Kunst mit vier Saiten

Mitten in Werder befindet sich in einem unscheinbaren Haus eine ganz besondere Werkstatt. Mira Gruszow und Gideon Baumblatt stellen hier in liebevoller Handarbeit Geigen, Bratschen und Celli her. Die Fertigung dieser musikalischen Unikate dauert rund sechs Monate.

Mira Gruszow und Gideon Baumblatt fertigen in liebevoller Handarbeit musikalische Unikate "made in Werder"., Fotos: wsw

Werder (Havel) – Mira kommt gebürtig aus Belgien und fühlte sich früh zum Geigenbau hingezogen. Seit ihrer Kindheit spielt sie Cello und war stets umgeben von Kunst und Musik. Ihren Abschluss machte sie 2006 an der Geigenbauschule A. Stradivari in Cremona. Hier traf sie auf ihren heutigen Lebens- und Berufspartner Gideon. Der gebürtige Berliner begann früh, auf der Geige und der Bratsche zu musizieren. Während seiner Ausbildung zum Geigenbauer erlebte er in Cremona und Mittenwald zwei der bekanntesten Geigenbauschulen der Welt. Mira arbeitete von 2007-2010 als Assistentin bei Isabelle Wilbaux in Montreal, während Gideon seine Wanderjahre in Mainz und London absolvierte.

2012 machten sie sich zusammen in Montreal, Kanada, selbstständig. Fokussierten sich die beiden damals Mittzwanziger zuerst noch auf die Restaurierung von Geigen, konzentrieren sie sich heute ausschließlich auf den Neubau. “Früher hatte man natürlich den Wunsch, für seinen Lieblingsmusiker ein Instrument zu bauen. Doch eigentlich ist gar nicht der Bau des Instruments so besonders, sondern die Zusammenarbeit mit den vielen tollen Musikern und der gemeinsame Austausch”, verrät Mira. Je besser ein Musiker ist, desto vielschichtiger und spannender ist, was die beiden aus der Zusammenarbeit ziehen können.

Ihre Instrumente werden in Musikerkreisen wertgeschätzt und sie werden von professionellen Musikern, Professoren und Studenten in Kanada, den USA und in Europa gespielt. Erst kürzlich erhielten Mira und Gideon beim Wettbewerb der Violin Society of America in Cleveland zwei Silbermedaillen und eine Doppelgoldmedaille. Dieser Sieg verschafft nicht nur Anerkennung und Respekt bei den Kollegen, sondern auch internationale Bekanntheit. “Eine Geige kauft man sich nur einmal im Leben”, sagt Gideon. “Die Musiker sprechen untereinander über ihre Instrumente, spielen auch mal auf dem Instrument eines Kollegen und so werden sie dann auf unsere Arbeit aufmerksam.“

Die vielen Auszeichnungen schmücken die Fensterbank.

Doch bis ein Musiker sein persönliches Baumblatt/Gruszow-Unikat in den Händen halten kann, ist es ein langer Weg. Die Suche nach dem perfekten Klang ist mühsam und zeitaufwendig. Ähnlich dem Versuch, Farben mit Worten zu beschreiben, müssen die Musiker den beiden Geigenbauern vermitteln, was sie sich von ihrem Instrument tonal wünschen. “Dies klappt nur in einem intensiven Austausch mit den Musikern, der oft lange vor dem Kauf des Instruments beginnt und noch darüber hinaus geht”, beschreibt Mira. “Wir entscheiden über jeden Parameter und jedes Detail und folgen dabei unserer Intuition, die sich aus Erfahrungen und Wissen um die Instrumente speist”, so die sympathische 35-Jährige weiter. Sechs Instrumente sind die Jahresproduktion und jedes dieser Instrumente kostet im unteren bis mittleren fünfstelligen Bereich. “Wir möchten auch gar nicht mehr Instrumente bauen, weil wir dann die hohe Qualität nicht mehr gewährleisten könnten”, erklärt Gideon.

Und die Qualität beginnt schon bei der Auswahl des richtigen Holzes. “Ein großer Teil unserer Arbeit ist die Suche nach dem perfekten Holz”, erklärt Mira. Bis unter die Decke stapeln sich in einem Regal die unterschiedlichen Holzstücke. Gideon nimmt eine der kostbaren Geigen in die Hand und erklärt: “Die Decke dieser Geige besteht zum Beispiel aus Fichtenholz aus den Alpen, der Boden aus rumänischem Ahorn.”

Um das passende Holz zu finden, arbeiten sie eng mit verschiedenen Holzhändlern aus der ganzen Welt zusammen. Während unseres Gesprächs trudelt eine neue Lieferung ein. Diesmal sind es fünf vollgepackte Pakete von einem Händler aus Belgien mit Holz aus Frankreich. Nimmt man eine Geige in die Hand wundert man sich, wie leicht dieses hölzerne Kunstwerk doch ist. Wofür benötigen die beiden also so viel schweres Holz? “Einige Händler kontaktieren uns direkt, wenn sie passendes Holz zur Verfügung haben und dann greifen wir natürlich gerne zu. Das Holz ist schließlich der Ursprung unserer Arbeit. Wir sind immer auf der suche nach dem perfekten Stück Holz für den ganz besonderen Klang”, erklärt Mira. “Jedes Stück Holz hat zudem andere Eigenschaften. Auch wenn mehrere Stücke aus einem Baum stammen, können sie trotzdem sehr unterschiedlich sein. Wir müssen uns immer wieder neu auf das Holz einlassen”, ergänzt Gideon.

Das Holz für die Instrumente stapelt sich bis unter die Decke.
Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Gideon und Mira leben gemeinsam mit ihren beiden Kindern im Werderaner Uferwerk. Das multigenerationelle Wohnprojekt in Werder (Havel) hat die beiden wegen seiner sozialen Vielfältigkeit und des gemeinschaftlichen Lebens sofort überzeugt, sodass sie ihre privaten Zelte in der Hauptstadt abbrachen und in die Blütenstadt zogen. Eine Werkstatt betreiben sie allerdings noch in der Spreemetropole. Gerade für den Kontakt mit internationalen Kunden ist eine Adresse in Berlin von Vorteil.

Mit anderen Akteuren hier aus der Region haben Mira und Gideon schon viele schöne Konzerte im Uferwerk veranstaltet. Ein kleines Werkstattkonzert wollten sie bei unserem Besuch leider nicht geben, aber bei dem nächsten Konzert im Uferwerk sind wir garantiert mit dabei!

Dass die beiden Lebenspartner auch im Berufsleben so gut harmonieren, liegt daran, dass sie sich unglaublich gut ergänzen. Bauten sie in ihrer Anfangszeit noch Instrumente nebeneinander und lernten voneinander, verschmolzen ihre Kompetenzen schon bald. Sie begannen, gemeinsam an einem Instrument zu arbeiten, und jeder konnte seine persönlichen Stärken individuell in die Arbeit einfließen lassen. Mira hat ein außergewöhnliches Auge für die Skulptur von Wölbungen und Schnecke, Gideon liebt das Spiel mit Farben und Effekten im Lackbild „alter“ neuer Geigen. Durch ihre eigene Musikalität schon aus Kindertagen haben sie ein hervorragendes Verständnis für den Klang der Instrumente und die Bedürfnisse der Musiker. In der Werkstatt wird ein Instrument von zwei Köpfen erdacht und vier Händen gefertigt.
„Doch wenn wir uns zu viel werden, können wir die Tür zwischen dem Werkstatt- und dem Lackierbereich auch schließen“, verrät Mira lächelnd. (wsw)