Mit dem Surfbrett über die Havel

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ oder „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“ – Wer kennt nicht diese Sprichwörter, die einem ans Herz legen, sich bereits in jungen Jahren ganz besonders anzustrengen, um im Alter die Früchte seines Einsatzes ernten zu können. Doch der 81-jährige Manfred Kessel aus Töplitz straft diese Weisheiten Lügen.

Werder (Havel) OT Töplitz, 22. November 2021 – Knapp 300 Meter liegt die Töplitzer Badestelle von Familie Kessels Wohnhaus entfernt. Eine Strecke, die Manfred Kessel regelmäßig zurücklegt, ein selbstgebautes Wägelchen mit Surfutensilien hinter sich herziehend. Dabei stets an seiner Seite, Ehefrau Renate Kessel. 

„Sobald ein bisschen Wind weht, schnappt sich mein Mann sein Surfbrett und fährt rauf aufs Wasser“, verrät uns die 79-Jährige bei Kaffee und Kuchen. Ihr gegenüber sitzt Manfred Kessel, der erst vor wenigen Tagen seinen 81. Geburtstag feierte. Wir möchten von dem gebürtigen Töplitzer alles über sein außergewöhnliches Hobby erfahren, das erst recht spät Platz in seinem Leben fand.  

Doch von Anfang an …

Manfred Kessel wurde 1940 geboren und besuchte bis zur dritten Klasse die Grundschule in Töplitz. Mit der Familie ging es 1950 nach Potsdam, wo er 1958 erfolgreich seine Schullaufbahn nach der elften Klasse beendete. Anschließend absolvierte Manfred Kessel eine dreijährige Ausbildung zum Maurer, bis er von 1961-1964 die Ingenieurschule für Bauwesen in Berlin besuchte und diese mit dem Abschluss „Bauingenieur mit Fachrichtung Tiefbau“ abschloss.

„Den Wunsch, eines Tages nach Töplitz zurückzukehren, hatte ich immer“, erinnert sich der 81-Jährige. „Doch zunächst war ich bis 1965 in einer Tiefbaufirma in Frankfurt/Oder tätig, bis ich zur Armee eingezogen wurde. Es war eine harte Zeit damals, aber ich hatte Glück, dass ich ein Instrument gespielt habe – Saxofon. Kultur wurde in der Armee großgeschrieben und so habe ich mit anderen eine kleine Kapelle aufgebaut und konnte täglich üben.“ 

Nach dem Absolvieren der Grundausbildung ging Manfred Kessel weg aus Frankfurt/Oder, beruflich zog es ihn nach Teltow zur Kreisentwurfsgruppe. Hier verantwortete er u.a. den Neubau der damaligen Töplitzer Polytechnischen Oberschule, der jetzigen Inselgrundschule, sowie die Entwicklung ihrer Außenanlage. 

„Manni ist ein unglaublich bescheidener Mensch“, wirft Prof. Ditmar Wick, der das gemeinsame Treffen initiiert hat, schmunzelnd ein. „Aber er war maßgeblich an der heutigen Gestaltung unseres schönen Töplitz’ beteiligt!“ So projektierte Manfred Kessel zum Beispiel zu DDR-Zeiten auch die ehemalige Töplitzer Kegelbahn, wo sich heute die Bäckerei Kühnbaum befindet. „Die Kegelfrauen vom SG Töplitz haben damals sogar den DDR-Meistertitel geholt“, ergänzt Renate Kessel. Sie ist ebenfalls seit Jahrzehnten in der SG Töplitz aktiv. Seit zehn Jahren tanzt sie bei den Line Dancern der SG Töplitz, die schon mehrfach auf der Grünen Woche in Berlin zum Werdertag aufgetreten sind.  

Bis er sich 2005 in die wohlverdiente Altersrente verabschiedete, war Manfred Kessel 14 Jahre als Sachbearbeiter bei der Bauaufsicht des Landkreises Potsdam-Mittelmark beschäftigt. 

Musik und Sport …

Während all der Jahre war die Musik immer ein treuer Begleiter. „Ich habe damals in einer Band gespielt – in der Richard Ringel Kombo“, erzählt Manfred Kessel lachend. „Wir haben Tanzmusik gemacht und auf allerlei Veranstaltungen in Potsdam und den Werderaner Ortsteilen gespielt. Das war eine dolle Zeit.“ Und auch als Fußballer beim SG Töplitz feierte der Rentner damals tolle Erfolge.

Doch seine eigentliche Passion lernte er während eines Urlaubs kennen: „Ich habe Surfer auf dem Wasser gesehen und wusste gleich: Das wollte ich auch machen!“ Und so fing Manfred Kessel im Alter von 64 Jahren mit dem Windsurfen an. 

Er erinnert sich: „Das erste Mal auf dem Brett war fürchterlich! Ich bin bestimmt 20 Mal aufs Brett gestiegen und wieder ins Wasser gefallen. Als ich mich dann oben auf den Beinen halten konnte, bin ich raus aufs Wasser gefahren, habe dort gedreht und bin wieder zurück gefahren. Ich habe keine Ahnung, wie ich das geschafft habe!“  

Die Anfänge haben den Töplitzer unglaublich viel Kraft und Zeit gekostet, doch trotz vieler Rückschläge ist er hartnäckig dabei geblieben und bewegt sich heute auf dem Surfbrett, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. „Surfen ist ein wunderbarer Sport!“, schwärmt Manfred Kessel. „Gemeinsam mit Surfbegeisterten aus Töplitz und Phöben haben wir eine Surfgemeinschaft ins Leben gerufen, die einmal im Jahr ein Surfwochenende an der Ostsee verbringt.“ 

Die idealen Bedingungen fürs Surfen sind, wie uns Prof. Ditmar Wick erzählt, „Sonnenschein und Wind aus Nord-Ost“. Doch auch bei Regen schnappt sich Manfred Kessel sein Surfequipment und fährt raus aufs Wasser, zuletzt war er Mitte Oktober auf dem Bord. 

Sonntags backt Renate Kessel immer einen Kuchen und nimmt ihn mit zur Badestelle. Die gebürtige Potsdamerin kam vor 41 Jahren der Liebe wegen nach Töplitz. Sie verrät uns: „Ich habe es nie bereut, Potsdam verlassen zu haben, doch manchmal fühle ich mich hier auch etwas einsam und vermisse den Trubel in der Stadt.“ 

Doch wenn sie ihren Mann beim Surfen beobachtet und den Sonnenuntergang über dem Wasser genießt, wird das Fernweh ein kleines bisschen weniger. (wsw)