Für den Ernstfall gerüstet

Wir waren beim 1. Hilfe Kurs für Kleinkinder im Familienzentrum dabei.

Petra Merz ist Kursleiterin des "1. Hilfe Kurses für Kleinkinder" im Familienzentrum in Werder (Havel)., Foto: wsw

Werder (Havel), 29. März 2019 – Es gibt wohl kaum ein schlimmeres Szenario als das eines Kindes in einer (lebens)bedrohlichen Situation. Und dabei geht es nicht nur um Verkehrsunfälle oder andere erschreckende Horrormeldungen, sondern auch um die alltäglichen Gefahren im Alltag. Der Säugling liegt auf dem Wickeltisch, Mama und Papa drehen sich nur für einen kurzen Moment weg und plötzlich fällt das Baby vom Tisch. Beim abendlichen Snacken auf der Couch kullert den Eltern eine Erdnuss unter das Sofa, die am nächsten Tag vom neugierigen Filius entdeckt und prompt in den Mund gesteckt wird und in der Luftröhre landet. Beim Garteneinsatz am Wochenende denkt Mama der Papa passt aufs Kind auf, der wiederum glaubt, dass die Mama den Nachwuchs im Blick hat – plötzlich entdeckt das Kind die Regentonne und fällt ins Wasser.

In Deutschland verletzen sich jährlich ca. 1,8 Mio Kinder unter 15 Jahren so schwer, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Zwischen ein und vier Jahren sind Stürze die häufigste Unfallursache, die zum Tod von kleinen Kindern führt, gefolgt von Ertrinken. Im Schulalter passieren die häufigsten tödlichen Unfälle im Straßenverkehr, ab zehn Jahren sind Kinder als Radfahrer am meisten gefährdet.

Kindern bis acht Jahre fällt es schwer, Handlungen abzubrechen oder zu unterbrechen, um den Straßenverkehr zu beobachten. Sie erkennen erst mit ca. acht Jahren, dass sie durch ein bestimmtes Verhalten in Gefahr geraten könnten. Bis zum vierten Lebensjahr können Kinder nicht sicher erkennen, ob ein Auto fährt oder steht. Erst ab neun Jahren können sie Entfernungen sicher einschätzen. Kinder hören anders, sie können die Richtung eines Fahrzeuges noch nicht über das Hören bestimmen. Sie brauchen länger, um die Fülle der Sinneseindrücke zu verarbeiten. Das nutzbare Sehfeld ist ca. ein Drittel kleiner als bei Erwachsenen, die Reaktionszeit ist doppelt so lang wie die eines Erwachsenen. Erst mit 14 Jahren entsprechen die Konzentrationsfähigkeit und das Gefahrenbewusstsein einem Erwachsenen.

Bis dahin ist es eine lange Zeit, in der sich die Eltern in ständiger Habtachtstellung befinden. “Damit Kinder lernen, mit riskanten Situationen umzugehen, brauchen sie viel Raum und Zeit zum Ausprobieren. Bewegungstraining dient der eigenen Bewegungssicherheit. Kinder sollen bewusst kleine Risiken wagen, um größere zu meistern”, erklärt Petra Merz. Sie ist Kinderkrankenschwester, Heilpraktikerin, Elternbegleiterin, entwicklungspsychologische Beraterin und zudem Kursleiterin des “1. Hilfe Kurses für Kleinkinder”, der am 9. März im Familienzentrum stattfand.

Acht interessierte Kurs-Teilnehmer nahmen an dem Samstag in der Remise gegenüber vom Gemeindehaus in der Adolf-Damaschke-Straße 9 Platz. Auch wir waren mit dabei. Sieben Stunden ging der “1. Hilfe Kurs für Kleinkinder”. Das waren sieben Stunden, vollgepackt mit Wissen, neuen Erkenntnissen, vielen Fragen und noch mehr Antworten. Die Zeit verging unglaublich schnell und am Ende – wir können natürlich nur von uns sprechen – gingen wir mit einem etwas sicheren Gefühl nach Hause und dem Wunsch, das zuvor Gehörte nie in der Wirklichkeit anwenden zu müssen. Doch sollte es zum Ernstfall kommen, fühlen wir uns nun etwas besser vorbereitet.

Wir sind alle Löwinnen und Löwen, wenn es um unsere Kinder geht. Wenn ein Notfall eintritt, handelt und funktioniert man meist kognitiv. Erst wenn die Gefahr vorüber ist, folgen die geballte Emotionalität und die Gedanken rund um das “was wäre wenn …”. Die Ängste und Sorgen, die man von Geburt an um seine Kinder hat, kann einem ein Samstags-Seminar natürlich nicht nehmen. Aber zu wissen, wie man in Gefahrensituationen reagiert, gibt einem wenigstens ein kleines Gefühl von Sicherheit.

In den ersten sechs Lebensjahren passieren die meisten Unfälle zu Hause. Die Kinder sind neugierig und entdecken ihre Welt. Da kann eine heiße Tasse Tee auf dem Tisch schnell zu einer schlimmen Verbrennung führen. Fenster, die zum Lüften geöffnet wurden, laden zum gefährlichen Klettern ein. Der Inhalt der Shampoo-Flasche im Bad wird von kleinen Kindern schnell verschluckt. Selbst die Pelle von Würstchen oder die Haut von Weintrauben kann sich im schlimmsten Fall so ungünstig im Rachen verfangen, dass das Kind keine Luft mehr bekommt. Für kleine Kinder ist der Mund die dritte Hand. Alles, was durch eine leere Toilettenrolle passt, kann verschluckt und dadurch für das Kind sehr gefährlich werden. Wie man in solchen Situationen reagieren sollte, hat Petra Merz anschaulich erläutert. Auch zu Themen wie Pseudokrupp, Fieberkrämpfen und Zahnunfällen informierte sie uns Teilnehmer.

Ein kleiner Überblick

116 117 – Das ist die Nummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst

Beispiele für Erkrankungen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können:
– Erkältung mit Fieber, höher als 39 °C
– anhaltender Brechdurchfall bei mangelnder Flüssigkeitsaufnahme
– starke Hals- oder Ohrenschmerzen
– akute Harnwegsinfekte
– akute Rückenschmerzen
– akute Bauchschmerzen

112 – Das ist die Notrufnummer

Diese wird in folgenden Fällen gewählt:
– Bewusstlosigkeit oder erhebliche Bewusstseinstrübung
– schwere Atemnot
– starke Brustschmerzen oder Herzbeschwerden
– starke, nicht stillbare Blutungen
– Unfälle mit Verdacht auf starke Verletzungen
– Vergiftungen
– starke Verbrennungen
– Ertrinkungsunfälle
– Stromunfälle
– Suizidversuche aller Art
– akute und anhaltende Krampfanfälle
– plötzliche Geburt oder Komplikationen in der Schwangerschaft
– akute und anhaltende stärkste Schmerzzustände

Die 112 gilt in allen EU-Ländern. Beim Anruf folgende Fragen beantworten:
Wo ist es passiert?
Was ist passiert?
Wie viele Verletzte/Kranke?
Welche Art der Verletzungen?
Warten auf Rückfragen.

03019240 – Das ist die Nummer der Giftinfo Berlin

Vorgehen bei einem möglichen Vergiftungsunfall
RUHE bewahren!
Ein Glas stilles Wasser, Tee oder Saft zu trinken geben.
KEIN Erbrechen auslösen! KEIN Salzwasser! KEINE Milch!
Giftnotruf anrufen.

Was muss der Giftnotruf wissen?
Was wurde eingenommen? z.B. Medikament, Pflanze, Haushaltsmittel (Name, Hersteller, Identifikations-Nr., Warnzeichen?)
Wie alt ist die betroffene Person?
Warum wurde die Substanz eingenommen?
Wieviel wurde eingenommen? z.B. abschätzen: Wie groß ist die Packung und wieviel fehlt?
Wie wurde es eingenommen? z.B. geschluckt, Hautkontakt, eingeatmet
Wann ist es passiert?
Wie geht es der betroffenen Person jetzt? z.B. Müdigkeit, Erbrechen, Unruhe, Schmerzen etc.
Was wurde bereits unternommen? z.B. Giftentfernung, Spülen, Trinken
Wer ruft an? Name, Funktion, Telefonnummer
Folgen Sie bitte den Empfehlungen Ihres Giftnotrufes!

Handlungsablauf lebensrettender Sofortmaßnahmen beim Kind, die vier “S”
Sicherheit: Umgebung checken, nicht blindlings in Situation rennen
Stimulation: ist das Kind ansprechbar, zeigt es Reaktionen? NIEMALS schütteln!
Schrei nach Hilfe: Notruf absetzen 112, Hilfe suchen z.B. bei Nachbarn
Stripping: Oberkörper freimachen, Atmung prüfen, keine normale Atmung? Dann beginnen Sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen.

Abfolge der Wiederbelebungsmaßnahmen beim Säugling:
Atmen Sie normal ein. Umschließen Sie mit Ihrem Mund den Mund und die Nase Ihres Kindes. Beobachten Sie bei der Beatmung den Brustkorb Ihres Kindes.

Der Brustkorb muss sich heben! Fangen Sie mit fünf Beatmungen an.

Wenn Sie nach den fünf Beatmungen keine Lebenszeichen (Husten, Abwehr) beobachten, müssen Sie sofort mit der Herzdruckmassage beginnen.

Bei Säuglingen/Babys wird diese durch leichten Druck (2-3 cm Tiefe) auf das Brustbein mit zwei Fingern gemacht. Drücken Sie 30 Mal mit einer Frequenz von 120/min. Das sind zwei Kompressionen pro Sekunde.

Nach 30 Kompressionen erfolgen zwei Beatmungen.
Abfolge beibehalten.

Abfolge der Wiederbelebungsmaßnahmen beim Kind:
Ähnlich wie beim Säugling, jedoch erfolgt Beatmung nur durch den Mund, während die Nase mit Zeigefinger und Daumen verschlossen wird.
Kompression bei älteren Kindern durch Druck des Handballens auf das untere Brustbein.

Abfolge bei Säuglingen/Kindern immer:
5 initiale Beatmungen – 30 Kompressionen – 2 Beatmungen – 30 Kompressionen – 2 Beatmungen …

ab der Pubertät mit Kompressionen beginnen:
30 Kompressionen – 2 Beatmungen – 30 Kompressionen – 2 Beatmungen …

auch möglich:
2 Beatmungen – 15 Kompressionen im Wechsel
oder auch nur Kompressionen: Prüfst du! Rufst du! Drückst du!

Haben Sie keine Angst davor, etwas Falsches zu tun! Handeln Sie!

Was tun wenn sich das Kind verschluckt hat?
Wenn das Kind sich verschluckt und hustet, sollte man als Erwachsener mithusten und das Kind so animieren, auch weiter zu husten.
Nicht auf den Rücken klopfen, der Fremdkörper könnte in die falsche Richtung rutschen!
So lange das Kind hustet und Luft holt, ist alles gut. Ruhe bewahren!
Wenn das Kind die Augen aufreißt, signalisiert es, dass es keine Luft mehr bekommt. Es hustet und würgt nicht mehr.
Dann sofort Kopf-tief-Lage – der Kopf muss tiefer liegen als der Rest des Körpers.
Dann mit dem Daumenballen und dem Ballen des kleinen Fingers der flachen Hand 3-5 Mal kräftig zwischen die Schulterblätter klopfen.

Wenn das nicht hilft:
Kinder bis zum Alter von einem Jahr: Kind auf den Rücken drehen, Kopf tiefer beibehalten, mit zwei Fingern 5 Mal auf das Brustbein im oberen Drittel des Brustkorbes drücken
Rücken- und Brustklopfen im Wechsel wiederholen -> wenn Fremdkörper sich nicht entfernen lässt und Säugling bewusstlos wird, mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen!

Kinder ab einem Jahr: Heimlich-Manöver – Knien Sie sich hinter Ihr stehendes Kind, greifen Sie Ihre Hände über der Magengegend des Kindes zusammen (zwischen Bauchnabel und unteren Rippen) und ziehen Sie Ihre Arme schnell zu sich. 5 Mal wiederholen, ggf. Rückenklopfmethode wiederholen. -> wenn Fremdkörper sich nicht entfernen lässt und das Kind bewusstlos wird, mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen!

Was tun bei Verbrennungen?
Die Kinderhandinnenfläche inklusive Finger beschreibt 1 Prozent der Körperoberfläche (KOF).
Bei Babys und Kleinkindern bis 5 Jahre: wenn 5 Prozent der Körperoberfläche verbrannt sind, ist es lebensbedrohlich.
ab 5 Jahre: lebensbedrohlich ab 10 Prozent verbrannter KOB

Wenn es geht, Kleidung ausziehen.
Verklebte Kleidung anlassen.
mit fließendem Leitungswasser kühlen, ACHTUNG: Nur lauwarmes Wasser, nicht kaltes!
Wassertemperatur 22°, bis zu 15 Minuten kühlen

 

Diese Übersicht zeigt nur einen Bruchteil von dem, was uns Petra Merz in dem Kurs erläutert hat. Wir möchten eine aufrichtige Empfehlung für den Kurs aussprechen. Petra Merz hat dieses komplexe und emotionale Thema sehr anschaulich und überaus informativ vermittelt. Und das alles für einen kleinen Unkostenbeitrag in Höhe von gerade einmal vier Euro.

Wir nehmen aus dem siebenstündigen Kurs mit, dass die lieben Kleinen bis zum Alter von vier Jahren regelrechte Kamikaze-Kinder sind, die die Gefahren, die im Alltag lauern, nur durch Spiegelungen lernen können. Wir müssen also mit einem guten Beispiel vorangehen, ohne dabei übertrieben ängstlich zu sein. Kinder entdecken ihre Welt nach dem Motto: Wo ich heute nicht ran komme, komme ich bestimmt morgen ran. Und wenn man weiß, dass Kinder erst mit 14 Jahren das Gefahrenbewusstsein eines Erwachsenen haben, erklärt es, warum die Sprösslinge sich immer mal wieder unbeabsichtigt in gefährliche Situationen bringen können.

Und auch wenn man nicht 24 Stunden am Tag die schützende Hand über den Nachwuchs halten kann, ist Vorsicht doch besser als Nachsicht. Und so sollte die wichtigen Punkte, die wir im 1. Hilfe Kurs für Kleinkinder gelernt haben, jeder einmal gehört haben, der mit Kindern zu tun hat. Die nächsten Kurse finden am 6.4., 15.6., 7.9. und 23.11. statt. Eine Voranmeldung ist wichtig, die Plätze sind schnell weg. (wsw)