Mein Werder (312): Kathrin Wunnicke-Schmid

Name: Kathrin Wunnicke-Schmid

Alter: 43

Wohnort: auf Werders schöner Insel

Seit Dezember 2015 lebe ich in Werder an der Havel.

Kinder: ein Sohn (7 Jahre alt)

Wie würden Sie Werder einem Fremden beschreiben?

Als eine kleine Stadt, vergleichbar mit dem Duft süßer, tiefroter, vollreifer Malwina Erdbeeren in dem lauen Wind, der an einem lauen Sommerabend vom Havelwasser ausgeht, den Bauch gewärmt vom Abendsonnenschein.

Was arbeiten/ machen Sie so den lieben langen Tag?

Zuhören. Wahrnehmen. Aufnehmen. Landschaft von Menschenseele beschreiben. Und als Ergebnis fertige ich Kleinserien individueller Grafiken, mittels Stift und Kohle und auch alternativer Vervielfältigungsverfahren (Monoprints, Cyanotypie und digitaler Fotografie beispielsweise). Ich lasse mich für meine Konzepte und mein Design erlesener Strickstücke inspirieren, entwickle neue Ideen für das Upcycling von Naturmaterialien oder erarbeite gerade meine Prototypen für Pullover und Strickjacken der nächsten Herbst- und Wintersaison. Die Vorbereitungen für die nächsten Ausstellungen nehmen einen großen Raum ein. Zum Beispiel am 7. und 8. Mai 2022 öffne ich wieder die Türen meines Ateliers an der Uferseite der Fischerstraße 50 auf der schönen Insel für den Publikumsverkehr.

Was würden Sie lieber machen?

Derzeit kann ich mir nichts vorstellen, was ich lieber täte.

Haben Sie einen Lieblingsort in Werder?

Bei milden Temperaturen auf meinem SUP auf dem knietiefen Havelwasser liegend, den Blick Richtung Himmel gerichtet, langsam schaukelnd auf den Wellen der vorbeifahrenden Boote.

Wo muss ein Gast unserer Stadt unbedingt gewesen sein?

Wenn er Glück hat, bei einem Freund, der Marmelade mit den heimischen Früchten kocht und ihn zu einem ausgedehnten Frühstück im Sonnenschein einlädt. Und auch im Wasser, zum Beispiel im Strandbad am Plessower See; an einem lauen Sommerabend auf der Insel, flanierend und einkehrend und wegen der Aussicht auf der Friedrichshöhe mit Blick bis zum Fernsehturm auf dem Alexanderplatz in Berlin, die alten Gebäude im Rücken, unvergleichlich!

Rummel oder Muckergarten? Wo ist ihr Lieblingsort auf der Baumblüte? 

Muckergarten, am liebsten nach einer ausgedehnten Fahrradtour in einer Hängematte unter den Obstbäumen im Zuckerbaum Garten oder im Heuhaufen auf dem Biohof Werder. Auf der Insel geht das aber auch bei unseren Nachbarn Wache in Sonnenuntergangslaune auf dem Heuballen.

Und welchen Obstwein bevorzugen Sie?

Schwarze Johanna, aber nur ein Gläschen, sonst zieht es mir sofort das Fahrwerk weg.

Aus was muss Ihrer Meinung nach ein gutes Frühstück bestehen?

Aus schwarzem Tee mit Milch, und später Obst und Bircher Müsli.

Sind Sie hauptberuflich Künstlerin? Falls nicht, was arbeiten Sie dann?

Inzwischen ja. Aber noch nicht so lange. Beruflich komme ich ursprünglich aus der Medizin, der Neurologie und der ärztlichen Psychotherapie. Das prägt meine Sicht auf meine alltägliche Arbeit und meinen künstlerischen Ausdruck sehr stark. Zum Beispiel die Auseinandersetzung mit Grenzbereichen wie Leben, Ableben, Tod, Zerfall und die Poesie, die dem innewohnt. Wozu denn der lange Weg? Die Zeit brauchte ich, die Gefühle während meiner Patientenarbeit wie Angst, Ohnmacht und auch Aggressionen als wesentlichen Teil von mir zu erkennen. Und darüber zu lernen, dass der dichte Kontakt zu den Menschen, intensives Zuhören und detailliertes Wahrnehmen, mich authentisch zu spüren und dennoch nicht mit ihnen in ihrer Not zu weinen, auf Dauer meine Kräfte übersteigt. Heute bewundere ich die Kollegen, die es für ihre Patienten schaffen, die erschöpfenden Gefühle auf Seiten ihrer Patienten zu belassen und trotzdem bei sich zu bleiben, die zwar menschlich aber doch kontrolliert mit gesunder Distanz eine Stütze sind, verursachende Probleme finden, auf sie hinweisen und Lösungen aufzeigen. Bilder gemacht habe ich schon immer, mit dem Stift oder mit der Kamera. Aber dass diese Fertigkeiten einmal dazu gut sein werden, meinen persönlichen Prozess der Nähe mit anderen, mein Berührtsein von anderen auf Oberflächen zu spielen und zu teilen, das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Aber auf diesem emotionalen Weg bin ich letztlich dazu gekommen, mich den ganzen Tag mit meiner Kunst zu beschäftigen. Das genieße ich heute sehr.

Wovon lassen Sie sich bei Ihrer Kunst inspirieren?

Von der emotionalen Wahrnehmung meiner unmittelbaren Umgebung, auch der natürlichen, aber nicht nur. Mich interessiert dabei eine auch spürbare Bewegung von Strukturen, sowohl ihre Kinetik in jeder Größendimension als auch der Zerfall von Strukturen und deren Eingehen in einen Kreislauf der Natur mit Tod aber auch immerwährendem Neubeginn. Wie verändern sich Strukturen über die Zeit? Wie vergehen Strukturen? Diese Prozesse zu beobachten und meine Gefühlsreaktionen darauf zu ergründen, inspiriert mich jeden Tag aufs Neue. Ich strebe dann danach, diese Auseinandersetzung auf verschiedenen Oberflächen sichtbar zu machen. Die materielle Beschaffenheit, die wiederum Spiegel dieser Strukturen sein kann, inspiriert mich dabei taktil.

Was möchten Sie mit Ihrer Kunst erreichen?

Für mich stehen Menschen im Mittelpunkt – Menschen, ihre Beziehungen, ihre Geschichten. Für mich geht es also eher um die Frage, WEN möchte ich erreichen. Meine Arbeit ist immer sehr nah und persönlich – während meines Arbeitsprozesses tauche ich tief in mein atmosphärisches Erleben ein und genieße es dann, ganz bei mir selbst zu bleiben. Mein Verständnis davon teile ich gerne mit Leuten um mich herum, das kann in einem Gespräch sein, in einem Bild, auch in einem Strickstück. Und in den Momenten des wirklichen Austausches ist auch mein Gegenüber berührt, es entsteht eine Verbindung und Nähe, die beide Seiten bereichert. 

Haben Sie auch noch andere Hobbies als Ihre Kunst? 

Falls ja, erzählen Sie uns mehr!

Ich mag körperliche Bewegung und höre gerne zu, was mein Körper mir zu sagen hat. Dem gehe ich dann manchmal nach mit Schwimmen und Tanzen und auch Yoga zum Beispiel.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Frieden und das Überleben der Demokratie in der Ukraine und falls medizinisch vertretbar, das Ende der Maskenpflicht, vor allem für unsere Kinder und das gegenseitige Lächeln auf der Straße.Des Weiteren das Aufhalten des Klimawandels unter Entstehen und Beibehalten eines Verantwortungsbewusstseins aller Menschen gegenüber unserem Umgang mit Ressourcen und unserer verbliebenen Natur. Mein Sohn (7) möchte gerne Naturforscher werden, wenn er groß ist. Und jedes Mal wird mir, wenn er das erzählt, schwer ums Herz im Hinblick darauf, was ihm hinterlassen wird zum Erforschen.

Welche berühmte Person würden Sie gerne einmal treffen?

Jesus. Ich hätte da einige Fragen an ihn. Und offen gesagt interessiert mich auch, wie er wirklich ausgesehen hat.

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?

Ich habe keinen Nachttisch. Neben meinem Bett liegt ein ganzer Stapel Bücher und ich entscheide dann intuitiv, was ich gerade lesen möchte. Derzeit zieht es mich oft zu einem Erzählband von Franz Kafka, bizarre Figuren und Charaktere, über Seiten plastisch erzählte Seelenwelten, in die ich tief eintauchen kann.

Haben Sie Vorbilder? Welche und warum?

Ja. Meine Großeltern mütterlicherseits, Lotti (*1926, †2014) und Harry (*1927, †2015). Sie waren mehr als 60 Jahre verheiratet, während dieser Zeit vertraut, ehrlich, friedfertig und liebevoll miteinander im Gespräch und konnten sich dadurch sehr nah sein.

Auch Stricken habe ich im Alter von 7 Jahren von Oma Lotti gelernt, die endlose Geduld bewies mir beizubringen, die Dinge nicht durch Ziehen am Faden zu erzwingen, wenn die Zeit dafür nicht reif ist, weil die Dinge eben von allein zum rechten Zeitpunkt geschehen.

Haben Sie einen Lieblingsfilm oder -serie?

Ich bin ein Tatort-Freak, am liebsten jene, in denen Lars Eidinger den Bösewicht spielt. Er tut das wirklich glaubhaft abgründig menschlich.

Haben Sie ein verborgenes Talent?

Ich kann gut hypnotisieren. Natürlich ausschließlich für therapeutische Zwecke. Für Details bin ich gerne zu persönlichem Gespräch bereit.

Lieben Sie Tiere? Wenn ja, Katze oder Hund.

Ja, alle natürlichen Kreaturen, die sind ja immer authentisch. 

Ich lebe mit zwei Katern und einer Hündin zusammen. Und während Katzen vollkommen frei in ihrem Verhalten sind gegenüber menschlichen Konventionen fügt sich die Hündin vorbildlich in unsere Rudelstruktur ein. Sie ist eine unglaublich verlässliche Freundin, dafür auch ein bisschen opportunistisch gegenüber der familiären Alphaperson. Gemeinsam machen die Tiere dann aber auch mal Unsinn. Zum Beispiel holt einer der Kater aus dem Bottich im seichten Havelwasser beim Fischer nebenan die Fische und bringt diese der Hündin als Liebesbeweis, die sie sofort verspeist und vorgibt, nichts sei gewesen, obwohl sich Spuren deutlich finden lassen. Ich muss oft schmunzeln und schätze die Tiere in unserer Familie sehr.