Mehr Zeit für die Familien & neue Chancen für das Bäckerhandwerk

Familie Lenz: "Wir möchten unsere Qualität beibehalten und unsere Leute schützen, ihnen einen normalen Arbeitsalltag und genügend Zeit für ihre Familien ermöglichen"

Harald, Britta und Robert Lenz

Werder (Havel), 11. Dezember 2018 – Es ist Mittwoch, 10.30 Uhr, und der Stollen auf dem Tisch duftet und ist noch ganz warm. Der kommt gerade ganz frisch aus dem Ofen der Bäckerei Lenz. Wir sitzen am Tisch mit Britta, Harald und Robert Lenz, die den Familienbetrieb in der Brandenburger Straße in Werder (Havel) gemeinsam führen. Traditionsware, wie aus dem Hause Lenz, erlebt derzeit einen regelrechten Boom, versichern uns die Drei. Entegegen der Vermutung, dass die Leute sich auf Discounterware stürzen, machen sie bei Brot, Brötchen und Co. keine Kompromisse und wünschen sich Qualität und Auswahl. Traditionelle Backwaren sind gefragter denn je und Bäckereien, wie die der Familie Lenz, arbeiten an den maschinellen und vor allem an den menschlichen Kapazitätslimits. 

“Bereits vor einigen Jahren kündigte sich dieser Trend an”, erinnert sich Britta Lenz. Im Jahre 2014 saß der große Familienrat noch mit Opa und Firmengründer Siegfried Lenz zusammen und beriet gemeinsam über die weitere Entwicklung des Familienunternehmens. Trotz der Entscheidung, keine weiteren Filialen zu eröffnen, war das Wachstum nicht aufzuhalten, sodass allein durch die steigende Nachfrage acht neue Kollegen in den Familienbetrieb aufgenommen wurden. Heute sieht sich die Familie vor neuen Herausforderungen stehen. “Eigentlich wäre noch ein Bäcker nötig, um das Pensum zu schaffen”, erzählt Robert. Die Suche ist seit über einem Jahr erfolglos. Auch die Bemühungen, mit ungelerntem Personal zu arbeiten, trugen keine Früchte. 

Als Robert vor knapp 20 Jahren eine Bäckerlehrstelle suchte, war es noch anders. “Man musste schon auch Glück haben, um eine Stelle zu bekommen. Der Meisterkurs, den ich absolviert habe, war komplett gefüllt”, erinnert er sich. Heute ist der Beruf insbesondere für junge Leute wenig attraktiv. In der Backstube brennt bereits ab 1 Uhr nachts das Licht und dann ist der Zeitplan straff, um die Geschäfte bis zur Öffnung um 6 Uhr mit frischen Backwaren zu beliefern. Obwohl Familie Lenz in den letzten Jahren in neue Öfen und Maschinen investiert hat, um den Arbeitsalltag so angenehm wie möglich zu gestalten – weg von schwerer körperlicher Arbeit, wie Mehlsäcke schleppen – gehört das Bäckerhandwerk zu einem der Berufe, die heute kaum noch jemand machen oder gar erlernen möchte. 

Nicht nur die Familie, sondern auch die treuen Mitarbeiter, die teilweise schon seit über 30 Jahren im Betrieb arbeiten, sind mittlerweile an ihre Belastungsgrenzen gestoßen. Mal ein Loch zu stopfen oder eine Lücke zu füllen, sei dabei gar nicht das Problem. Die Atmosphäre untereinander ist familiär und jeder im Team trägt dazu bei, das Pensum zu schaffen wenn mal jemand ausfällt. Eine Belastung aber werde es, wenn durch die fehlenden Fachkräfte einfach kein Ende in Sicht ist und Überstunden zur Normalität werden. Lieferkunden übernimmt die Bäckerei Lenz schon lange nicht mehr. Kerngeschäft sind einzig und allein die vier Läden, in denen es trotz voller Auslastung der Backstube manchmal schon am frühen Nachmittag zu enttäuschten Kundengesichtern kommt, wenn die Ware ausverkauft ist. 

Umverteilung der Kapazitäten. 

Um den Druck auf das 22-köpfige Team abzubauen, hat sich die Familie dazu entschlossen, die Filialen an den Samstagen generell zu schließen. “Wir können unsere Kraft dadurch auf fünf Arbeitstage die Woche, nämlich von Montag bis Freitag, bündeln und sowohl unseren Mitarbeitern als auch uns selbst die nötigen Ruhepausen ermöglichen”, erklärt Harald Lenz, der selbst über 40 Jahre als Bäcker gearbeitet hat. Ganz einfach ist der Spagat zwischen den sozialverträglichen Arbeitszeiten und den Wünschen der Kunden nach immer verfügbarer, frischer Qualität und einer schönen Auswahl nicht. Ob diese “Notlösung”, die Samstage zu schließen, auf Dauer so beibehalten wird, könne man heute noch nicht sagen.

Vielleicht schafft diese neue Strategie Impulse dafür, dass der Beruf auch wieder etwas attraktiver wird. Vielen Kunden hat Britta Lenz diese nicht ganz einfache Entscheidung bereits persönlich mitgeteilt und hat überwiegend Verständnis ausgesprochen bekommen. Natürlich ist sie sich bewusst, dass sie gerade auch Stammkunden, die seit vielen Jahren ihr Frühstück mit Brötchen aus dem Hause Lenz genießen, vor den Kopf stößt und hofft, dass diese der Bäckerei trotzdem treu bleiben. 

“Wir möchten unsere Qualität einfach beibehalten und unsere Leute schützen, ihnen einen normalen Arbeitsalltag und genügend Zeit für ihre Familien ermöglichen”, erklärt Britta Lenz als aus dem Nebenzimmer ein zartes Stimmchen ruft: “Oma kommst du spielen.”  Sie steht auf, bedankt sich für das Gespräch und sagt: “Genau das sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben”. (wsw)