Hinter jedem Schnitzel steckt ein Tier

„Ich komme nur mit, wenn ich nicht in Berlin leben muss!“ - Das war die Bedingung von Jochen Fritz, als seine Frau beruflich von Baden-Württemberg in die Hauptstadt umsiedeln musste. Über allerlei Umwege sind sie dann im schönen Werder (Havel) sesshaft geworden.

Jochen Fritz und Leitbulle Otto, Fotos: wsw

Werder (Havel), 11. März 2019 – Jochen Fritz und seine Frau Rahel Volz leben gemeinsam mit ihren vier Söhnen in der Blütenstadt und betreiben den Biohof Werder. Doch dies machen sie nicht alleine. Als Partner hat Jochen Fritz Roland von Schmeling an seiner Seite. Die beiden haben sich durch einen gemeinsamen Bekannten von der Werderaner Waldorfschule kennengelernt und sich das erste Mal beim Besichtigen der Schuffelgärten getroffen. Die beiden Männer waren sich nicht nur sofort sympathisch, sondern beide einte auch die Idee eines eigenen Biohofes. Jochen Fritz hat während seines Studiums bereits auf vielen Höfen gearbeitet und absolvierte zudem eine Ausbildung zum Landwirt. Roland von Schmeling kann fast 20 Jahre Erfahrung in einem Demeterbetrieb vorweisen. Diese geballte Landwirtschaftkompetenz sollte nun in einem hier in der Region einmaligen Bioprojekt gebündelt werden. „Als wir erfuhren, dass ein Landwirt aus Leest eine Fläche in Wolfsbruch abzugeben hat, wussten wir sofort: Das machen wir jetzt zusammen!“, erinnert sich Jochen Fritz. Das ist nun knapp vier Jahre her. Gestartet ist der Biohof Werder mit zwei Wasserbüffelkühen und zwei Kälbern. Über eBay-Kleinanzeigen haben sie zudem eine fünf Hektar große Kirschbaumplantage am Panoramaweg in Glindow erworben, auf der im Sommer nicht nur die Kirschen blühen, sondern die ganzjährig rund 350 Hühnern ein ideales Zuhause bietet. In umgebauten Bauwagen können die Hühner und Hähne bei Witterung Schutz suchen, aber sich auch zu allen Jahreszeiten draußen aufhalten. Und auch die Wasserbüffel, deren Herdenstärke im Laufe der letzten Jahre auf 30 Tiere angewachsen ist, haben in Plessow ideale Lebensbedingungen.

Als Starthilfe hatten die beiden noch die Familie Querhammer an ihrer Seite. „Ohne das Know How der Familie Querhammer hätten wir den Weg in die Selbstständigkeit nicht geschafft“, ist Jochen Fritz dankbar.

Wie viel Arbeit hinter einem Biohofbetrieb steckt, kann man nur erahnen. Wir durften Jochen Fritz bei unserem Besuch einmal beim Versorgen der Tiere begleiten und uns selbst einen Eindruck davon machen, wie gut es ihnen geht. Zwei Stunden dauert so eine Runde. Als wir in Plessow ankommen, ist von der Wasserbüffelherde erstmal nichts zu sehen, so groß ist das Areal für die prächtigen Tiere. Doch nach einigen Rufen kommen sie dann doch gemütlich aus der Ferne angetrabt. Zwischen den 14 Muttertieren und den Bullen springen vergnügt viele kleine Kälbchen umher. Auf die Frage, ob es ihm immer noch nahe geht, wenn ein Tier zum Schlachter gebracht wird, antwortet Jochen Fritz: „Natürlich bewegt es mich, wenn ein Tier geschlachtet wird. Aber das ist der Deal. Ich kümmere mich darum, dass die Tiere zweieinhalb Jahre ein sorgen- und stressfreies Leben haben und abschließend einen würdevollen Tod erhalten, und dafür bekommen wir ihr Fleisch.“ Geschlachtet werden die Wasserbüffel in Bad Belzig, zerlegt in der Döberitzer Heide. Man merkt in dem fast liebevollen Umgang deutlich, wie viel Respekt Jochen Fritz vor seinen Tieren hat. Die Haltung der Wasserbüffel in Plessow ist ein gutes Beispiel, wie man sich im Umgang mit Tieren verhalten sollte. Die Massentierhaltung sieht solch einen würdevollen Umgang leider nicht vor. „Unser Fleisch ist natürlich teurer als das aus dem Supermarkt. Zwischen 15 und 50 Euro kostet das Kilo“, erklärt der Biobauer. „Die Verbraucher sollten aber in gutes Fleisch investieren und dafür weniger Fleisch essen. Artgerechte Tierhaltung kostet einfach mehr.“

Nachdem die Wasserbüffel mit Wasser und Heu versorgt sind, geht es weiter auf den Panoramaweg. Laut gackernd begrüßen uns Hunderte Hühner, die beim Eintreffen des Autos sofort aus den Bauwagen hüpfen oder aus der Ferne angelaufen kommen. Die Hühner, die hier leben, sind eine zwei Nutzungsrasse. Sie geben nicht nur Eier, sondern können nach 15 Monaten auch als Suppenhühner verkauft werden. Ein Ei kostet 50 Cents, auch das ist im Vergleich zum Supermarktangebot etwas teurer. Das liegt daran, dass die Rasse etwas teurer ist in der Anschaffung (dafür werden die männlichen Küken aber nicht getötet, sondern als Brathähnchen verkauft) und sie geben weniger Eier als die „Supermarkt-Hühner“.
„Unsere Vision sind 800-1000 Hühner. Wir erhoffen uns, dass die Hühner die Kirschbäume auch vor der Kirschfruchtfliege, deren Maden im Boden leben, größtenteils schützen“, so Jochen Fritz. Die Kirschen sind zur Zeit noch ein Risikogeschäft. Im ersten Jahr hatte die Plantage noch keine Bio-Zertifizierung, im zweiten Jahr hat die Kirschfruchtfliege den Bestand zerstört und im dritten Jahr gab es erheblichen Ausfall durch Frost. Im letzten Jahr gab es dann allerhand Kirschen, aber durch den heißen Sommer fiel die Pflücksaison von sechs auf drei Wochen, sodass das Team rund um Fritz und von Schmeling gar nicht so schnell die Kirschen pflücken konnte. „Wir sind fast die einzigen, die noch Biokirschen anbieten. Im Biobereich gibt es zur Zeit kein zugelassenes Spritzmittel, sodass wir nur hoffen können, dass die Hühner die Maden der Kirschfruchtfliege aufpicken. Doch wie viele Hühner wir für die fünf Hektar benötigen, wissen wir noch nicht.“ Peu á peu wird wahrscheinlich auch diese Kirschplantage zu einer Obstwiese umgewandelt.

Jedes Jahr zum Baumblütenfest findet auf einem kleinen Festplatz auf der Plantage ein tolles Programm statt. So werden auch in diesem Jahr wieder das Ton und Kirschen Theater die Besucher begeistern, eine Blaskapelle aus Franken für Stimmung sorgen und eine Strohhüpfburg den Kleinsten viel Spaß bringen. Zusätzlich wird Wasserbüffel-Watching und ein Besuch bei den Hühnern angeboten. Kuchen, Brote, Suppen, Wasserbüffel-Würstchen und der eigens für die Baumblüte hergestellte Kirschwein lassen auch kulinarisch keine Wünsche offen.

„Unser Biohof ist kein klassischer Vierseitenhof in Familienbetrieb“, erklärt Jochen Fritz. „Wir haben sozusagen einen Hof ohne Hofstelle. Wir verkaufen unsere Eier zukünftig über unseren Eierautomaten in der Eisenbahnstraße 158 und das Büffelfleisch über eine E-Mail-Verteilerliste, wir beliefern aber auch Unternehmen und Einrichtungen wie zum Beispiel das Uferwerk und die Waldorfschule in Werder sowie die Markthalle 9 in Kreuzberg, die Brandenburgerie in Prenzlauer Berg und den Regionalladen ‚Speisegut’ in Gatow.“ Perspektivisch möchten die Familien Fritz/Volz und von Schmeling gerne eine Hofstelle in Plessow etablieren.

Zur Finanzierung diese ehrgeizigen Bio-Projekts haben sich Jochen Fritz und Roland von Schmeling etwas besonderes ausgedacht. Für 500 Euro kann man sogenannte Genußscheine erwerben, die in Naturalien verzinst werden. Das Geld können die Biobauern in die Aufzucht ihrer Tiere stecken. „Die Genussscheine werden sehr gut angenommen. Generell ist die Resonanz auf unseren Biohof durchweg positiv. Die aktuelle Slowfood-Bewegung bietet einen wichtigen Gegensatz zur Massenproduktion. Egal, ob es dabei um Gemüse oder um tierische Produkte geht – den Menschen muss bewusst werden, was sie essen und woher ihr Essen stammt. Hinter jedem Schnitzel und jeder Boulette steckt auch immer ein Tier“, appelliert Jochen Fritz.

Als Wunsch für die Zukunft verrät uns der engagierte Biobauer: „Ein Biohof ist auch immer ein Sozialprojekt mit tollen Begegnungen, Bekanntschaften und Freundschaften. Ich würde mich freuen, wenn der Kontakt zu den örtlichen Bauern noch intensiviert werden würde, und dass die landwirtschaftlichen Betriebe erhalten bleiben.“ (wsw)