Retter müssen auch lernen und üben

DLRG und DRK beim Schulungssamstag in der Mielestraße / Eddy Benkendorf neuer Einheitsführer der Katastrophenschutzeinheit Schnelleinsatzeinheit/Sanitätseinheit des Landkreises PM / Sitz in Werder (Havel)

Gruppenfoto mit Rettungswagen in den Havelauen. Foto: DLRG

Werder (Havel), 23. April 2019 – Ein sonniger Samstagmorgen in Werder, gute Laune-Wetter auch auf dem Stützpunkt der SEG – der Schnellen Einsatzgruppe – in den Havelauen. Während sich andere auf eine Radtour in den Frühling, einen Besuch in der Eisdiele oder vielleicht schon den ersten Grillabend mit Freunden freuen, trafen sich am 23. März hier in der Mielestraße die Kameradinnen und Kameraden von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG. 

Auf private Wochenendplanungen müssen sie oft verzichten. Wenn der Pieper zum Einsatz ruft, wenn es geplante Dienste zu Wasser oder zu Land gibt, oder wenn ein zentraler Ausbildungstag der Sanitätseinheit des Landkreises Potsdam-Mittelmark auf dem Programm steht.

Den Werderaner Stützpunkt gibt es schon seit den 90er Jahren – die Männer und Frauen sind bekanntermaßen nicht nur auf dem jährlichen Baumblütenfest, sondern auch vielen weiteren Großveranstaltungen in der Region anzutreffen.

In der Halle stehen die blitzblanken Autos in Reih und Glied, eine Tafel an der Wand kündet in einer übersichtlichen Tabelle davon, wer mit welchem Wagen unterwegs ist, war oder sein wird, auf welchem Wagen etwas fehlt und ersetzt werden muss, heute ist hier zum Beispiel von einer fehlenden Rettungsschere zu lesen, mit der man auch schwere Motorradkleidung aufschneiden kann.

Es gibt Büroräume, eine kleine Küche und einen Schulungsraum, in dem die ebenfalls hier stationierten Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) gerade frühstücken. „Wenn ihr noch Kaffee wollt …“, wird von nebenan gerufen, „… dann nehmt euch einfach“. Die Zusammenarbeit der DLRG mit dem DRK ist kameradschaftlich. 

Im Büro steht auch eine Couch, wer mal nicht mehr nach Hause kommt – nach der Baumblüte zum Beispiel, wenn der Dienst bis 3 Uhr morgens dauert, kann sich hier ein paar Stunden ausruhen – bis es wieder los geht.

Blitzblank und in Reih und Glied stehen die Fahrzeuge in der Halle in der Mielestraße. Foto: wsw

An diesem Schulungstag begrüßt Verbandsführer Knut Schellhorn die Anwesenden vor der Halle: „Sehe ich bitte mal Zweierreihen?“, mehr fordernd als fragend, aber lächelnd ruft er die Gruppen und Grüppchen zur Ordnung. Zu Gast bei diesem Schulungstag in Werder (Havel) sind Kameraden der DLRG Ortsgruppe Nauen, der DLRG Ortsgruppe Potsdam e.V. sowie die SEG der DLRG Borkheide.

Der Werderaner SEG-Leiter Eddy Benkendorf steht neben dem Verbandsführer Schellhorn und erläutert den organisatorischen Ablauf. Nach der Aufteilung in zwei Gruppen wird sich die eine mit einem Beatmungsgerät und einem Defibrilator vertraut machen, die andere lernt und übt die Beladung eines Gerätewagens Rettungsdienst. „Gegen 14.30 machen wir noch ein Fotoshooting mit einer Drohne und dann wird gegrillt“, kündigt Benkendorf an. „Deshalb gibt es in der Pause um 12 Uhr nichts zu essen – aber ihr habt ja alle gefrühstückt“. Dem leisen Murren hier und da nach zu urteilen ist das nicht bei allen der Fall.

Bevor es dann wirklich losgeht, gibt es noch eine wichtige organisatorische Neuerung zu verkünden. Knut Schellhorn gibt nach zehn Jahren als Einheitsführer der „SEE SanE BHP 25 Landkreis Potsdam-Mittelmark“ – so sperrig kann eine Funktion heißen – das Amt an Eddy Benkendorf ab.

Schellhorn bleibt jedoch bis mindestens Ende des Jahres als stellvertretender Einheitsführer dabei. Ende 2009 hatte er angefangen, damals noch als „Malteser“. Er dankt allen für die Zusammenarbeit und die gemeinsame Zeit und stellt seinen Nachfolger Eddy Benkendorf vor. „Eddy hat Erfahrung, er kommt aus der ‚weißen‘ Schiene, hat noch keine Kinder – das passt erstmal“. Der 28-jährige Werderaner ist derzeit noch in der Weiterbildung vom Rettungsassistenten zum Notfallsanitäter. Benkendorf, zuvor nur für Werder (Havel) zuständig, betreut jetzt den ganzen Landkreis. Seine Aufgaben sind die Führung im Einsatzfall, er ist das wichtige Bindeglied zwischen Einsatzleitung und Einheit und verteilt die Aufgaben an die Helfer, legt fest, wer was zu machen hat. „Oberste Aufgabe“, lächelt Eddy, „ist der Überblick aufs Ganze“.  Auch die Zusammenarbeit mit dem organisatorischen Leiter des Rettungsdienstes und dem Notarzt ist wichtig. „Die sind in der Regel immer dabei“.

Für die ganze administrative Arbeit braucht es jetzt noch mehr Zeit, das weiß er. Aber dafür geht er nicht ins Büro, das macht er zu Hause. Ein Glück, Freundin Sonja Horn hat dafür nicht nur Verständnis, sie ist selbst aktiv in der DLRG.

Als formellen Akt überreicht Burkhard Hempel von der Fachabteilung des Landkreises noch unter dem Beifall der Gruppen die offizielle Berufungsurkunde für den neuen Einheitsführer der „Katastrophenschutzeinheit Schnelleinsatzeinheit/Sanitätseinheit des Landkreises PM“.

Knut Schellhorn, Eddy Benkendorf, Jens Serbser und Burkhard Hempel bei der Begrüßung der Teilnehmer des Schulungstages. Foto: wsw
Eddy Benkendorf erhält von Burkhard Hempel die Berufungsurkunde des Landkreises. Foto: wsw

Dann schwärmen die Gruppen aus. „Wie lange bist du schon dabei?“, halte ich einen Kameraden kurz auf.  „Seit 20 Jahren“, lächelt Jens-Uwe Ernicke. Der Potsdamer ist quasi beispielhaft für das ehrenamtliche Engagement der meisten Kameradinnen und Kameraden hier. Viele sind seit Jahren dabei, oft über zehn oder 20. „Wenn man sich entschließt, dann bleibt man dabei. Die Gemeinschaft schweißt zusammen, man hilft sich dann auch im Privaten, es entstehen Freundschaften, die über das Ehrenamt hinaus gehen“, sind Ernickes Erfahrungen.

„Schön wäre es, wenn noch mehr Leute aus der unmittelbaren Region mitmachen würden“, sagt er. Allein vier seiner Kameraden kommen aus Berlin. Wenn der Pieper losgeht, brauchen die dann etwas länger. Wer mitmachen möchte, meldet sich einfach vor Ort. „Montags sind die Leute von der DLRG hier und mittwochs treffen sich abends die Leute von der DRK, fast jedes Wochenende sind Kameraden vor Ort in der Mielestraße“. Retten, sichern, bergen – ob nun bei der DLRG oder beim DRK – Helfer werden gebraucht. „Technisch interessiert sollte man schon sein, aber alles hier kann man lernen“, wirbt Jens-Uwe Ernicke für das wichtige Ehrenamt. Dann muss auch er los.

Jens-Uwe Ernicke vom ebenfalls in der Mielestraße stationierten DRK. Foto: wsw

Konzentrierte Gesichter in der Gruppe derjenigen, die eine Einweisung in den Defibrilator bekommen. Das Gerät mit den vielen Knöpfen ist ein technisches Wunderwerk, ein „Computer”. Genutzt wird es auch für die Diagnose – Blutdruck messen, EKG schreiben, Pulsoximetrie messen. Die Helfer, die das Gerät kennen lernen, müssen es als Unterstützer für den Rettungsdienst bedienen können. „Vor und nach jeder Anwendung an Patienten muss das Gerät auf die Einsatzfähigkeit und -bereitschaft geprüft werden. Gerade bei der Defibrilation! Jedes Mal ein Gerätetest. So sagt es das Medizinproduktegesetz“, betont der Schulungsleiter. „Wie soll das in einer Situation mit 25 Leuten in einer Stunde klappen?, kommt die berechtigte Frage aus der Gruppe. Die Wahrscheinlichkeit, in eine Situation zu kommen, zu defibrilieren, ist selten, sagt der Dozent. Meist wird das Gerät im Einsatz als Monitor zur Überwachung genutzt werden.

Die Geräte haben eine halbautomatische Defibrilatorfunktion – dabei trifft der Computer die Defibrilationsentscheidung. Und nur die darf der erweiterte Ersthelfer nutzen. Die synchronisierte Defibrilation hingegen dürfen nur Notfallsanitäter und Ärzte anwenden.

Außerdem kann das Gerät als externer Schrittmacher – ebenfalls nur Notfallsanitätern und Ärzten vorbehalten – eingesetzt werden. Wichtig für die Truppe hier ist heute, dass sie lernen, mit dem Gerät die Herz- und Kreislauffunktionen des Patienten zu überwachen.

Aufmerksamkeit bei der Schulung an den Defibrilatoren. Foto: wsw
Vielfältig einsetzbar: der Defibrilator, der auch patientenüberwachende Funktionen hat. Foto: wsw
Blutdruck, Sauerstoffsättigung, EKG - bei der Schulung wird geübt, was in der Praxis schnell und sicher gehen muss. Foto: wsw

Während die Gruppe an den Defibrilatoren in der Halle sitzt, wird der Bereich für die zweite Gruppe im schönsten Sonnenschein vorbereitet. Die silbernen Kisten stehen schon schön in Reih und Glied vor der Rasenkante, der Gerätewagen Rettungsdienst steht offen da. Eine „Eine Bierzeltgarnitur fehlt noch“, merkt Eddy an. Denn alle Kisten werden später von den Helfern ausgepackt – um zu lernen, was sie enthalten. „Das macht sich besser am Tisch“, sagt Eddy.

Im Einsatzfall sind die Helfer vielleicht drei Stunden draußen vor Ort, danach muss der Einsatz dokumentiert, die Fahrzeuge wieder gereinigt werden. „So, als ob es gleich wieder los gehen würde“. Das passiert hier bei der SEG selten, auf einer normalen Rettungswache schon. Koffer greifen und Inhalt nutzen – das muss man im Schlaf können. Jeder Griff muss sitzen, ist die nachvollziehbare Forderung von Burkhard Hempel von der Kreisverwaltung. Aber auch seine Arbeit ist wichtig, er ist der „Herr der Kisten“. „Es muss ja auch darauf geachtet werden, dass nichts abgelaufen ist. Infusionen beispielsweise – da greift der Helfer hin und wenn er optisch nichts sieht, dann setzt er das auch ein. Das ist viel Arbeit hinter den Kulissen, immer für Nachschub und Ersatz zu sorgen.

So genannte „Hilfsfristen“ gibt es bei der Werderaner Truppe nicht, „die gibt es definiert nur bei der Berufsfeuerwehr, die freiwillige Feuerwehr lehnt sich an die acht Minuten an. „Wir sind ja eher die ‚zweite Welle‘ der Rettung“, erklärt Hempel. Zeit ist dennoch wichtig, er verweist dabei auch auf die oft von Gaffern oder verständnislosen Verkehrsteilnehmern verweigerte Rettungsgasse. Auch wenn sich viele Leute inzwischen daran würden, ist er der Meinung, dass nicht nur Rettungsgasse, auch 1. Hilfe und Zivilschutz bereits im Grundschulalter vermittelt werden sollten.

Aufbau um dem Gerätewagen Rettungsdienst in der Mielestraße. Foto: wsw
Der Gerätewagen Rettungsdienst - ein- und auspacken muss geübt werden. Routine ist wichtig. Foto: wsw
Eddy Benkendorf - behält die Übersicht und fasst überall mit an. Foto: wsw
Was ist drin? Der Griff in die Kisten aus dem Rettungswagen muss sitzen - und wird bei Schulungen geübt. Foto: wsw

Über den Tisch von Jens Serbser gehen die großen Einsätze der Region. Er ist seit 16 Jahren Einsatzleiter des Landesverbandes des DLRG und Haupteinsatzleiter der Baumblüte, bei Hochwasser, bei der Erlebnisnacht, der Schlössernacht, beim RBB-Lauf … Nach dem monatlichen Zeitaufwand befragt, meint er, dass er aufgehört hat, die Stunden zu zählen. „Wenn man zählt, kommt man ins Grübeln“, lacht er. Der Potsdamer, der beim Zentraldienst der Polizei in der Pirschheide arbeitet und dort für den Digitalfunk verantwortlich ist, kam durch die DLRG zur Polizei.

Auch er ist schon lange dabei. Vor knapp 29 Jahren lud ihn seine Klassenleiterin ein, einfach mal zum Schwimmen mitzukommen. Ihr Mann war damals Geschäftsführer bei der DLRG in Potsdam. Serbser suchte als Geräteturner einen Ausgleich – Schwimmen war perfekt, er blieb dabei.

So viele Jahre – so viele Erfahrungen. Die Wahrnehmung der Leute außerhalb der Helfer sei unterschiedlich. „Die, die Hintergründe kennen, von denen bekommt man mal ein Dankeschön, frische Brötchen beispielsweise auf der Wasserrettungsstation, oder man wird auf ein Eis eingeladen“.

Mit dem Motorrettungsboot war er unterwegs, erzählt Serbser, und holte sich bei Jannys an der Werderaner Inselbrücke ein Eis. „Und der Hintermann sagte dann: ‚Ich bezahle das‘! Da bekommt man Gänsehaut und dann weiß man wieder, genau deshalb mache ich das. Aber es gibt auch welche, die dann auf dem Wasser sagen: ‚Schau an, die fahren hier mit Blaulicht übers Wasser und bekommen tierisch viel Geld‘. Wir sind ehrenamtlich unterwegs und mussten viel lernen, bevor wir aufs Boot durften. Unter anderem Rettungsschwimmer und Sanitätsausbildung. Das ist meine Freizeit, das machen wir auch bei schlechtem Wetter und wenn es kalt ist. Das sehen sie nicht“.

Ähnliche Erfahrungen machen die Helfer bei der Baumblüte, wenn die Leute einen übern Durst getrunken haben und nicht verstehen, dass bloß Hilfe angeboten wird. „Da bekommt man dann schon mal eine Faust ins Gesicht, wird angespuckt oder beleidigt“. Dabei sind die Einsätze bei der Baumblüte gerade für die Ehrenamtler wichtig, „denn hier lernen sie in der Praxis, sammeln unter Notarzt- und Rettungsassistenz- oder Notfallsanitäterbedingungen wichtige Erfahrungen. „Wir sind ja für Massenanfall von Verletzten da und geschult, bei der Baumblüte geht es meist eher um Hilfsbedürftige“. Aber bei dem traditionsreichen Fest können Abläufe geübt werden: Der Patient kommt rein, wird gesichtet, Maßnahmen werden abgesprochen und dann wird er ins Zelt übergeben.
Wichtig ist hier aber immer, dass Einsatzkräfte nicht überfordert werden, gerade bei Einsätzen mit Kindern ist es schwer. Hier werden im Vorfeld nach Qualifikation und Erfahrung die Aufgaben verteilt, ein Polytrauma ist nichts für ganz frische Sanitäter … Auch der Sturz vom Karussell im vergangenen Jahr wurde von erfahrenen Kräften behandelt.

Routine kommt nicht über Nacht und Übung macht den Meister – dafür, dass die Helferinnen und Helfer von DLRG und DRK einen sonnigen Samstag nicht mit der Familie, sondern beim Lernen und Üben verbringen, ist ihnen unser Dank sicher. Noch mehr aber dafür, dass sie dauerhaft so wichtiges ehrenamtliches Engagement für die Gesellschaft leisten. (wsw)