Genuss-Manufaktur auf Werders Insel

„Hätte man mir vor vielen Jahren gesagt, dass ich später einmal in Werder meine berufliche Zukunft finden werde, hätte ich wahrscheinlich kopfschüttelnd gelacht“, schmunzelt Michael Scheibe. Wir besuchen den 38-Jährigen in seinem Kaffee Kontor im historischen Lendelhaus.

Werder (Havel), 22. Februar 2021 – Das alte, geschichtsträchtige Gebäude an prominenter Stelle auf Werders Insel beherbergt seit Oktober 2020 ein Paradies für Liebhaber feinster Kaffee-Köstlichkeiten. „Mit unserem Kaffee Kontor sind wir im vergangenen Jahr direkt von Null auf 100 durchgestartet. Wir tragen uns schon nach den ersten Monaten selbst. Offensichtlich haben wir mit unserem Angebot den Geschmack der Werderaner getroffen“, freut sich Michael Scheibe.  

Der Innenraum versprüht internationales Kaffeehaus-Flair.

Mit Glück hat der Erfolg nur wenig zu tun. Michael Scheibe ist in der Gastronomie kein Unbekannter. Viele Jahre arbeitete der gebürtige Werderaner für LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE, den weltweiten Branchenführer der Luxusgüterindustrie. 

Angefangen hat alles mit einem Studium der Wirtschaftspädagogik in Berlin. Nebenher jobbte der junge Student in einer Eventagentur, sein großes Hobby: Spirituosen. „Das mag jetzt vielleicht etwas seltsam klingen, aber ich liebe alles Hochprozentige. Schon bei kleinen Mengen der Brände, passiert geschmacklich ganz viel“, verrät uns Michael. Sechs Wochen ist er nach seinem Studium dann, nur mit einem Rucksack bepackt, durch Schottland marschiert. 26 Destillerien hat er sich in dieser Zeit angeschaut und natürlich auch den einen oder anderen feinen Tropfen probiert. „Als ich wieder zurück in Deutschland war, wollte ich natürlich allen von meinen Erfahrungen berichten, und so habe ich im Pub à la Pub in der Breiten Straße in Potsdam Whiskyverkostungen angeboten.“ 

Durch Events im Berliner KaDeWe wurde LVMH auf Michael Scheibe aufmerksam. Im Jahr 2009 war er mit gerade einmal 27 Jahren der jüngste Markenbotschafter für Single Malt Whisky in Deutschland. „Ich habe Barkeeper und Sommelier geschult, habe auf Messen gearbeitet und eine Weinfachberater-Ausbildung gemacht. Dann war ich von 2013 bis 2018 fest im LVMH-Konzern angestellt und habe im Sales-Team die Gastronomie von Berlin betreut.“

Doch eine funktionierende Work-Life-Balance ist in so einem großen Konzern mit großer Verantwortung wahrlich nicht einfach. „Als mein heute zehnjähriger Sohn noch klein war, war ich unglaublich viel in Deutschland unterwegs. Während der Elternzeit meiner Tochter im Jahr 2017 bin ich dann zu dem Entschluss gekommen, dass eine 60-70 Stunden Woche im Angestelltenverhältnis nicht mehr das richtige für mich ist.“

Gesagt getan, kündigte er sein Arbeitsverhältnis und ließ fortan Champagner, Whisky und Jet-Set hinter sich. Am 1. April 2018 pachtete Michael Scheibe das Hotel Prinz Heinrich in der Fischerstraße, direkt am Wasser. „Das Hotel läuft wirklich super und viele Gäste, nicht nur von außerhalb, genießen den Blick von unserer Havelterrasse“, freut sich der Unternehmer. 

Doch dann kam die Pandemie und mit ihr verbunden zahlreiche Einschränkungen für das Gastronomie- und Hotelgewerbe. „Als wir im März 2020 die Nachricht erhielten, dass wir schließen müssen, war das natürlich erstmal ein Schock. Doch aus unternehmerischer Sicht war uns schnell klar, dass Corona keine Eintagsfliege ist, sondern uns länger begleiten wird. Wir mussten also lernen, mit den Einschränkungen umzugehen. Um über die Runden zu kommen, mussten wir uns ein zweites Standbein aufbauen, doch an Kaffee war da noch nicht zu denken“, erinnert sich Michael. „Wir waren auf der Suche nach einer neuen Rösterei, die uns Kaffee für das Hotel liefern sollte. Mit unserem vorherigen Zulieferer aus Berlin waren wir nicht mehr ganz so zufrieden, etwas lokales musste her. Tja, und dann kam uns die Idee, einfach selbst zu rösten und den Kaffee dann im Hotel anzubieten.“ 

Schnell war der Kontakt zum Lendelhaus hergestellt – in der Werderaner Gastronomie- und Hotelszene ist man bestens vernetzt – und somit stand zeitnah fest: Ein Kaffee Kontor sollte das zweite Standbein werden. 

„Seit ich denken kann, finde ich alles Sensorische unglaublich spannend, und Kaffee ist mit seinem Duft und seinem Aroma hier natürlich keine Ausnahme. Meine Frau und ich sind schon lange Kaffeeliebhaber und immer auf der Suche nach neuen Röstereien und Kaffees gewesen. Eine Kaffeebohne von Grün auf Braun zu rösten, bekommt man auch mit der Pfanne zu Hause hin, das schmeckt dann halt nur nicht besonders gut und eine konstante Qualität erreicht man damit auch nicht. Also musste ich mich erstmal in die Thematik des Röstens einlesen“, beschreibt Michael die Anfänge.

Die Kunst des Kaffeeröstens kann man in keinem Studium erlernen, sondern nur durch Ausbildungen und Workshops. „Ich habe meine Röstmeisterausbildung in Stendal gemacht. Schwierig ist, dass dir keiner erzählt, wie es richtig funktioniert – Betriebsgeheimnis. Fundierte deutschsprachige Literatur gibt es hierzu auch nicht. Ich habe mir englische Literatur besorgt und nehme zur Zeit an einem holländischen Onlinekurs teil, für den ich abends am Rechner Workshops via Zoom absolviere. Aber wenn man keine zehnjährige Rösterhistorie mitbringt, fällt des Vernetzen mit den anderen Röstmeistern schwer.“  

Doch auch ohne Vernetzung konnte Michael für seinen Kaffee Kontor eine großartige Auswahl verschiedener Kaffeesorten zusammenstellen. Sein Erfolgsrezept? „Schmecken, schmecken, schmecken. Und das immer wieder. Man kann schnell aus einem sehr guten Kaffee ein echt schlechtes Getränk machen – umgekehrt geht das nicht. Einmal die Woche brühen wir alle Kaffeesorten auf und probieren uns durch. Nur so schult man den Geschmack. Mittlerweile sind wir alle ganz gut trainiert, aber wir befinden uns natürlich immer noch in der Lernphase.“ 

Zu wissen, ob die Bohne nun links oder rechtsrum, vorne heiß und hinten flach geröstet werden muss, gehört zum Lernprozess dazu. Und da es sich bei der Kaffeebohne um ein Naturprodukt handelt, ändern sich die Eigenschaften von Charge zu Charge. „Ich vergleiche das Kaffeerösten gerne mit einem großen Mischpult für Musik. Auf diesem Mischpult gibt es unzählige Knöpfe, die man verstellen kann. Wenn man keine Ahnung hat, ist es zwar durchaus möglich, gute Töne zu treffen, die Chance ist jedoch recht gering, die gleiche Melodie noch einmal zu spielen. Und um bei der musikalischen Metapher zu bleiben: Ich sehe unsere Kaffeesorten als erfolgreiche Solisten aus Brasilien, Guatemala, Kolumbien, Peru, Nicaragua und Kenia. Ihre Bandbreite reicht von mild und nussig bis hin zu schokoladig kräftig. Doch gelegentlich muss es auch mal die ganze Band und nicht nur ein Solist sein. Hierfür haben wir die Kaffeesorten ‚Sonntagskaffee‘, ‚Blütenstadt‘, ‚Friedrich der Große‘ und ‚Havelperle‘ komponiert.“ Und das mit Erfolg: Allein zwischen dem 10.10.2020 und dem 31.12.2020 wurden im Kaffee Kontor 1500 Kilogramm Kaffee verkauft.

Zur Zeit röstet der Kaffee Kontor noch in einer Lohnrösterei in Stendal, die Produktion ist also ausgelagert. Doch schon im März zieht ein 500-Kilo-schwerer Röster in das Lendelhaus ein. „Es passen etwa 10 Kilo Rohkaffee in den Röster, ein Röstvorgang dauert zwischen 15 und 20 Minuten, bis die Bohnen knacken“, erklärt der Werderaner Röstmeister. Bei dem erfolgreichen Absatz der verschiedenen Kaffeesorten wird es rund um das Lendelhaus wahrscheinlich sehr oft köstlich nach gerösteten Kaffeebohnen duften. 

Neben allerlei Kaffee-Spezialitäten gibt es im Kaffee Kontor auch noch selbst gemachten Kuchen, Limonade und Säfte zum Genießen sowie Allerhand zum Staunen, wie zum Beispiel historische Kaffeemühlen und Kunstwerke des ansässigen Malers Peter-Josef Weymann.

„Ich backe die Kuchen tatsächlich alle selbst. Nicht aus reiner Backlust, sondern weil es einfach kein vergleichbares Industrieprodukt gibt, das unsere Ansprüche erfüllt. Wir setzen nicht nur bei unserem Kaffee hohe Standards, sondern bei allem, was wir hier im Kontor und auch im Hotel Prinz Heinrich anbieten. Gerade der Bezug zum Lokalen ist uns wichtig. Die Tische und die Theke hier im Kontor stammen z.B. von Ziemann Metallbau aus Werder“, erklärt uns Michael bei einem Rundgang durch seine Räumlichkeiten im Lendelhaus. „Wir verkaufen hier nicht einfach nur Kaffee, sondern einen Gesamteindruck.“ 

Der „Sonntagskaffee“, die „Havelperle“ und ihre koffeinhaltigen Companions sind auch im Derwitzer Hofladen, auf dem Obsthof Lindicke, im Petzower Sanddorngarten und im Edeka-Markt von Katrin Schneider erhältlich. „Hier im Kontor sind wir ein Team von fünf Personen. Wir füllen unseren Kaffee alleine ab und bekleben die Kaffeetüten selbst. Es ist reine Handarbeit. Das Team, mit dem ich zusammenarbeite, ist wirklich großartig! Glücklicherweise sind wir so gut ausgelastet, dass trotz Lockdown alle Mitarbeiter in Lohn und Brot stehen. Wir suchen sogar noch neue Mitarbeiter für das Kontor und das Hotel“, verrät der Geschäftsführer. 

Die Betriebsleitung des Kontors wird Michael Scheibe in naher Zukunft an Bruno van Dyck abgeben. Der Franzose lebt in Werder (Havel) und kann auf eine facettenreiche Gastronomie-Erfahrung zurückblicken. Michael wird sich dann wieder auf das Hotelbusiness fokussieren.

Bruno van Dyck ist der zukünftige Betriebsleiter des Kaffee Kontors Werder

Sobald das Kaffee Kontor wieder seinen Gastraum öffnen darf – bisher sind nur Außer-Haus-Verkäufe erlaubt – sollen in den stilvollen Räumlichkeiten mit historischem Charme Kaffeeverkostungen und Baristakurse stattfinden. „Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man im Sommer den Innenhof mit Saxophon-Musik bespielt, einen schönen Riesling anbietet und einfach gemeinsam mit den Gästen eine stimmungsvolle Zeit hat. Momentan steht natürlich unser Kaffee im Vordergrund und den machen wir auch ziemlich gut“, schmunzelt der 38-Jährige. 

Eine Arbeitswoche, die über die Regelarbeitszeit von etwa 40 Stunden hinausgeht, hat Michael Scheibe auch heute noch. „Ich kann heute aber viel abends machen, wenn die Kinder schlafen. Dafür können wir morgens gemeinsam frühstücken. Das ist für mich purer Luxus. Und ich habe eine tolle Frau, die mir den Rücken stärkt. Einer meiner ersten Chefs sagte mir einmal: ‚Gehe morgens gerne zur Arbeit und beeile dich, nach Hause zu kommen.‘ An diese Devise halte ich mich.“ 

Zum Abschluss wollten wir von Michael noch wissen, welches denn sein Lieblingsgetränk ist, wo er doch so viele Erfahrungen mit Whisky, Champagner und Kaffee hat? „Es gibt so viele unterschiedliche Momente, in denen ich unterschiedliche Getränke bevorzuge. Ich liebe einen sensationellen Kaffee am Morgen oder ein Glas Champagner begleitend zu Austern. Und manchmal muss es einfach ein kühles Bier sein. Aber meistens trinke ich Wasser.“ (wsw)