Gedenken an die Reichspogromnacht

Heute vormittag fand an den Stolpersteinen in der Brandenburger Straße eine Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Pogromnacht in Werder (Havel) statt

Es ist wichtiger denn je, dass immer wieder an die Geschichte erinnert wird, damit so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder passiert., Fotos: wsw

Werder (Havel), 9. November 2018 – In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 fand eines der schrecklichsten Ereignisse der deutschen Geschichte statt. In der Reichspogromnacht, die heute vor genau 80 Jahren stattfand, organisierte das nationalsozialistische Regime unzählige Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Auch in Werder lebende Juden wurden in dieser Kristallnacht aus ihren Wohnungen vertrieben und in Konzentrationslagern inhaftiert. Zum heutigen Jahrestag dieses schrecklichen Ereignisses haben Bürgermeisterin Manuela Saß und der Historiker Hartmut Röhn gemeinsam mit 13 geschichtsinteressierten Zehntklässlern der Carl-von-Ossietzky-Schule an die Zerstörung jüdischen Eigentums in Werder (Havel) erinnert. Das Gedenken fand an zwei Werderaner Stolpersteinen statt, die vor vier Jahren für Ruth und Hans-Peter Olschowski in der Brandenburger Straße verlegt wurden.

„Der 9. November ist der geschichtsträchtigste Tag in der deutschen Geschichte. Im Jahr 1918 endete an diesem Tag der erste Weltkrieg, am 9. November 1989 fiel die Mauer und vor genau 80 Jahren ereigneten sich die Novemberpogrome“, resümierte Manuela Saß in ihrer Begrüßung. „Im Zuge der Juden- und Kriegspolitik verloren 80 Millionen Menschen ihr Leben. Es ist unsere dringende und notwendige Aufgabe, immer wieder daran zu erinnern und alles dafür zu geben, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Im Anschluss übernahm Prof. Dr. Hartmut Röhn das Wort. Er hat 40 Jahre in der Lehre und Forschung, zuletzt an der Berliner Humboldt-Universität, gearbeitet. Er recherchiert seit seiner Pensionierung auch zu geschichtlichen Themen in Werder (Havel). Hartmut Röhn war mit einer Arbeitsgruppe an der Verlegung der insgesamt acht Stolpersteine in Werder beteiligt und ist Herausgeber des Gedenkbuchs „Jüdische Schicksale in Werder“, dass durch die Stadt auch den Werderaner weiterführenden Schule zur Verfügung gestellt worden ist.
Der Historiker erinnerte vor den Schülern an das Schicksal der Olschowkis und besonders an das von Hans-Peter Olschowski, der zum Zeitpunkt der Pogromnacht 15 Jahre alt, also im Alter der Schüler, gewesen war. In der Pogromnacht wurden die Rollläden des Textilgeschäftes seiner Eltern in der Brandenburger Straße mit Äxten zerschlagen und die Schaufenster zerschmettert.
Der Vater, Curt Olschowski, war SPD-Mitglied und wurde nach dem Pogrom für einen Monat im KZ Sachsenhausen inhaftiert, danach war er Zwangsarbeiter im Berliner Eisenbahnbau. Die Mutter Ruth Olschowski flüchtete mit ihren Kindern Anita, Heinz und Hans-Peter aus dem heimatlichen Werder nach Berlin. Hans-Peter kam als Gärtnerlehrling unter, bevor er die Reichshauptstadt im April 1943 mit dem „37. Osttransport“ verlassen musste. Das Ziel: das Vernichtungslager Auschwitz.
Unmittelbar vor der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee wurde Hans-Peter Olschowski von Auschwitz nach Mittelbau-Dora in Thüringen verschleppt, wo in den letzten Kriegsmonaten Flugbomben produziert wurden. Er kam bei einem Todesmarsch ums Leben, als sich im April 1945 die Amerikaner dem Lager näherten. Seine Mutter Ruth Olschowski wurde in Auschwitz umgebracht. Die beiden anderen Kinder und Curt Olschowski überlebten den Vernichtungsfeldzug der Nazis. Curt Olschowski war von 1958 bis 1961 Bürgermeister der Stadt Werder (Havel).
Das vielfältig tragische Schicksal der Familie Olschowski ist symbolhaft für so viele Menschen, die zum Opfer der Nationalsozialisten wurden.

Einige der 13 Schüler, die von Schulleiterin Ines Lenius, Detlef Brahms (Vertreter der Fachkonferenz Gesellschaftswissenschaften) und Janin Urbanek (verantwortliche Lehrkraft für Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage) begleitet wurden, kannten die Stolpersteine bereits, die in Werder zu finden sind. „Wir behandeln zur Zeit in Geschichte die Weimarer Republik. Im Anschluss widmen wir uns dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben schon Themen erhalten, zu denen wir Vorträge ausarbeiten sollen“, verraten uns Felix B. und Fabio V. Auch wenn die Schüler im Geschichtsunterricht bisher noch wenig über die schrecklichen Ereignisse des Hitler-Regimes erfahren haben, wussten sie doch um die Wichtigkeit der heutigen Gedenkveranstaltung. 

In der Stadtverwaltung Werder (Havel) gibt es zur Pogromnacht ein besonderes Dokument: Eine Bauakte, in der die Schäden an Wohn- und Geschäftshäusern acht jüdischer Familien in Werder dokumentiert sind. Bürgermeisterin Saß verlas zum Abschluss des Gedenkens die Liste der Schäden, die am Kaufhaus der Olschowskis entstanden sind. Eine Kopie der Bauakte wurde von der Bürgermeisterin dem Fachbereich Geschichte der Carl-von-Ossietzky-Schule zur Verfügung gestellt. (wsw)