Geheimnis um unbekannten Künstler gelüftet

Frank W. Weber hält zur Vernissage eine Laudatio, Fotos: Stadt Werder (Havel)_hkx

Werder (Havel), 17. Juli 2020 – Es ist zwei Jahre her, als der bekannte Werderaner Künstler und Kurator des Kunst-Geschosses, Frank W. Weber, gebeten wurde, einen künstlerischen Nachlass in Werder zu begutachten. Das passiert immer wieder mal. „Ein in sich schlüssiger Bestand kommt selten vor“, sagt Frank W. Weber. Diesmal war es einer dieser seltenen Fälle, er traf auf den Nachlass eines bis dahin unbekannten Künstlers.

Am Mittwochabend wurde unter dem Titel „unbekannt verkannt“ eine Ausstellung mit Werken des Verstorbenen, dessen Namen bis dahin nicht genannt wurde, im Kunst-Geschoss eröffnet. Und das Geheimnis wurde gelüftet: Es handelt sich um Karlheinz Grabitzky. Er lebte seit 2005 in Werder, wo er im Juli 2018 auch verstarb.

Sein Jugendwunsch, Kunst zu studieren, wurde dem 1940 in Brandenburg (Havel) Geborenen familiär verwehrt. Das Leben verlief in anderen Bahnen. Seine Lehrausbildung und der Abschluss als Dekorateur waren eine gute Grundlage für seine spätere individuelle Beschäftigung mit der Bildenden Kunst. An verschiedenen Lebensstandorten richtete er sich kleine Ateliers ein, so auch in seiner letzten Wahlheimat Werder (Havel).

Von den 604 Werken, die er hinterließ, sind jetzt 74 in der Stadtgalerie im Schützenhaus zu sehen. Die ausgestellten figürlich-formalistischen Bilder wollen Botschaften vermitteln. Doch wie der Name des Künstlers zunächst unbekannt blieb, so geben auch die intensiven Werke ihr Geheimnis nicht ohne Weiteres preis.

Dazu erklärt Frank W. Weber:

„Da Karlheinz Grabitzky seine Werke in den seltensten Fällen selbst betitelte, bleibt uns einiges verborgen. Genau darin liegt der Reiz seines Gesamtwerkes. Der Rezipient fühlt sich durch Titelvorgaben nicht ,bevormundet‘ und kann sich vorurteilsfrei der Betrachtung hingeben. Wie Geheimcodes müssen seine Bilder jetzt dechiffriert werden.

Sein Interesse an Politik und Weltgeschehen flossen in seine Themen ein. Zwischenmenschliche Beziehungen, Gefühl zum Körper und Sexualität prägen sein Werk. Die Prüderie der Gesellschaft zu solchen Themen war sicherlich ein ausschlaggebender Punkt, sich nicht mit seinen Bildern der Öffentlichkeit zu stellen. Im Gespräch mit seiner Frau Heide Grabitzky erfuhr ich, dass er den kritisierenden Kontakt zu anderen Menschen und erst recht vor fachkundigem Publikum scheute.

Als ich nach seinem Tod die Arbeiten von Karlheinz Grabitzky das erste Mal sah, war bei mir sofort das ausgezeichnete Form- und Farbgefühl zu spüren. Hier war einer am Werk, der sich durch seine ausdauernde Arbeit selbst schulte und nach Lösungen suchte. Die bildenden Arbeiten von Karlheinz Grabitzky zeigen einen sicheren Umgang mit dem künstlerischen Medium. Die künstlerischen Techniken hat er sich selbst angeeignet.

Es wird beim Betrachten des Werkumfanges von über 600 Arbeiten auf Leinwand und Papier klar, Karlheinz Grabitzky war in der Lage, sein Werk selbstkritisch zu bewerten und daraus Schlussfolgerungen für künftige Arbeiten zu ziehen. Eine Fähigkeit, die selbst dem ein oder anderen Berufskünstler schwer fällt. Zweifel an der eigenen künstlerischen Arbeit und stetes Hinterfragen lagen in seinem Gemüt.

In einigen der Arbeiten ergänzt Karlheinz Grabitzky das Sujet durch Sätze und Worte. Hier offenbart er, einem Tagebuch gleich, seinen seelischen Zustand. Er litt, nach Auskunft seiner Frau, an Depressionen und sicher dienten viele seiner Themen der Bewältigung des inneren Gemütszustandes. Die Kunst war das Medium, um seine inneren Konflikte, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Nur in seiner künstlerischen Anfangszeit signierte er mit dem Namen ,Grabitzky‘. Später nutzte er Wortkombinationen aus seinem familiären und örtlichen Umfeld. So sind die Arbeiten mit dem Namen ,Schönkow‘ signiert, eine Kombination aus dem Familiennamen seines verehrten Großvaters ,Schönfeld‘ und dem Namen des Heimatdorfes seiner Großeltern ,Roskow‘ bei Brandenburg, wo er seine Kindheit erlebte.

Der gesamte Bestand wurde im vergangenen Jahr von der Familie in einem Werksverzeichnis dokumentiert. Das Gesamtwerk verdient unbedingte Beachtung, die Ausstellung in der Stadtgalerie Kunst-Geschoss ist ein Anfang auf lokaler Ebene. Eine späte, aber wohlverdiente Ehrung für das Schaffen von Karlheinz Grabitzky.“

(wh)