Ein Leuchtturmprojekt

Melanie Sandow und Diane Zimmer lernen im zweiten Lehrjahr den Beruf der Erzieherin, Foto: wsw

Werder (Havel), 29. September 2020 – Vor zwei Jahren legten die Stadtverordneten den Grundstein für ein Erfolgsprojekt in unserer Blütenstadt: Ein fraktionsübergreifender Antrag zum Haushalt 2018/2019 für die Bereitstellung von finanziellen Mitteln zur Finanzierung angehender Erzieher wurde einstimmig angenommen. Dabei sollte die Stadt in Kitas in eigener Trägerschaft sogenannten Quereinsteigern attraktive Angebote machen, tätigkeitsbegleitend den Beruf zu erlernen. Insgesamt stellte die Stadt 600.000 Euro in den Haushalt ein für die Vergütung angehender Erzieher. Zu Beginn des Jahres 2019 erfolgte dann die erste offizielle Ausschreibung.


Zeitgleich startete die Erzieherausbildung auch am Oberstufenzentrum Werder (Havel). Wir hatten hier darüber berichtet. “Ursprünglich wollten wir schon ein Jahr vorher mit der tätigkeitsbegleitenden Ausbildung starten. Die Nachfrage war zunächst groß, doch leider konnten dann zu Schulbeginn lediglich sieben Schüler*innen einen Arbeitsvertrag vorweisen, der Grundvoraussetzung für die Ausbildung ist. Und so mussten wir dann noch ein Jahr warten”, erklärt Ralf Schönbrunn, Abteilungsleiter am Oberstufenzentrum Werder.

Seitdem lernen 18 Schüler*innen im zweiten Lehrjahr und 17 Schüler*innen im ersten Lehrjahr den Beruf des Erziehers bzw. der Erzieherin. Jeweils fünf von ihnen sind bei der Stadt Werder (Havel) angestellt. „Ein zentrales Thema in unserer Stadt ist die Betreuung unserer kleinsten Bewohner“, so Bürgermeisterin Manuela Saß bei der heutigen Pressekonferenz. „Seit 2012 wurden in den kommunalen Kitas 269 neue Plätze geschaffen, in den privaten Kitas sind es fast ebenso viele. Doch das Platzangebot ist nur eine Seite der Medaille. Ein großes Problem ist die personelle Besetzung.“ Allein in der neu geplanten Kindertagesstätte in der Adolf-Damaschke-Straße werden mindestens 23 Erzieher*innen gebraucht.

Die Erzieherausbildung ist leider seit je her wenig attraktiv. Zum einen gibt es keine oder nur eine sehr geringe Vergütung und meist kosten die privaten Schulen auch noch zusätzlich Geld, zum anderen werden die Erzieheranwärter zu 70 Prozent auf das qualifizierte Fachpersonal in den Einrichtungen angerechnet, obwohl sie wegen ihrer theoretischen Ausbildung nicht vollständig zur Verfügung stehen.

Doch Werder (Havel) geht einen ganz anderen, einen eigenen Weg – mit Erfolg! Die Stadt bildet selbst Quereinsteiger zu Erziehern aus: Im ersten Lehrjahr erhalten die Azubis eine Vergütung von 1316 Euro brutto pro Monat im zweiten Lehrjahr sind es 1412 Euro brutto. Während 16 Stunden in der Woche, verteilt auf zwei Tage, absolvieren die Azubis ihre theoretische Ausbildung. Dies kann am Oberstufenzentrum in Werder (Havel), aber auch an einer anderen Fachschule erfolgen. Von Mittwoch bis Freitag werden die angehenden Erzieher*innen dann in den kommunalen Krippen, Kitas und Horteinrichtungen eingesetzt. Hinzu kommen dann noch Aufgaben, die in Heimarbeit erledigt werden müssen.

„Nach der ersten Ausschreibung Anfang 2019 haben wir 60 Bewerbungen für die fünf Plätze erhalten, in diesem Jahr waren es knapp 45“, verrät der 1. Beigeordnete Christian Große. „Diese Zahl an Bewerbern zeigt, dass das Interesse groß ist. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist – wenn die insgesamt 15 Auszubildenden erfolgreich ihre Ausbildung abschließen und sich dann auch noch entschließen, weiterhin bei der Stadt angestellt zu bleiben, können wir schon mal einen Teil des fehlenden Personals in den Krippen, Kitas und Horteinrichtungen selbst besetzen.“

Zwei, die die Chance des Quereinstieges genutzt haben, sind Melanie Sandow und Diane Zimmer. Die beiden Werderanerinnen sind Azubis im zweiten Lehrjahr und haben auf der heutigen Pressekonferenz aus ihrem spannenden Alltag erzählt.

Melanie Sandow ist 32 Jahre alt und hat zuvor 13 Jahre in ihrem Beruf als Arzthelferin gearbeitet. Durch ihre eigenen Kinder reifte in ihr immer mehr der Wunsch, Erzieherin zu werden. „Doch ohne eine Bezahlung während der Ausbildung wäre dies nicht möglich gewesen“, verrät die zweifache Mutter. Und auch Diane Zimmer spielte schon lange zuvor mit dem Gedanken, sich beruflich um Kinder zu kümmern. „Ich habe zuvor 23 Jahre als Verkäuferin gearbeitet und das auch sehr gerne. Doch ich hatte immer schon den Wunsch, einmal als Erzieherin zu arbeiten. Als ich dann die Ausschreibung der Stadt gelesen habe, habe ich mich sofort beworben“, erzählt die 40-Jährige. Ohne eine Vergütung hätte sich Diane Zimmer die Ausbildung allerdings ebenfalls nicht leisten können.

Doch es ist nicht nur die Ausbildungsvergütung, die die beiden Frauen schätzen. Durch die Zweiteilung der Woche – zwei Tage Theorie, drei Tage Praxis – können sie das Erlernte sofort in ihrer Einrichtung umsetzen. „Wir haben keinen Praktikantenstatus, sondern gelten als richtige Kollegen“, freuen sich Diane und Melanie. Und auch in ihrer Klasse am Oberstufenzentrum fühlen sich die Frauen wohl. Dass sie bereits jahrelange Erfahrungen im Berufsleben gesammelt haben und nun wieder die Schulbank drücken, stört weder die Quereinsteiger noch die jungen Abiturienten. „Die Klasse ist bunt gemischt: Junge und erfahrene Schüler treffen hier aufeinander und können voneinander lernen“, ergänzt Ralf Schönbrunn.

Die Erzieherausbildung ist eine höchst anspruchsvolle Ausbildung, die auch entsprechend entlohnt werden sollte. Nur eine Handvoll Kommunen kann sich das leisten, was Werder leistet. Es ist ein Erfolgsprojekt, das hoffentlich Schule macht. Natürlich hofft die Stadt, dass die Erzieher*innen nach ihrer Ausbildung dann auch den kommunalen Einrichtungen erhalten bleiben. Vertraglich festgelegt ist dies allerdings nicht. Anfang des kommenden Jahres gibt es dann die nächste Ausschreibung für die zunächst letzten fünf Quereinsteiger. Manuela Saß und Christian Große haben jedoch bereits angekündigt, dass sie gemeinsam mit den Stadtverordneten überlegen werden, ob dieses Projekt nicht fortgeführt werden sollte. (wsw)