„Mama, was soll ich machen?“

Vor einiger Zeit haben wir einen Artikel über den Umgang mit Home-Schooling und Home-Office veröffentlicht. Daraufhin wurde uns ein Leserbrief zugeschickt, der die Zerreißprobe und Dauerbelastung für viele Familien näher beleuchtet. Die Verfasserin möchte anonym bleiben.

Werder (Havel), 10. März 2021 – „Mama, was soll ich machen?“, „Mama kannst Du mir helfen“, „Mama, ich versteh hier nichts“, „Mama, ich hab keine Lust mehr“! 

Diese Sätze haben Eltern, allen voran die Mütter, in den letzten Wochen zuhauf gehört. Denn seit den Weihnachtsferien hat sich der erneute Lockdown-Virus bis in die Basis der Familien geschlichen. 

Homeschooling ist nun eine neue Art der Schulpflicht, worin viele Eltern und letztendlich am meisten die Mütter eine neue Berufung entdecken durften, eine neue komplexe Form des Multitaskings als Mutter, Pädagogin, Lehrerin, Köchin, Betreuerin und Arbeitnehmerin! Emanzipation verblasst als ein Fremdwort in der Coronazeit.

Viele Werderaner Familien stellt das Homeschooling vor eine große Herausforderung, da die Eltern meist berufstätig sind und zusehen müssen, wie sie die Betreuung der Kinder in dieser Zeit gewährleisten, bzw. wie sie nach einem Arbeitstag noch die Geduld finden, gemeinsam mit den Kindern die Schularbeiten zu erledigen. Meist dauert das bis in den späten Abend hinein. 

Egal ob alleinerziehend, als Lehrerin mit Kindern oder einfach als berufstätige Mutter während Corona war es vielen nicht möglich, gleichzeitig allem gerecht zu werden und auch die weiter laufenden Anforderungen der Schule zu erfüllen. Den Kindern gerecht zu werden, in dem Verständnis, dass sie eben noch nicht selbstständig alleine über einen längeren Zeitraum Text und neuen Lernstoff erarbeiten können. 

Viele Mütter erzählten mir, dass, wenn sie bei den Aufgaben nicht anwesend waren, nichts gemacht wurde oder die Kinder nur sehr langsam vorangekommen sind. Manche Mütter opfern ihre freien Tage, damit das Küken nicht zu lange allein im Nest sitzt, andere leisten Überstunden oder streiten sich um Laptops während paralleler Videokonferenzen. 

Für mich als Alleinerziehende mit zwei Kindern und einer Selbstständigkeit im Aufbau, war es bisher mehr als frustrierend, da ich meiner Arbeit zu Hause eigentlich kaum konzentriert nachgehen konnte. Es gibt nur eine Entscheidung, entweder leidet die Arbeit oder die Aufgaben der Schule! In jedem Fall aber mein Energielevel und der Hausfrieden.

Denn das selbstständige Alleinlernen von Schülern ab der Grundschule zu erwarten, ist meines Erachtens eine sehr hohe und unrealistische Erwartungshaltung, die oft nicht mal Erwachsene leisten können. Ungeachtet dessen, dass auch das Kindergemüt unter den ganzen Lockdownregeln, der Schließung von Sport- und Unterhaltungsinstitutionen, dem Verbot von Kontakten und der extremen Einschränkung sozialen Lebens und der Unterbrechung des gewohnten Alltags leidet, scheint es wie eine Bestrafung, jeden Tag allein im Kämmerlein eine einfach nicht endende Flut von Hausaufgaben abzuarbeiten! 

Ich verstehe nicht, warum es bisher nicht möglich war, einen durchgängigen Onlineuntericht zu gewährleisten oder einfach die Situation entspannter zu sehen mit dem Lernstoff. Letztendlich müssen die Eltern alles auffangen. Eine Notbetreuung für Alleinerziehende gibt es im Prinzip ab der 5. Klasse nicht mehr, nur in gesonderten Ausnahmefällen. In unserem speziellen Fall haben leider auch die Lehrer sehr viel Unverständnis und wenig Einfühlungsvermögen aufgewiesen und es fand kein Gespräch mit den Eltern statt. 

Gleich in den ersten Tagen des nun angelaufenen Präsenzunterrichts werden Kinder kritisiert und ermahnt, weil sie nicht alle Aufgaben gemacht haben und es wurden sogar schlechte Noten verteilt für nicht erbrachte Leistungen. Dabei sollte doch eigentlich von Bewertungen der Leistungen im Distanzunterricht abzusehen sein. 

An welchen Kriterien sollte sich die Bewertung auch aufhängen? Wer hatte Hilfe, wer nicht? Wer hat Glück, dass vielleicht Verwandte vor Ort waren oder wer kann gut allein arbeiten und wer nicht? Die Kinder hatten doch keine gleichen Voraussetzungen. Manche Kinder können allein zu Hause aus Büchern lernen, die meisten können es nicht!

Für mein Empfinden wird zu wenig darauf eingegangen, dass der Schulunterricht kein Äquivalent ist zum stupiden Abarbeiten von Aufgaben. Im Präsenzunterricht wird erklärt und viel mündliche Arbeit geleistet, die Kinder müssen auch nicht so viele Aufgaben erledigen. 

Die Kinder können nichts für den Lockdown, müssen sich genauso wie die Erwachsenen an diese Situation anpassen und leiden unter den strengen Vorschriften. Sie können ihren Lieblingssport im Verein nicht mehr ausüben, haben vielleicht lange keine Freunde gesehen, sehr eingeschränkte soziale Kontakte und müssen sich auch mit den Ängsten dieser Zeit und von vielen Erwachsenen konfrontieren. 

Ich frage mich: Was macht das mit den Kindern? Merkt man es ihnen an oder verdrängen sie das? Müssen sie trotzdem weiter funktionieren und wie wird sich das alles auf ihr Verhalten und ihre Psyche in der Zukunft auswirken? 

Die Diplom-Pädagogin und systemische Therapeutin Inga Thomson von der Familienberatungsstelle Lichtblick weist auch auf die belastende Situation für die Kinder hin, die unter der Homeschoolingsituation durch zu wenig soziale Kontakte, normales Lernen und Austausch, fehlenden Sport und den Stress der Eltern durch Überlastung entstehen. 

„Jedes Kind ist anders, hat eine andere Familiensituation oder auch Fähigkeiten, bzw. Ressourcen, diese Situation auszugleichen,“ betont sie. Vor allem kann es unter gegebenen Faktoren schnell zu einer Schieflage in der Familiensituation und der Harmonie kommen.

Müsste man dem nicht schon entgegenkommen? Diese belastende Situation von Eltern und Kindern erleichtern durch einfache Lösungen? Warum ist das nicht möglich? (anonym)