Mein Werder (270): Langer Heinrich

Kurz & Knackig

Name: Langer Heinrich
Alter: 43 Jahre
Wohnort: Werder (Havel)
Wie lange lebst du schon in Werder? Seit 1978

Über unsere Blütenstadt Werder (Havel)

Wie würdest du Werder einem Fremden beschreiben?
Werder ist eine sehr schöne, kleine Stadt, wie keine andere. Es gibt vieles zu erleben, sei es ein entspannter Spaziergang am Wasser, eine Bootsfahrt oder nachts mit Freunden durch die Kneipen zu streifen und zu feiern.

Was machst du so den lieben langen Tag?
Ich versorge die Bürger*innen unserer Stadt mit Mobilfunk und weise den Einheimischen sowie unseren Touristen am Tag und auch in der Nacht den Weg.

Was würdest du lieber machen?
Am liebsten wäre ich wieder ein Schornstein, der raucht, der in Betrieb ist und wieder seinen wahren Zweck erfüllen kann.

Hast du einen Lieblingsort in Werder – verrätst du uns wo?
Mein Lieblingsort ist genau dort, wo ich stehe. Dort habe ich einen Überblick über die ganze Stadt und kann bis nach Brandenburg, oder aber auch bis zum Fernsehturm nach Berlin schauen. An diesem Ort fühle ich mich wohl und würde ihn ungern verlassen wollen.

Wo muss ein Gast unserer Stadt unbedingt gewesen sein?
Historisch gesehen gern bei mir, da ich aktuell das größte Gebäude bin, das in dieser Stadt je gestanden hat. Aber natürlich lohnt sich auch ein Besuch unserer wunderschönen Altstadt sowie unserer neuen Havel-Therme, die doch etwas mehr zu bieten haben als ich 😉

Du – ganz speziell

Du bist weit über die Grenzen der Stadt sichtbar und viele Werderaner*innen verbinden mit deinem Anblick ein Gefühl von Heimat. Kannst du uns etwas über deine Entstehungsgeschichte erzählen?
Als 1973 das mit Russischem Schweröl betriebene Heizkraftwerk errichtet wurde, stand hier bis zu meinem Bau im Jahr 1978 ein knapp halb so hoher Schornstein aus Ziegelsteinen. Durch den enormen Anteil an Schwefel entstanden Rußflocken, die sich rund um das Heizkraftwerk verteilten. Dadurch wurden Autos sowie Boote verschmutzt und beschädigt. Nach fünf Jahren beschloss man, dem ein Ende zu setzen und baute einen 130 Meter hohen Neubau aus Stahlbeton, der die Abgase höher und besser in den Himmel ablassen konnte.

Im Volksmund bist du unter dem Namen „Langer Heinrich“ bekannt. Woher kommt dieser ungewöhnliche Spitzname?
Man bezeichnet höhere Gebäude gerne mal als “langer Heinrich”, daher kam der Name, der zum Schornstein auch recht gut passt. Und der Name gibt mir zudem eine nette Persönlichkeit, die hoffentlich positiv wirkt. Zuvor war ich einfach nur der “graue Turm” und das hört sich ja nicht wirklich schön an.

Bis 2002 standest du nicht alleine an deinem Standort, neben dir stand noch ein etwa 60 Meter hoher weiterer Schornstein. Kannst du uns erzählen, warum er abgetragen wurde und wie es dir seitdem so ganz alleine geht?
Nun ja, nachdem 1994 in den Havelauen der 120 Meter hohe Schornstein des Kohlekraftwerkes abgerissen wurde, musste auch mein kleiner älterer Bruder im Zuge des Kraftwerkneubaus 2002 unter einem Abriss leiden. Grund dafür war, dass die Genehmigung des Ölkraftwerkes nach der Jahrtausendwende nicht weiter verlängert wurde. Man entschloss sich, auf dem selben Gelände ein neues, kleineres Kraftwerk zu errichten und das alte große Kraftwerksgebäude von Außen zu sanieren. Und da man den kleinen Schornstein nicht mehr benötigte, wurde er abgerissen.

Seitdem ist mit mir nicht viel passiert. Über die Jahre hinweg wurde ich mit Antennen sowie mit modernen LED-Lampen, die nachts so schön Rot leuchten, ausgestattet. Ansonsten war’s das auch wieder. Der Beton bröckelt, meine rot-weiß karierte Markierung verblasst und von Sanierung will man auch nicht wirklich reden. Warum ich nicht abgerissen werde, liegt daran, dass ein Abriss mehrere Millionen kosten kann. Und außerdem nisten jährlich Wanderfalken ganz oben auf der Spitze und diese Art ist streng geschützt.

Auf deiner Instagram-Seite zeigst du dich auch gelegentlich in einem bunten oder beleuchteten Kleid. Das sind natürlich nur Foto-Montagen. Würdest du dir das auch in der Realität wünschen?
Definitiv. Als höchstes Gebäude der Stadt sollte man mein Potenzial nutzen. Es wäre die perfekte Werbung für die e.dis und würde Touristen aus aller Welt anziehen, wovon auch die Stadt, Gastronomien und Hotelbetreiber etc. profitieren würden. Aber auch Hobby-Fotografen, die nach dem perfekten Schnappschuss suchen, würde dies vielleicht freuen. Bisher kann man meinen, der Heinrich sei ein Turm zum schämen. Ich bin wie ein Kunstwerk: die einen finden mich super und schön, die anderen hässlich und abstoßend. Aber wenn man mich abreißen würde, hätte man ein riesiges Potenzial an Werbung verspielt, das man so nicht wieder bekommt.

Was wir sonst noch wissen wollen …

Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?
– eine Sanierung, die auch optisch was her macht
– dass man sich bewusst macht, was für Potenzial in mir steckt und
– dass es keinen Abriss gibt

Welche berühmte Person würdest du gern einmal treffen, bzw. sollte dich einmal besuchen?
Den französischen Künstler Daniel Buren, der auch den Geschwister-Schornstein in Chemnitz so schön gestaltet hat, welcher auch mein Vorbild ist.

Hast du ein verborgenes Talent?
Obwohl ich nur so rum stehe, schaffe ich es immer wieder, unseren Bürger*innen ein wohliges Gefühl von Heimat zu vermitteln.

Verrätst du uns noch, wer sich hinter deiner Instagram-Seite verbirgt? 😉
Ich sage mal so, ich bin ein knapp 20 Jahre “alter” junger Mann, der sich viel für Industrie und die Geschichte in der Stadt interessiert 🙂

Ob und wann genau ich mich offiziell preisgeben werde, weiß ich noch nicht. Persönlich haben mich die verschiedenen Meinungen über diesen Schornstein immer mal interessiert. Ich fand es interessant, wie sehr die Meinungen doch auseinander gehen, weshalb ich den Schornstein mittlerweile eher als Kunstobjekt sehe.

Durch diese vielen Meinungen habe ich entschlossen, die Instagram-Seite zu eröffnen, was am Anfang auch ein kleiner Gag sein sollte. Als ich dann jedoch des Öfteren Zusprüche bekommen habe, wie toll die Seite ist und dass man sich freut, dass der Schornstein endlich wieder Aufmerksamkeit bekommt, habe ich mich dazu entschlossen, dies weiter zu machen. Ab und zu teile ich Beiträge, in denen ich ihn bunt beleuchtet zeige, um zu zeigen, was er für Potenzial haben kann, wenn man sich dafür einsetzt.

Unser “Heinrich” ist ein Teil der Stadt, er prägt das Landschaftsbild, weist vielen täglich den Weg in die Heimat oder zum Bahnhof und ist so kritisch, wie so manche Kunst. Ich finde, er hat diese kleine Instagram-Seite verdient.

Und sollte er doch einmal weg sein, dann kann man sich auf meiner Seite immernoch daran erinnern, dass es ihn mal gegeben hat und er dort weiterhin aufrecht stehen bleiben wird.