Ein Blick hinter die Kulissen

Bei CONDIO werden Lebensmittel-Stabilisatoren natürlichen Ursprungs hergestellt / In den letzten drei Jahren hat das Unternehmen seine Mitarbeiterstärke nahezu verdreifacht

Werder (Havel), 8. November 2021 – Die vermeintlich wichtigste Frage haben wir zuerst gestellt: Was hat es mit den blauen Schafen auf sich, die das CONDIO-Firmengelände in der Mielestraße säumen?

Geschäftsführer Henrik Ingenpass erklärt uns schmunzelnd: „Das geht auf meinen Vater zurück. Er wurde vor einigen Jahren auf ein europäisches Kunstprojekt aufmerksam, bei dem die Schafe für Frieden und Toleranz stehen. Und da wir ein internationales Unternehmen sind, passen die Brüsseler Schafe hier auch gut hin. Manchmal bekommen wir sogar ‚Fanpost‘ für die putzigen Tiere.“

Geschäftsführer Henrik Ingenpass

Auch wenn uns die Existenz der Schafe als Gesprächseinstieg sehr gelegen kam, trieb uns doch eine weniger tierische Frage in das imposante Firmengebäude in den Havelauen: Was passiert hinter den Mauern des CONDIO-Unternehmens? Es gibt wohl kaum einen Werderaner, der nicht schon einmal an dem modernen Industrie-Standort vorbeigefahren ist, im Unwissen darüber, was in der Mielestraße eigentlich produziert wird.

Geschäftsführer Henrik Ingenpass beschreibt es uns vereinfacht wie folgt: „Wir mischen verschiedene Pulver zusammen. Das klingt wenig spannend, aber die Einsatzmöglichkeiten dieser Pulvermischungen sind dafür umso vielfältiger. Wir stellen sogenannte Lebensmittel-Stabilisatoren her. Damit der Joghurt, den Sie gerne essen, auch so schön cremig ist, werden unsere Stabilisatoren eingesetzt.“

Wir sind zunächst versucht, uns entrüstet über Pulverzusätze zu äußern, die Lebensmitteln zugesetzt werden, um ihre Konsistenz zu verändern, doch der 34-Jährige kann uns beruhigen: „Wir nutzen ausschließlich natürliche Rohstoffe, wie zum Beispiel Samenmehle, Stärken oder Pektin. Die Konsumenten von heute sind gut aufgeklärt und wissen, welche Zusätze ‚gut‘ und welche ‚schlecht‘ sind. Erkennbar sind die Zusätze an den sogenannten E-Nummern, die in fast jeder Zutatenliste auftauchen.“ Dabei überrascht es häufig, dass es auch natürliche E-Nummern gibt.

Bei CONDIO werden nur natürliche Rohstoffe verarbeitet. Chemisch hergestellte Stoffe finden in dem Werderaner Unternehmen keine Verwendung. „Unsere Stoffe haben keinen Einfluss auf den Geschmack, sondern nur auf die Konsistenz. Ein Beispiel: Ein Kunde kommt auf uns zu und wünscht sich einen stichfesten Joghurt. Den Joghurt selbst stellen wir in unserer Produktion nicht her, lediglich den Stabilisator, der den Joghurt am Ende stichfest macht. In unserer eigenen Entwicklungsabteilung wird so lange getüftelt, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden sind und es dem Kunden präsentieren können. Meist sind mehrere Verkostungen notwendig, um am Ende genau die richtige Zusammensetzung für die gewünschte Konsistenz zu finden. Und dann kann der Kunde unsere Pulvermischung für die Herstellung seiner Produkte einsetzen.“

An einem Beispiel aus dem Hausgebrauch lässt sich der Prozess ganz vereinfacht darstellen: Um Kirschkompott herzustellen, kocht man meist Kirschen aus dem Glas mit deren Saft auf und mischt angerührte Speisestärke unter. Je nachdem, wie viel Speisestärke man benutzt, umso dicker wird am Ende das Kirschkompott – geschmacklich ändert sich an den Kirschen jedoch nichts.

Doch nicht nur für Joghurt werden die von CONDIO produzierten Stabilisatoren verwendet. Sie kommen unter anderem in Dressings, Proteinshakes, Frischkäse, Tiramisu, Schmand, Ketchup, Pasteten und in den letzten Jahren vermehrt in veganen Produkten zum Einsatz. Eine genaue Firma, mit der CONDIO zusammenarbeitet, hat uns der Geschäftsführer aber aus branchenüblichem Stillschweigen nicht verraten. „Ich schätze, dass etwa 90 Prozent der Werderaner schon mal ein Produkt gegessen haben, das Stabilisatoren von uns enthält“, so Henrik Ingenpass.

„Von uns“, das sind 150 Mitarbeiter, die alleine am Standort in Werder (Havel) tätig sind. Insgesamt sind 200 Mitarbeiter an drei Standorten beschäftigt. Neben der größten Dependance hier in der Blütenstadt gibt es noch einen eigenständigen Produktions- und Verkaufsstandort in Südafrika sowie eine Verkaufsstelle in Spanien. Die Geschäftsführung haben neben Henrik Ingenpass noch sein Bruder Jan
Ingenpass und Christa Sudenfeld inne.

Gegründet wurde das Unternehmen 1996 von Henriks und Jans Vater Paul Ingenpass. Dieser begann 1996 in Lübeck als Berater für Unternehmen in der Lebensmittelbranche. Als ausgebildeter Lebensmitteltechniker war seine Expertise äußerst gefragt und immer wieder kamen Anfragen an ihn heran, doch selbst in die Produktion zu gehen. Zwei Jahre später war es dann soweit und die CONDIO GmbH startete in Werder durch. Christa Sudenfeld war von Anfang an am Erfolg von CONDIO beteiligt. Das erste „Firmengebäude“ waren eine Handvoll Container, bis es im Jahr 2006 dann innerhalb Werders in ein größeres Gebäude ging.

Das schnelle Wachstum des Unternehmens machte einen Umzug in ein größeres Firmengebäude notwendig und so entstand in der Mielestraße auf 5000 Quadratmetern Nutzfläche und für mehr als zehn Millionen Euro der neue, moderne Firmensitz. Mit dem Bezug im April 2018 nahmen Jan und Henrik Ingenpass neben Christa Sudenfeld auf dem Geschäftsführerstuhl Platz. Paul Ingenpass verabschiedete sich in den wohlverdienten Ruhestand. „Unser Vater lässt uns freie Hand und kann sich darauf verlassen, dass wir seine Vorstellungen und Werte erfolgreich in die Zukunft tragen“, verrät der 34-Jährige. Von klein auf haben die beiden Brüder hinter die Kulissen von CONDIO blicken können und kennen das Unternehmen aus dem Effeff.

Die beiden Brüder bringen verschiedene Kompetenzen mit: Jan ist studierter Lebensmitteltechniker und u.a. für die Bereiche Produktion, Entwicklung und Einkauf verantwortlich. Henrik hat einen Master in Marketing & Sales Management und verantwortet u.a. Finanzen, IT, Marketing und Personal. Zudem war er fünf Jahre in Südafrika am CONDIO-Standort beschäftigt. Heute lebt er in Potsdam – ein Umzug in die Blütenstadt ist für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Christa Sudenfeld ist mit ihrer langjährigen technologischen Erfahrung hauptverantwortlich für den weltweiten Vertrieb der Produkte.

Die 150 Mitarbeiter am Werderaner Standort kommen größtenteils aus der Region und schätzen die gute Anbindung an die Autobahn und die Regionalbahn. Für Kolleginnen und Kollegen aus dem Verkaufsteam, die meist von weiter weg kommen, gibt es in den Havelauen ein angemietetes Haus für Übernachtungen. Auch die anderen Mitarbeiter können es nutzen.

Mitarbeiterzufriedenheit wird bei CONDIO groß geschrieben. Es gibt E-Bikes, SUP’s und sogar ein Unternehmerboot, mit dem bei schönem Wetter Ausflüge und Teamevents auf dem Wasser möglich sind. Und auch an Land setzt das Unternehmen Maßstäbe. „Wir haben ein firmeninternes Fitnessstudio und einen eigenen Gesundheitsmanager, der u.a. gesundheitsfördernde Anwendungen anbietet. Zudem gibt es in unserer Kantine täglich für alle Kolleginnen und Kollegen ein kostenfreies Mittagessen – immer frisch gekocht“, erklärt Henrik Ingenpass.

Für dieses Angebot erhielt CONDIO erst im vergangenen Jahr den Präventionspreis der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe. In der Begründung heißt es hierzu: „Der Produzent für Nahrungsmittelstabilisatoren in Werder wurde für seine imponierend vielfältigen und dauerhaft angelegten Aktivitäten im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung geehrt. Das Engagement umfasst nicht nur ein umfangreiches Sportangebot mit Trainingsmöglichkeiten im hauseigenen Sportraum unter individueller Betreuung, sondern auch die Anstellung eines Gesundheitsmanagers, physiotherapeutische Anwendungen im Haus, Seminare zur Entspannung und Achtsamkeit sowie weitere Angebote und Bausteine zur Gesundheitsförderung unter physischen, psychischen und sozialen Aspekten.“

Einige Mitarbeiter sind bereits seit vielen Jahren bei CONDIO beschäftigt. Das Unternehmen hat in den letzten drei Jahren seine Mitarbeiterstärke fast verdreifacht. „Wir waren auch beim Werderaner Wirtschaftstag mit einem Stand vor Ort“, erzählt uns Anne Oldenburg, die bei Condio im Bereich Human Resources tätig ist. „Dort konnten wir auch unsere aktuellen Schülerpraktikanten akquirieren, worüber wir uns sehr freuen. Wir sind auch ein anerkannter Ausbildungsbetrieb und sind immer gespannt auf interessierte Bewerber.“

Bei einem abschließenden Rundgang durch das imposante Firmengebäude durften wir bis auf die Produktionshalle – dort ist der Zutritt für Unbefugte verboten – überall einmal reinschnuppern. Wir erfahren noch, dass die Corona-Pandemie dem Unternehmen wirtschaftlich nicht geschadet hat. Man habe verstärkt an digitalen Lösungen gearbeitet und mobiles Arbeiten ermöglicht.

Wie viele Schritte hinter der finalen Cremigkeit eines Joghurts stecken, ist wirklich erstaunlich, und dass von unserer Blütenstadt aus große Firmen weltweit mit Stabilisatoren „made in Werder“ beliefert werden, war uns vor unserem Besuch bei CONDIO nicht bewusst.

Zusatzstoffe in Lebensmitteln haben kein besonders gutes Image, doch eine Ernährung komplett ohne sie ist fast unmöglich. In der EU werden zur Zeit etwa 300 Zusatzstoffe als unbedenklich eingestuft und dürfen bei der Lebensmittelverarbeitung eingesetzt werden. Sie grundsätzlich zu verteufeln, ist jedoch falsch, manche Zusatzstoffe haben durchaus ihre Berechtigung. Und wenn man sie eben nur dafür braucht, damit das Kirschkompott nicht von der Waffel fließt. (wsw)