Farbexplosionen und Rauchbrand im Kunstgeschoss

Ausstellung „pas de deux II“ endet am Sonntag - Malerei in kleinen Formaten von Ann-Louise Schwieger und keramische Objekte von Wolfram Boden

Die schwedische Künstlerin Ann-Louise Schwieger und Kunstgeschoss-Kurator Frank W. Weber. Foto: wsw

Werder (Havel), 29. August 2018 – Noch bis zum Sonntag ist in der Stadtgalerie Kunstgeschoss die Ausstellung „pas de deux II“ mit Malerei in kleinen Formaten von Ann-Louise Schwieger geb. Carlsson und keramische Schwarz-/Rauchbrand Objekte von Wolfram Boden zu sehen. Am morgigen Donnerstag, am Samstag und am Sonntag ist der Kurator Frank W. Weber persönlich in der Galerie, Ann-Louise Schwieger reist extra aus Schweden zum Ende der Ausstellung an. Sie wird am Samstag und Sonntag zur Finissage jeweils von 13 bis 18 Uhr in der Galerie sein.

Im zehnten Jahr des Bestehens der Stadtgalerie – gestern feierte sie „Geburtstag“ – hat Kurator Frank W. Weber mit dieser Sommerausstellung einen „Farbtupfer“ ins Schützenhaus gebracht, wie Bürgermeisterin Manuela Saß schon bei der Vernissage feststellte. Es ist die dritte Ausstellung in diesem Jahr, die zweite mit dem Titel „pas de deux“.

In der ersten und vielbeachteten Ausstellung „pas de deux I“ zeigte Corinna Dahme ihre Keramiken, Hans-Georg Käberich seine Malerei. Beim zweiten „Tanz“ ist es umgekehrt – die Malerei kommt von der Künstlerin, die Keramik vom Künstler.

256 kleine Formate hat Ann-Louise Schwieger, die übrigens einen Zweitwohnsitz in Werder (Havel) hat, aus Schweden mitgebracht. „Eine sture Hängung wäre nicht möglich gewesen, wie sonst üblich in Galerien“, stellt Kurator Weber fest. 530 kleine Nägelchen wurden in die Wände geschlagen. Aber wer sich in der Betrachtung der vielen nur 20×20 Zentimeter großen Werke verliert und verliebt, vielleicht schon an die kommende Weihnachts- und Geschenkezeit denkt, hat die Möglichkeit, sie auch zu kaufen. Jede Arbeit kostet 45 Euro und kann sofort mitgenommen werden. Weber sorgt dann umgehend für Ersatz – kahle Flecken an den Wänden wird es nicht geben.

Die Künstlerin hat ein frohes Gemüt und liebt die hellen und sonnigen Farben, welches wohl auf die langen und dunklen Wintermonate in Schweden zurückzuführen ist, wie Frank W. Weber vermutet. „Wer ihr beim Arbeiten zuschauen darf, ist über ihre Unbefangenheit bei der Arbeit bestimmt verblüfft“, erzählt Weber über Ann-Louise Schwieger und ihre „Arbeitswut“. Er durfte das bei einem Pleinair in Polen beobachten. „Ann-Louise packte große Bögen festes Aquarellpapier aus, farblich sortierte Farbpaletten mit flüssigen Aquarellfarben und entsprechend große dicke Pinsel. Mit reichlich Wasser wurde das Blatt eingeschwemmt, die Farbe aufgetragen“, erinnert er sich. Die Verwunderung stand den polnischen Künstlerkollegen im Gesicht. Durch Hin- und Herbewegen des Blattes bestimmte die Künstlerin den Verlauf der Farben.  „Dieser Farbrausch war innerhalb weniger Minuten vergessen. Zu erkennen war nichts. Neben dem abstrakten Farbverlauf war nichts Gegenständliches zu sehen“. Auch das nächste und übernächste und das darauf folgende Blatt wurden so bearbeitet. Vier Tagen ruhten die Blätter und trockneten. Dann begann die Künstlerin die Blätter zu drehen und zu wenden und „zeichnete frisch drauflos“. Das Staunen der polnischen Künstlerkollegen wandelte sich in Hochachtung, als eine Arbeit schließlich die Weichsel und die gastgebende Stadt Tczew zeigte. „Das Bild ist heute im Besitz des Zentralkulturhauses in Tczew“.

Es gebe Farbbögen bei Ann-Louise Schwieger, die seit Jahren und Jahrzehnten im Stapel ruhen. Schwieger hat sich mit dieser Technik, durch die Zufälligkeit des Farbspiels Figuren und Formen zum Vorschein zu bringen, einen Namen gemacht und einen festen Platz in Schweden gefunden. „Die Arbeiten der Künstlerin entstehen aus der Phantasie der Schaffenden und überlassen es der Phantasie des Betrachters, die Darstellung zu „erleben“. Darum gibt es auch keine Titel bei ihren Werken“, erläutert Weber. Die Ausstellung hier in Werder sei ein „Sehvergnügen im Detail“. Für ihre kleinen Formate würden die großen Bögen mit den „Farbexpolosionen“ zerschnitten. Die Künstlerin lebt in Schweden auf der Insel Tjörn, nahe dem nordischen Aquarellmuseum in Skärhamn und betreibt in den Sommermonaten eine eigene Produzentengalerie.

Das Sehvergnügen steigere sich zum „Pas de deux“ mit den keramischen Arbeiten des Colditzer Künstlers Wolfram Boden. Der Keramiker besticht mit handwerklich ausgezeichneten keramischen Objekten. Er ist ein Meister der Schwarz- und Rauchbrandtechnik. Die Arbeitsweise von Wolfram Boden sei ausschlaggebend für den Wunsch gewesen, ihn hier in der Galerie zeigen zu wollen, so Weber.

„Boden geht durchdacht an sein Werk. Die Formen sind sehr klar, der Aufbau strukturiert, die Oberflächen erscheinen wie poliert, mit eingeritzten Strukturen und Mustern“. Der ausgebildete Kerameinrichter hat an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Schneeberg studiert. „Der Studienort spricht bei Kennern für sich“, so Weber. „Anfangs beschäftigte sich Wolfram Boden mit Vasen und Gefäßen. Später entwickelte sich die Liebe zu baugebundenen Wandplatten, die mittlerweile sein Erkennungsmerkmal sind. Den Aufbau seiner Platten überlässt der Künstler nicht dem Zufall. Der vollendende Prozess ist der Brennvorgang, den Wolfram Boden im offenen Feuer lenkt“.

Sei bei Ann-Louise Schwieger zuerst die zufällige Farbstruktur da, aus der das Bild entwickelt würde, gebe es bei Wolfram Boden zuerst die Entwicklung der Form – erst dann käme der Zufall dazu. Denn durch den ganz speziellen Rauchbrand bekämen die Objekte eine vorher schwer zu bestimmende Färbung. Die lasse sich zwar durch den Künstler und Handwerker mit größter Kenntnis des Brennvorgangs steuern, der Zufall wäre aber auch immer mit im Spiel, zumal manche Objekte schon wegen ihrer Größe schwer zu händeln wären. „Durch Feuer verschiedener Intensität wird eine bestimmte Färbung der Keramik erzielt, der Rauch- und Schwarzbrand erzeugt differenzierte Oberflächen, die dem künstlerischen Anliegen förderlich sind“, weiß Frank W. Weber. Auch die Werke von Wolfram Boden in der Werderaner Ausstellung können Interessierte zu moderaten Preisen kaufen, sie sind allerdings erst nach Ende der Ausstellung abholbar. (wsw)


Geöffnet ist die Stadtgalerie Kunstgeschoss:
Donnerstag, 30. August – 13 bis 18 Uhr
Samstag, 1. September – 13 bis 18 Uhr, Ann-Louise Schwieger in der Galerie
Sonntag, 2. September – 13 bis 18 Uhr, Finissage mit Ann-Louise Schwieger

Die kommenden Ausstellungen im Kunstgeschoss:
„Mahlzeit“
Walter Schönenbröcher & Ingo Kuzia
Zwei Fotografen zu einem Thema
Vernissage, Mittwoch, 26. September 2018, 19 Uhr
Ausstellung vom 27. September bis 11. November 2018

„10 Jahre KUNST-GESCHOSS“
Die Fundusausstellung der Stadtgalerie
Vernissage, Mittwoch, 28. November, 19 Uhr
Ausstellung vom 29. November 2018 bis 6. Januar 2019