Keine „Eskalation“ und keine „Eiszeit“

Werder (Havel), 16. August 2018 – Zu den Plänen des Landkreises Potsdam-Mittelmark, Flüchtlinge in einem ehemaligen Lehrlingswohnheim in Werder (Havel) unterzubringen, richtete der 1. Beigeordnete der Stadt Werder (Havel), Christian Große, in der vergangenen Woche erklärende Worte direkt an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt.

Auf der Internetseite der Stadt beklagte er dabei den Mangel an Kommunikation des Landkreises und kündigte an, die vom Landkreis für Oktober angekündigte Eröffnung des Flüchtlingsheims und der geplanten Bürgerinformationsversammlung nicht unterstützen zu können, weil der Stadt noch immer relevante Informationen fehlen. Darauf hatte Große bereits schon im Juni 2018 hingewiesen, wir haben hier darüber berichtet. Getan hat sich offensichtlich nicht viel – auch der Fragenkatalog der Bürgermeisterin Manuela Saß vom April 2018 u.a. zum Heimkonzept sei durch den Landkreis bislang noch nicht schriftlich beantwortet. „Werder ist tolerant und weltoffen, wir sind ein Ort der Vielfalt und bereit, hilfsbedürftige Flüchtlinge willkommen zu heißen“, so Große. Ohne umfassende Informationen könne sich die Stadt jedoch nicht auf die Gemeinschaftsunterkunft vorbereiten.

Zeitungen berichteten unterdessen, dass der Streit um die Flüchtlingsunterkunft in Werder „eskaliert“ sei, eine „Eiszeit“ zwischen Landratsamt und Werder sei ausgebrochen. Dem sei nicht so, versichert Christian Große gegenüber wirsindwerder.de. Das sei „totaler Quatsch“, Fakt sei allerdings, so Große, „dass es leider noch nicht genügend Informationen“ gebe. Die benötigt die Stadt aber dringend, um auch die Bürger mitzunehmen. „Integration funktioniert nur, wenn man auch die Vorbehalte ernst nimmt“. Zum jetzigen Zeitpunkt sei vieles ungewiss, auch was Sicherheits- und Integrationsfragen angehe. „Wir bitten den Landkreis, bis zur Klärung auf eine Eröffnung zu verzichten“, so der 1. Beigeordnete. Zu den offenen Fragen gehörten unter anderem das Konzept, die Belegung und ein Integrationskonzept. Die Stadt sei immer gesprächsbereit, versichert Große. Es gibt und wird auch weiterhin Gespräche mit dem Landratsamt geben.

Bislang sei der Stadt jedoch auch nur ein vager Termin für den Einzug bekannt: Oktober. Dass das Landratsamt für September eine Einwohnerversammlung ankündigte, habe man auch erst aus der Zeitung erfahren.
Zu einer vorausschauenden und umsichtigen Zuwanderungsstrategie des Landkreises gehöre, dass man die Ängste, die es gibt – zu Recht oder nicht, – ernst nimmt und den Menschen erklärt, wer wann und woher kommt. Das sei das Mindeste, so Große. „Wie will man die Integration schaffen in einer Stadt, in der Kita-Plätze Mangelware sind“, verwies er beispielsweise auf ein drängendes Problem Werders. Und wenn, wie die Stadtverwaltung auch aus der Presse erfuhr, bis zu 240 Menschen einziehen sollen, dann kann man ja davon ausgehen, dass darunter auch Kinder und Jugendliche im Kita- oder Schul-Alter sind. „Wie sollen wir uns auf diese Situationen vorbereiten, wenn wir nicht wissen, wer und wie viele kommen“, fragt Große. Er würde gern Antworten geben, könne es aber leider nicht. „Es wird unmöglich sein, bis Oktober pädagogisches Personal dafür zu bekommen, geschweige denn in einer schon angespannten Situation die räumlichen Kapazitäten zu schaffen.“

„Ich weiß, dass die Werderaner immer offen sind und Integration unterstützen – die Werderaner erwarten aber genauso, dass sie ehrlich informiert und die Fragen beantwortet werden. Und das kann ich momentan nicht“, bedauert Große.

Unterdessen haben sich ehrenamtlich tätige Werderaner Bürger zum Streit des Landkreises Potsdam-Mittelmark und der Stadt Werder (Havel) „auf dem Rücken von hilfebedürftigen Menschen“ beklagt.
„Wir, ehrenamtlich​e tätige Menschen, die sich um Flüchtlinge in Werder kümmern, bedauern sehr, dass die Stimmung zwischen dem 1. Beigeordneten und gleichzeitigem Flüchtlingskoordinator der Stadt Werder (Havel), Herrn Große und dem Landkreis PM derzeit auf dem Tiefpunkt ​zu sein scheint“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Die Ehrenamtlichen stellen fest, dass es aus ihrer Sicht „​politisch überhaupt nicht hilfreich ist, die derzeit vorherrschende negative Stimmung in dieser Form in die Bürgerschaft hineinzutragen – beispielsweise über die Medien und über Facebook“.

„Sollte es nicht im Interesse aller Beteiligten sein, ​direkt und miteinander an  der Lösung der offenbar verfahrenen Situation zu arbeiten, statt sich gegenseitig irgendwelches Versagen in der Vergangenheit vorzuhalten?“ – Seit dem Jahr 2015 ist es unter anderem das Ziel ehrenamtliche tätiger Menschen, in Werder  eine positive Stimmung für die​ schon damals langfristig vorgesehene​ Aufnahme der  Geflüchteten in Werder zu schaffen, heißt es weiter.  „Daher gehen wir ​davon aus​, ​dass auch die Stadt Werder bei der geplanten Bürger-Infoveranstaltung des Landkreises am 11. September 2018 mit im Boot ist. Wir​ sind sicher, dass der Flüchtlingskoordinator der Stadt Herr Ch. Große ​und die Verwaltung  der Stadt Werder dabei ​ein kooperatives ​und weltoffenes ​Verhalten und politisches Verantwortungsbewusstsein ​zeigen werden“. Das solle sich u.a. in der Bereitstellung von  gegebenenfalls erforderlichen Schulkapazitäten und Kita-Plätzen darstellen​. „Wir Ehrenamtlichen bieten weiterhin unsere Unterstützung im Rahmen unserer Möglichkeiten an und hoffen auf eine fruchtbare Zusammenarbeit im Sinne einer erfolgreichen Integration unserer neuen Nachbarn“, schließt die Pressemitteilung. (wsw)