der Bundespost.

Wolfgang Heitsch hat die Geschichte der Post von Werder (Havel) und Umgebung recherchiert und aufgeschrieben. Erschienen ist das Buch „Postreiter und die Briefe in der Waschküche“ im Knotenpunkt-Verlag Potsdam, hier vertreten durch den Verleger Rainer Lambrecht (links). Herausgeber des Bandes ist der Heimatverein Werder (Havel). Foto: wsw

Werder (Havel), 14. Januar 2019 – Vor 175 Jahren, im Jahr 1843, öffnete sich erstmals in einer Werderschen Postanstalt ein Schalterfenster. Der damalige Bürgermeister, August Friedrich Reitz (Amtszeit 1837-1856), führte im Nebenjob die Postexpedition im Haus Am Markt 2 und bediente die ersten neugierigen Postkunden. Klosterboten von Lehnin, Magistratsboten von Werder, fleißige Botenfrauen und die Dragonerpost des Invalidencorps beförderten allerdings schon lange vor Eröffnung der ersten Postanstalt Briefe, berichtet Wolfgang Heitsch. Er ist Autor des bemerkenswerten Bandes „Postreiter und die Briefe in der Waschküche“, das heute im Beisein der Bürgermeisterin Manuela Saß und dem Verleger vom Knotenpunktverlag Potsdam, Rainer Lambrecht, vorgestellt wurde.

Wolfgang Heitsch, Jahrgang 1939, ist ein Kenner der deutschen Postgeschichte. Der ehemalige Patentanwalt hat sich viele Jahre mit der Post in Werder und dem Umland beschäftigt, hat recherchiert, dafür in Archiven gesessen, Chroniken studiert, viele Gespräche geführt und alte Briefe gesichtet.

In 27 Kapiteln auf 320 Seiten mit über 800, zumeist farbigen Abbildungen sowie diversen Anlagen, erzählt Wolfgang Heitsch nun detailreich und mit vielen kleinen Anekdoten die Postgeschichte von Werder (Havel) und der die Stadt umgebenden Regionen. Die Postgeschichte von Werder wurde dabei in die allgemeine Geschichte und die Heimatsgeschichte eingebunden.

Der Leser findet deshalb in diesem Buch mehrfach einen Exkurs in die deutsche Geschichte. Auch als Sammler lernt der Leser Wolfgang Heitsch kennen. Heitsch begann als Elfjähriger mit dem Sammeln von Briefmarken und „zeigt in dem Buch Reproduktionen gestalterisch schöner Briefmarken der Deutschen Post, darunter auch individuelle Sonderaktionen anlässlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Werder (Havel)“, wie Klaus Froh als Vorsitzender des Heimatvereines Werder (Havel) in seinen Geleitworten zum Buch schreibt.

Nach der Reichsgründung wurde im Juli 1895 die Pferdestraßenbahn etabliert, erzählt Heitsch, ein Wagen – der Wagen Nr. 4 – wurde mit einem Postabteil ausgestattet. „Fünfzig Jahre lang haben die Bürger, die Gärtner mit ihren Obstkiepen, die Geschäftsleute und Gäste sowie die Postboten mit ihren schweren Briefsäcken und Paketen die knapp drei Kilometer zwischen Bahnhof und Inselstadt zu Fuß, mit Handkarren, mit Pferdefuhrwerk oder mit einem von Pferden gezogenen Omnibus bewältigt. Von nun an ging es nicht mehr so holperig zu – ab jetzt konnte auf Schienen gefahren werden“, heißt es in dem Buch. Anlässlich der Streckenerweiterung 1914 nach Glindow wurde sogar noch ein spezieller Postwagen angeschafft.

Ein Jahr nach der Einweihung der Pferdestraßenbahn – am 1. November 1896 wurde das Postamt in der Eisenbahnstraße eröffnet. „Kurioserweise auf den Tag genau 103 Jahre später wurde der Schalterbetrieb am 1. November 1999 wieder eingestellt, das Postamt geschlossen“, berichtet Heitsch. Von 1843 bis 1990 hat er sämtliche Postamtsvorsteher und Postdirektionsverwalter herausgefunden, die hier ihren Dienst versehen haben, nach der Wende gab es keine Informationen mehr. Die vorhandenen Namen sind in dem Buch in einer Anlage beigefügt. In einer weiteren Anlage hat er alle 1774 bis 1945 in Werder wohnenden Postbediensteten und Beamten namentlich in einer Liste aufgeführt.

1907 vor dem Posthaus mit Postmeister Schneider (1896-1907). Foto aus dem Buch

So wie die seit Ausgang des 30-jährigen Krieges durch die Region führende Reiterpost mit Postwärterei in Bliesendorf, sind auch der Post- und Personentransport auf den preußischen Postkursen und die Befindlichkeiten der Reisenden in Postkutschen beschrieben. So stellt Heitsch fest, dass die erstmalige Nennung der Poststation Bliesendorf für das Jahr 1698 nicht zugleich auch das Datum für die Errichtung der dortigen Poststation sein könne. Er geht davon aus, dass bereits ab 1647/48 reitende Posten in Bliesendorf Station machten – auch zum Pferdewechsel. Die Aufnahme des Postdienstes am 1. März 1843 war schließlich das Ende der reitenden Post. Damit war das über 200 Jahre währende Kapitel einer Postwärterei mit Pferdewechsel in Bliesendorf beendet.

Sehr umfassend ist der Autor auf den Feldpostverkehr des Ersten und des Zweiten Weltkrieges eingegangen. So führte von der Feldpostnummer einer auf dem Werderschen Flugfeld stationierten Aufklärungsstaffel eine Spur bis zum späteren Gründungspräsidenten des Bundesnachrichtendienstes. In diesem Kontext stellte sich überraschend heraus, dass der letzte Start eines Flugzeuges vom Werderschen Flugfeld erst am 2. Mai 1945 erfolgte ― also einen Tag bevor die Rote Armee die Stadt Werder (Havel) kampflos besetzte.

Ein Bild zeigt Postler auf dem Posthof in Reih und Glied, alle tragen eine Hakenkreuz-Armbinde. „Wir haben gerätselt, was es mit dieser Uniform und den Armbinden auf sich hat“, so Heitsch. Nach seinen Recherchen handelt es sich noch um die Post-Uniform der Weimarer Republik. Die Träger haben offensichtlich als „Bekenntnis zur Bewegung, wie sie ja damals noch hieß, diese Armbinden getragen“. Sie war kein Bestandteil der Uniform, so Heitsch. Entstanden sein soll dieses Bild den Recherchen zufolge am 1. Mai 1933.

Mit einem düsteren Kapitel beendet der Autor den Bereich des 3. Reiches. „Ich habe zwei KZ-Briefe von Arno Franz ins Buch aufgenommen“, so Heitsch. Der Namensgeber des Sportplatzes auf der Insel in Werder (Havel) ist auf dem Todesmarsch nach Celle im Februar 1945 ums Leben gekommen. Arno Franz wohnte mit seiner Frau Marie in Werder, war Mitglied der KPD, im Rotfrontkämpferbund aktiv, schloss sich der roten Gewerkschaftsorganisation an und war Mitglied im Arbeitersportverein. Heitsch regte an, die Gedenktafel für Arno Franz wieder an seinem Wohnhaus anzubringen. Die wurde anlässlich des 100. Geburtstages des am 16. Dezember 1886 geborenen Arno Franz an seinem Wohnhaus Unter den Linden 12 von Sportlern der Stadt angebracht, jedoch in der Wendezeit demontiert und entwendet.

Die Postbediensteten der „ersten Stunde“ öffneten das hiesige Postamt bereits am 14. Mai 1945. Es wurde wieder Leitpostamt. Wie Streiflichter werden die Zweigpostämter Glindow, Groß Kreutz und Lehnin immer wieder eingeblendet. Die dargestellte Geschichte berührt auch die Brief-Schnüffelei und Vernichtung von unliebsamer Post in Ost und West.

Das Buch schließt mit der Fusion beider deutscher Postanstalten und dem Ende der „guten alten Post“. Gut gestaltete Briefmarken sowie individuelle Sondereditionen anlässlich der 700-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Werder (Havel) geben den reichhaltigen und aufschlussreichen Illustrationen einen würdigen Abschluss. Es ist unmöglich, hier alle Themenbereiche des Buches aufzuzählen – lesenswert ist es nicht nur für Postfreunde, auch alle an der Geschichte Werders Interessierten kommen hier zu einem Lesevergnügen.

Wie Bürgermeisterin Manuela Saß informierte, erwirbt die Stadt einen Klassensatz des Buches für das Gymnasium, ebenso wird das Buch ins Archiv und in der Bibliothek aufgenommen. Die Gesamtauflage beträgt 300 Stück, das Buch ist u.a. in der Buchhandlung Hellmich in der Brandenburger Straße und bei „Tante Uschi“ in Glindow sowie in verschiedenen Postfilialen der Umgebung und im Internationalen Buch in Potsdam für 19,90 Euro erhältlich. (wsw)


Am morgigen Dienstag, 15. Januar 2019, hält der Autor Wolfgang Heitsch den 2. Teil seines Vortrages zur Geschichte der Werderschen Post. Er beleuchtet dabei die Zeit von 1871 bis 1945. Anschließend beantwortet er gern Fragen. Auch das Buch kann gekauft werden. Beginn ist 19 Uhr, Veranstaltungsort ist das Theater Comédie Soleil in der Eisenbahnstraße 210, im ehemaligen Kaufhaus. Der Eintritt kostet drei Euro, für Mitglieder des Heimatvereins ist der Eintritt frei.