Gelebte Demokratie im Schulalltag

Seit einem halben Jahr gibt es die Schule des Lebens Potsdam nun schon in den Havelauen. Wir haben uns vor Ort einmal umgesehen und mit den Verantwortlichen über das erste Schulhalbjahr, Zukunftspläne und den Begriff "Soziokratie" gesprochen.

Grit Hübener und Lernbegleiter Hans freuen sich über das positive erste Schulhalbjahr an der Schule des Lebens Potsdam., Fotos: wsw

Werder (Havel), 26. März 2019 – Betritt man die Schule des Lebens Potsdam (SdLP) in der Mielestraße 2 in Werder (Havel) fühlt man sich zunächst nicht wie in einer klassischen Bildungsanstalt. Das große Bürogebäude in den Havelauen besitzt weder eine Turnhalle noch einen Pausenhof. Eine Schulklingel gibt es hier schon gar nicht. Und trotzdem hat sich hier an diesem untypischen Schulort im August 2018 die erste freie demokratische Schule Brandenburgs niedergelassen. In einer freien demokratischen Schule bestimmen die Kinder, was, wann, wo und mit wem sie lernen.

Das klingt zunächst nach willkürlichem Zeitvertreib, bestehend aus Toben, Spielen und Relaxen. Doch jedes Kind ist mit einer natürlichen Neugierde aufs Lernen ausgestattet. Kinder wollen die Welt verstehen und das machen sich die Lehrkräfte in der Schule des Lebens zum Vorteil. “Ich gebe hier gerne ein einfaches Beispiel: Die Kinder haben sich dazu entschlossen, ein Baumhaus zu bauen, und nun geht es an die Planung. Wie soll das Baumhaus aussehen, wieviel Material benötigen wir, wie kommen wir an das Geld für das Material, brauchen wir zum Beispiel einen Kuchenbasar zur Finanzierung, müssen wir Baumhaus-Experten um Rat fragen, gibt es Aufbauanleitungen im Internet, womöglich sind diese noch auf Englisch … Die Kinder lernen so anhand eines Projektes Mathe, Statik, Geometrie und vielleicht Englisch und können handwerkliche Fähigkeiten erwerben”, führt Grit Hübener aus. Sie ist eine der Geschäftsführerinnen der Schule des Lebens Potsdam am Standort Werder (Havel).

Natürlich bauen die Kinder nicht jede Woche ein neues Baumhaus, aber anhand dieses Beispiels lässt sich das Konzept ein klein wenig näher erläutern. “Auf dem Spielplatz sagen Sie Ihrem Kind ja auch nicht, du musst jetzt 15 Minuten schaukeln, danach kannst du 5 Minuten wippen und zum Schluss noch 30 Minuten buddeln”, erklärt Grit Hübener weiter. “Die Kinder suchen sich selbst aus, was sie wann machen und entdecken möchten. Und wir geben ihnen hier den nötigen Raum dafür.”

Zur Zeit befinden sich 18 Kinder im Alter von 6-14 Jahren an der SdLP. Einige der älteren Schüler haben bereits schlechte Erfahrungen an einer Regelschule gemacht. Da ist es anfangs etwas schwierig, diese Kinder für die neue Art des Lernens zu begeistern. “Im Grunde wissen Kinder immer ganz genau, was sie wollen, aber nicht immer, was sie auch wirklich brauchen”, führt die sympathische Geschäftsführerin aus. “Möchte ein Kind ein Eis, will es entweder wirklich nur ein Eis, oder ihm ist langweilig oder es braucht einfach nur gerade etwas Nähe und Aufmerksamkeit. Durch die drei Säulen Selbstbestimmung – Mitbestimmung – emotionale Begleitung, die in unserem Konzept verankert sind, können wir intensiv auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen. Es gibt so viele engagierte Lehrer, die die Kinder auf dem Bildungsweg begleiten möchten, doch bei einem starren Rahmenlehrplan und einer Klassenstärke von 25 Schülern an staatlichen Schulen ist dies einfach nicht möglich. Im Endeffekt ist es doch egal, wann Kinder schreiben lernen, irgendwann lernen sie es von ganz allein.”

An der SdLP können sich die Schüler allein, mit Mitschülern oder durch ein Angebot aussuchen, was sie lernen wollen. Sogenannte Freiarbeitsregale bieten ausreichend Bildungsmaterial zu allen Fächern und Themenbereichen. Für die älteren Kinder gibt es in Hinblick auf ihren Abschluss spezielle Unterrichtsverabredungen und Prüfungsvorbereitungen.
Etwas, das in keinem staatlichen Schulplan steht, und das an der Schule des Lebens Potsdam intensiv gelehrt wird, ist, dass die Schüler lernen, sich selbst zu organisieren, demokratisch miteinander umzugehen und über Bedürfnisse zu reden.

“Wir müssen dem Ministerium unsere Gleichwertigkeit zu den staatlichen Schulen garantieren”, erklärt Grit Hübener. Hierfür haben die Lernbegleiter ein Kompetenzraster entwickelt, an dem sich die Schüler orientieren können.
Beispiel: Niveau C – Schüler hört einen Text und kann Informationen wiedergeben, die er wichtig findet.
Auf einer höheren Niveau-Stufe, zum Beispiel F, kann der Schüler Widersprüche in Aussagen prüfen.
Alle sechs Monate erhalten die Eltern zudem einen Brief, in dem die schulischen Leistungen ihrer Kinder dokumentiert werden. So wissen auch die Eltern, wo ihre Kinder gerade stehen.

Bei aller Autonomie herrscht an der SdLP aber auch eine gewisse Wochenstruktur. Nach einem Morgenkreis gibt es eine 180-minütige Intensivlernzeit, in der die Kinder Lernangebote wahrnehmen oder an ihren selbst gewählten Themen forschen können. Zudem überlegen sich die Kinder Projekte, die sie zunächst ausarbeiten, dann an eine Pinnwand heften und über die abschließend in der Schulversammlung abgestimmt wird. Diese Abstimmung erfolgt nicht wie in den meisten demokratischen Schulen per Mehrheitsbeschluss. Die Schule des Lebens Potsdam hat sich für das soziokratische Modell entschieden: für einen Konsent statt Mehrheitsbeschluss. Alle Bedenken werden gehört und gemeinsam so lange an einer Lösung gearbeitet, bis es keine schwerwiegenden Einwände mehr gibt. Einmal in der Woche findet diese Schulversammlung, in der auch alle Regeln für den Schulalltag festgelegt werden, mit allen Schülern, Lernbegleitern und zwei Elternvertretern statt. Erst letztens haben die größeren Kinder einen Ausflug zur Grünen Woche nach Berlin geplant. “Wir nehmen auch ein Falschfahren in Kauf, wenn die Schüler alles selbst organisieren”, erklärt Lernbegleiter Hans. Auch hier ist wieder der Weg dahin wichtiger als das Ziel. Demnächst soll es ins Spaßbad nach Brandenburg gehen. Jeden Freitag findet zudem bei Wind und Wetter ein Waldtag in den Glindower Alpen statt, jeden zweiten Mittwoch geht es ins Extavium nach Potsdam.

“Zur Zeit sind unsere Schüler noch in drei Gruppen unterteilt, das macht die Planung etwas einfacher”, erklärt Hans, der Lehramt studierte und ein Staatsexamen für die gymnasiale Oberstufe hat. Zuletzt arbeitete er in Berlin an der Montessori Schule. “Etablierte Strukturen bieten wenig Raum für Veränderungen und neuen Input. Hier in  Werder ist das Maß der Mitgestaltung nicht zu übertreffen”, freut sich Hans über die neuen Möglichkeiten an der SdLP.

Gemeinsam mit ihm sind noch neun weitere Lernbegleiter an der SdLP tätig. Jeder von ihnen hat andere Fähigkeiten, um mit den Kindern zu arbeiten. Neben studierten Pädagogen sind auch Quereinsteiger als Lernbegleiter aktiv. Das ist vielleicht eine der wenigen Parallelen zu staatlichen Schulen.

Insgesamt gibt es 200 demokratische Schulen weltweit, 14 davon sind in Deutschland. Die Schule des Lebens Potsdam in Werder (Havel) hat gerade ihr erstes Halbjahr hinter sich. “Für die kurze Zeit, sind wir alle sehr zufrieden. Die Kinder sind glücklich und wir sind im Soll bei unserem Finanzplan”, erklärt Grit Hübener. “Wir mussten alle erst dazu lernen und dafür läuft es schon sehr professionell.” Doch wie jedes andere Unternehmen muss auch die demokratische Schule in der Mielestraße erstmal in Gang kommen. Die 347 Quadratmeter sind hierfür leider nicht unbedingt die geeignetsten. “Wir sind dem Vermieter so dankbar, dass wir die Räume hier bekommen haben, aber die Situation ist natürlich nicht optimal.” Die Nachbarmieter benötigen ihre Ruhe, sodass die Kinder nur unter Aufsicht und auf Zehenspitzen durch das Treppenhaus gehen dürfen. Sie dürfen nicht rennen, nicht toben, müssen im Hausflur flüstern und auch das Klavier im Musikraum kann nicht bespielt werden. “Dies widerspricht natürlich komplett dem Konzept des freien Lernens, wenn die Kinder nur in Begleitung raus dürfen. Aber wir haben kein Außengelände, keinen Spielplatz direkt am Haus, und da wäre es zu gefährlich, die Schüler unbeaufsichtigt draußen umher toben zu lassen.”

Um dies in Zukunft zu ändern, ist die Schule des Lebens Potsdam auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. “Wir hatten schon ein geeignetes Grundstück im Auge, leider ist der Verkäufer trotz unterschriebenem Kaufvorvertrag abgesprungen”, erzählt Grit Hübener. “Aber wir führen schon neue Gespräche zu einem anderen Objekt. Das ist alles noch nicht spruchreif, aber wenn das mit dem Grundstück klappt, können wir dort unsere Gebäudevision bestens verwirklichen. Vorerst haben wir aber beantragt, die Räumlichkeiten in der Mielestraße bis 2028 nutzen zu dürfen. Es besteht also nicht die Gefahr, dass wir und die Kinder auf der Straße sitzen.”

Wie ist die Prognose für die Schule des Lebens Potsdam? “In dem zurückliegenden ersten halben Jahr haben wir Beziehungsaufbau betrieben. Jetzt werden die passenden Strukturen entwickelt. Aus den derzeit 18 Schülern sollen im vierten Jahr schon bis zu 57 Schüler werden. Für das neue Schuljahr liegen bereits 52 neue Anmeldungen auf dem Tisch für jeweils fünf Plätze im Grundschul- und im Sekundarbereich. Das Interesse für unsere demokratische Schule ist also groß”, freut sich die Geschäftsführerin der Schule.

In den ersten drei Jahren bekommt die Schule des Lebens Potsdam in Werder (Havel) keinerlei Förderung, sie muss sich finanziell selbst tragen. Erst im vierten Jahr erhält die demokratische Schule Geld, jedoch nur 65 Prozent von dem, was eine staatliche Schule erhält. Aus diesem Grund zahlen die Eltern im Durchschnitt 120 Euro im Monat, damit ihr Kind hier zur Schule gehen kann. Dazu kommen Spenden und Fördermittel. Im vergangenen Jahr wurden 5000 Euro durch die „Aktion Mensch“ für das behindertengerechte WC und 8.400 Euro vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport für die IT-Struktur und Medienausstattung bewilligt. Einmal im Jahr werden zusätzlich 100 Euro Materialgeld fällig und die Eltern verpflichten sich, 40 ehrenamtliche Stunden zu leisten. “Die Eltern unserer Schüler sind eine wichtige Stütze für unsere Schule. Sie sind Teil des Schulkonzeptes. Letztens ist zum Beispiel die Spülmaschine kaputt gegangen. Einige Eltern haben sich bereit erklärt, die alte Spülmaschine zu entsorgen und die neue abzuholen und anzuschließen. Zusätzlich helfen sie auch beim Betreuen mit oder unterbreiten eigene Angebote. Das fällt unter diese 40 ehrenamtlichen Stunden. Da kommen die meisten Eltern aber drüber”, erklärt Grit Hübener.

Eine weitere wichtige Säule sind die sogenannten Bürgschaften. Bis zum 20. Juli muss die Schule des Lebens Potsdam dem Ministerium Bürgschaften im Wert von 150.000 Euro nachweisen für das nächste Schuljahr. “Für jeden neuen Schüler gilt, dass pro Sorgeberechtigten Bürgschaften über 7.500 Euro beschafft werden müssen. Das klingt erstmal unglaublich viel, bei einem Elternpaar sind das schließlich 15.000 Euro. Dies ist jedoch nur als Sicherheit für die Bank gedacht. Bisher ist noch keine freie Schule insolvent gegangen, das Geld existiert quasi nur auf dem Papier.”

Der Mindestbetrag für eine Bürgschaft sind 500 Euro, maximal kann eine Person 3.000 als Bürgschaft nachweisen. Hier sind also auch Bekannte, Verwandte, Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder gefragt. “Wir wollen auch Menschen erreichen, die vielleicht selbst keine Kinder haben, aber unsere Vision, die Demokratie von Kindesbeinen an zu stärken, unterstützen möchten”, ergänzt Grit Hübener. “Ich stehe auch jederzeit für Fragen aller Art telefonisch zur Verfügung!”

Die Schule des Lebens Potsdam möchte sich zukünftig auch um eine Kindertagesstätte mit 25 Plätzen erweitern, sollten die Gespräche für das neue Grundstück positiv verlaufen. Dann können schon die Kleinsten von dem soziokratischen Konzept profitieren. Soziokratie bedeutet, dass nicht allein die Mehrheit entscheidet, sondern dass ein Ignorieren von Bedürfnissen strukturell vermieden wird. Eine bessere Investition in unsere Zukunft kann es kaum geben. (wsw)