Die Weihnachtsfreuden im alten Werder

von Traditionen und Bräuchen / von Jutta Enke

Werder (Havel), 23. Dezember 2019 – Es weihnachtet sehr … den einen erfasst es ganz schnell, bei anderen dauert es länger, bis sich die Vorfreude auf das Fest einstellt. Wie war das eigentlich bei unseren Vorfahren so vor über 100 Jahren? 

In vielen Familien existieren Geschichten, die von Generation zu Generation weiter erzählt werden. Schön, dass Karl Lehmgrübner so um 1900 für seine Enkel eine Chronik schrieb und darin auch wichtige Erlebnisse und Kindheitseindrücke festhielt.  

In den Familien saß man nachmittags oder abends – so ohne Fernseher – oft beieinander und bereitete sich Stück für Stück auf das große Fest vor. Zu Sankt Martin war das Federvieh geschlachtet, in den Plantagen ruhte die Arbeit. So blieb neben den ganz alltäglichen Pflichten auch Zeit für Liegengebliebenes. 

Geschickte Kinderhände mussten Reisigbunde aus Schnittholz mit Draht ofengerecht binden. Weil diese dann schön im Feuer knackten, sprachen alle vom „Knack“. Geheizt wurde meist nur der Kochherd in der Wohnküche, wo sich das Familienleben abspielte. 

Das Wohnzimmer wurde ohnehin nur selten benutzt und geheizt, wenn Besuch von fern kam oder zu Feiertagen und Familienfesten. Allerdings war es allgemein üblich, die „gute Stube“, vor den Feiertagen gründlich zu putzen. Zu Weinachten sollte doch alles in besonderem Glanz erstrahlen. Man brachte die Wirtschaft nach der Saison wieder in Ordnung. 

So saßen z. B. alle Frauen und Mädchen zum Polieren der Silberbestecke – Weihnachtslieder singend – um den Küchentisch bis alles blitzte. Die Jungen nutzen diese Stunde, schnell mit den Nachbarn etwas auszuhecken. Väter und Großväter zogen sich derweil in Schuppen und Remisen zurück und werkelten hinter abgesperrten Türen. Hammer- und Sägegeräusche verrieten ihre Arbeit fürs Christkind. Mit viel Geschick zimmerten sie Schaukel- und Steckenpferde, Puppenwiegen oder schnitzten kleine Tiere für den Bauernhof. Mütter, Großmütter und Basen mussten ihre Heimlichkeiten dann meist abends beim schwachen Schein der Rüböllampe und etwas später bei Gaslicht arbeiten. 

Es wurde zwar ganzjährig an Socken, Fäustlingen, Pullovern und so weiter gestrickt. Doch beinahe jede Hausfrau verstand sich aufs Nähen für den Hausgebrauch mit der Hand und später auch auf der Singer- oder Phoenix Nähmaschine mit Tretantrieb. Auch die Mädchen wurden frühzeitig angehalten, an ihrer Aussteuer mit zu arbeiten. Blusen, Schürzen, Röcke auch sogar Hosen für die lieben Kleinen wuchsen oft aus abgelegten Kleidungsstücken der Älteren. Natürlich dachten sie auch an Gardinen fürs Puppenhaus, und selbst das Puppenkind erhielt eine neue Garnitur zum Fest. 

Allerletzte Einkäufe von Besonderheiten fürs Fest konnten die Werderschen dann auf dem Jahrmarkt erledigen, der alljährlich am Samstag vor dem Heiligabend abgehalten wurde. Ein großes Ereignis für Alt und Jung von der Inselstadt und den umliegenden Dörfern. Karl Lehmgrübner erinnerte sich voller Freude an den dicht mit Buden zugestellten Marktplatz. 

Oft lag da schon der erste Schnee. Im Nu herrschte eine ganz besondere Stimmung. Jeder wollte einmal die Runde machen, um die Auslagen aller Stände zu beäugen. Es wurde ja nicht nur Leckeres und Nützliches für die Hausfrau, oder Spielzeug feilgeboten, nein, so ein Jahrmarkt brachte auch allerlei fahrendes Volk, welches seine Kunststücke zeigte: Vom Mann, der Feuer frisst oder ausspeiht, über eine Frau, die endlose bunte Streifen aus ihrem Mund herausfingert bis hin zu Kindern in glitzernden Trikots, die mit Akrobatik und Seiltanz alle Umstehenden in Erstaunen versetzen. 

Die Kinder drängelten damals schon Tage vorher, ja auch mitgenommen zu werden und vielleicht einen Dreier oder gar Sechser in die Hand zu bekommen. Mütter, Basen und Großmütter trugen ihre Liste im Kopf, was alles noch zu besorgen sei. Bei den Ehemännern, Familienvätern und anderen Herrn verlief so ein Jahrmarktsrundgang entlang der vielen Buden gewöhnlich viel schneller und so gewannen sie Zeit, um vielleicht Alois dem Kettensprenger zuzuschauen. Natürlich schielten sie auch begierlich nach den Meerschaumpfeifen und hätten ebenso gern einmal eine von den guten Zigarren probiert. 

Für Hausfrauen und die Mägde war die Versuchung der Angebote besonders stark: Rügenwalder Gänsebrüste, westfälische Butter, feines Weizenmehl, Buchweizenprinten, Honigkuchen … Dann war da noch der Stand mit den Nähutensilien. Über allem lag schwer der Duft von gebrannten Mandeln und Bienenwachskerzen. Karl überlegte sehr lange, ob er den Dreier dann beim Kettenkarussell einsetzte, Zuckerwatte kaufte oder lieber Lebkuchen probieren sollte.

Zu unserem Weihnachtsfest heute gehört Tannengrün unbedingt dazu. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Tannenbaum im Weihnachtszimmer noch eher selten. Als eine stilistische Form wurden auch auf dem weihnachtlichen Jahrmarkt hölzerne Pyramiden feilgeboten. Dabei handelte es sich um ein Gestell aus Holzstäben, das sorgfältig mit hellgrünem Papier und Flittergold beklebt wurde. Die Händler boten solche für jeden Haushalt passend in verschiedenen Größen an.  Unter dieser Pyramide fanden die Kinder dann ihre Gaben und von weitem leuchtete auf dem „Bunten Teller“ mit Nüssen, ein paar Rosinen, Printen oder Lebkuchen und vielleicht einem Marzipangebäck von Beerbaums ein großer roter Borsdofer Apfel heraus. Beliebt waren bei den Naschkatzen auch die Männchen aus Backpflaumen. Nach dem gemeinsamen Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ und dem kleinen vorgetragenen Gedicht ging es endlich an die Geschenke. 

Ein besinnliches Weihnachtsfest wünscht Jutta Enke. (j.e.)