Die Tradition des Werderaner Obst- und Gartenbaus muss erhalten bleiben

Am 20. Oktober besuchte MdL Sahra Damus die Gärtnerei Gentz, um sich mit Mitgliedern des Werderschen Obst- und Gartenbauverein und der Stadtverwaltung über die Produktion der regionalen Erzeugnisse auszutauschen.

MdL Sahra Damus (Mitte) mit Vertretern der Stadtverwaltung und Mitgliedern des Werderschen Obst- und Gartenbauvereins, Foto: wsw

Werder (Havel), 21. Oktober 2020 – Die Sonne scheint, als wir am Dienstagmorgen das Gelände der Gärtnerei Gentz in Werder (Havel) betreten. Es ist herbstlich frisch.


Der Familienbetrieb wurde 1991 neu gegründet, seine Wurzeln reichen jedoch bereits in das Jahr 1873 zurück. Käte und Hans Gentz haben nach der Wende einen Neuanfang gewagt und ihre Gärtnerei auf saisonale Beet- und Balkonpflanzen, Kräuter-, Erdbeer- und Gemüsepflanzen aus eigener Anzucht spezialisiert. Trotz anfänglicher Probleme, die die Nach-Wendezeit mit sich brachte, hat sich die Gärtnerei Gentz auf dem Werderaner Unternehmermarkt fest etabliert. Im nächsten Jahr feiert sie ihr 30-jähriges Bestehen.

“Meine Frau Silke und ich haben die Gärtnerei vor vier Jahren von meinen Eltern übernommen und besonders dieses Jahr stellte uns vor große Herausforderungen. Doch zum Glück hatten wir – da wir durchgängig öffnen durften – keine großen finanziellen Einbußen”, verrät Jürgen Gentz. Auf 1,6 Hektar Fläche, davon 3600 Quadratmeter Gewächshausfläche, werden die verschiedenen Pflanzen angebaut und hauptsächlich direkt in der Gärtnerei und auf dem Werderaner Frischemarkt verkauft.

Unser Besuch hatte einen besonderen Grund. Sahra Damus, seit September 2019 bündnisgrüne Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Frankfurt (Oder), wollte sich vor Ort über die regionale Obstproduktion in Werder informieren und hierfür mit Vertretern des Werderschen Obst- und Gartenbauvereins und der Stadtverwaltung ins Gespräch kommen. Auf die Frage, warum sie extra aus Frankfurt (Oder) nach Werder (Havel) gekommen ist, antwortete die 38-Jährige: “Neben vielen privaten Ausflügen nach Werder, insbesondere zum Baumblütenfest, habe ich noch eine andere Verbindung zur Blütenstadt. Wie in Werder gibt es in Frankfurt (Oder) ebenfalls ein großes Obstanbaugebiet. Gerne möchte ich mehr über die Zukunft des Obst- und Gartenbaus erfahren und welche Auswirkungen zum Beispiel der Klimawandel hat. Es ist wichtig, dass die Tradition des Obst- und Gartenbaus weiterhin erhalten bleibt.”

Walter Kassin war viele Jahre Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Werder und bekleidet nun das Amt des Ehrenvorsitzenden. “Unser Verein versteht sich als Multiplikator. Mit dem Frischemarkt geben wir unseren Obstbaubetrieben zum Beispiel die Chance, ihre Produkte anzubieten. Die Nachfrage nach regionalen Erzeugnissen ist groß. Leider fehlt uns der Nachwuchs, wir bräuchten junge Leute, die uns unterstützen.”

Doch auch wenn die Nachfrage nach regionalem Obst und Gemüse groß ist, stehen die regionalen Bauern vor großen Herausforderungen. Manfred Seidel erklärt: “Die kleinen Familienbetriebe haben von der Corona-Krise eher profitiert. Sie konnten ihre Erzeugnisse verkaufen und viele Käufer haben den Wert der regionalen Waren erkannt und sind somit vielleicht sogar zu neuen Stammkunden geworden. Doch die großen Betriebe hat die Krise schwer getroffen. Wegen Corona fehlten die Arbeitskräfte. Und auch die steigenden Löhne zum Beispiel in Polen machen uns zu schaffen. Uns fehlen einfach Arbeitskräfte, die die Früchte von den Bäumen holen.”

Doch wohin dann mit dem geernteten Obst und Gemüse? “Es gibt zwei Geschäfte in Werder, die ich mit Waren beliefern kann. Die Belieferung nimmt vier Stunden Zeit in Anspruch, das kann ich nur machen, weil ich Rentner bin. Hinzu kommt, dass ich nur Anteile abgeben darf. Erst wurden die kleinen Betriebe klein gewirtschaftet und nun reichen die Erträge nicht aus”, ärgert sich Manfred Seidel.

Und auch der Wassermangel ist ein großes Problem. Betriebe, die nicht im Bereich des Brauchwasserwerks angeschlossen sind, bzw. soweit davon entfernt liegen, dass am Ende kein Wasser mehr ankommt, sind auf alternative, meist teure Lösungen angewiesen. Abhilfe, zumindest für die Plantagen auf der Glindower Platte, könnte hier die Sanierung des in die Jahre gekommenen Glindower Brauchwasserwerks schaffen. Zudem müsste eine frostsichere Tröpfchenbewässerung gewährleistet werden, die die jungen Triebe im Frühjahr bei frostigen Temperaturen schützen kann.

Vier Betriebe haben aktuell ihre Schmerzgrenze erreicht. Die Tendenz geht hin zur Rodung der eigentlich gesunden und ertragreichen Obstbäume. MdL Sahra Damus reagierte hierauf mit der Idee, die Erzeugnisse der regionalen Obst- und Gartenbauern verstärkt in lokalen Institutionen wie zum Beispiel Kindertagesstätten zu verwenden. Probleme sieht sie hierbei jedoch in der Ausschreibung. Christian Große, der 1. Beigeordnete der Stadt Werder (Havel), erläutert hierzu: “Wir haben die Essensgeldsatzung für die Krippen-, Kita- und Horteinrichtungen erst neu angepasst und stießen hierbei auf großen Widerstand. Der Einsatz regionaler Produkte würde den Preis zusätzlich erhöhen.”

Auch die Option eines Regionalsiegels stieß bei der gestrigen Pressekonferenz auf wenig Zustimmung. “Wir zahlen jetzt schon jedes Jahr 4000 Euro für die ganzen Siegel. Wenn jetzt noch ein neues Label hinzukommt, sieht doch kein Mensch mehr durch”, so der Eindruck von Manfred Seidel. Und Christian Große ergänzt: “Es muss sich grundsätzlich etwas dahingehend ändern, dass der Konsument den Wert eines Produktes anerkennt. Die kleinen Betriebe sind das Rückgrat unserer Werderaner Obst- und Gartenbautradition. Wenn wir ihnen jetzt noch mehr Bürokratie aufbürden, haben sie keine Zeit mehr, ihrem eigentlichen Unternehmerzweck nachzugehen.” (wsw)