„Ruderer werden im Winter gemacht“

48 000 Liter Wasser im „Ruderkasten“. Perfekt für das Wintertraining. Hier erlernen aber auch die Kinder die Bewegungsabläufe beim Rudern. Auf dem Bild Michael Wolter, seit 13 Jahren im Ruderklub Werder und erfolgreich bis hin zum Landesmeister im Mastersbereich. Foto (8): wsw

Werder (Havel), 26. Februar 2018 – Fünf Grad über Null, ein bisschen Regen – das Wetter war so lala am 3. Dezember 1918 in Werder. Der 1. Weltkrieg war vorbei, Kaiser Wilhelm II hatte abgedankt, das Ende der Monarchie war besiegelt, die Zeit der Weimarer Republik begann.

Eher unruhige Zeiten also, dennoch trafen sich die Werderaner Fritz Lüdicke und Willi Felsch, Karl Thiel und Emil Herrmann im Restaurant „Rauenstein“ mit weiteren Werderaner Herren zwecks Gründung eines Ruder-Klubs. Insgesamt 14 Gründungsmitglieder gingen engagiert daran, den Rudersport auch in Werder zu etablieren.

Am 3. Dezember 2018 feiert der Ruderklub Werder also sein 100. Jubiläum. Ein runder Geburtstag, den der traditionsreiche Verein mit dem Erscheinen einer Chronik und natürlich einem Fest feiern will.

Geschichtliches

Bereits 1836 wurde mit dem Hamburger der erste Ruderklub in Deutschland gegründet, der Deutsche Ruderverband e. V. (DRV) ist seit seiner Gründung 1883 mit über 30 Ruder-Vereinen der älteste deutsche Sportverband.

Die Bedingungen in Werder waren vorstellbar günstig – Wasser direkt vor der Haustür, auf der Havel wurden schon viele Jahre zuvor Obst oder Ton mit Booten transportiert. Schon ein Jahr nach der Gründung gab es 1919 einen ersten Sieg eines Vierers mit Steuermann aus Werder bei einer Dresdener Regatta. Die „Kirschenjungs“ wurden sie künftig genannt. Im gleichen Jahr fand die erste Regatta in Werder statt. 1921 wurde die Jugendabteilung gegründet – damals wie heute verbindet Alt und Jung die gemeinsame Leidenschaft für den Rudersport. 1922 wurde das Bootshaus erbaut, ab 1932 durften die Damen in einer eigenen Abteilung rudern. Die Regattastrecke verlief damals noch zwischen der Geltower Kirche und dem Dampfer-Anleger am „Prinz Heinrich“. Die Regattastrecke an der Föhse entstand erst in den 70er Jahren – übrigens nach einer Idee des Werderaner Ruderpioniers Kurt Schebel, vorangetrieben vom damaligen stellvertretenden Bürgermeister und Ruderkameraden Werner Große.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Rudersport trotz magerer Zeiten 1947 wieder aufgenommen. Die Erfolgsgeschichte der Ruderer aus Werder in der DDR-Zeit konnte durch Sportenthusiasten fortgeführt werden, Talente wurden entdeckt und gefördert. 1954 holte der Werderaner Doppelvierer mit der Besetzung Helmut Nast, Berndt Nitzke, Wolf-Rudolf Zimmermann, Hans Jörg Dahl und Steuermann Eberhard Wothe den ersten DDR-Meistertitel nach Werder, wie in den Heimatgeschichtlichen Beiträgen 1985 zu lesen ist. Ihnen folgten als nächste „Kirschenjungs aus Werder“ Hartmut Königer und Hans-Joachim Woidtke mit dem Gewinn des DDR-Meistertitels 1964 im Doppelzweier der Junioren, wonach Hartmut Königer dann auch im Senioren-Einer die DDR-Spitze mehrere Jahre hindurch mitbestimmt hat, wie Horst Horn in diesem Beitrag zum 25jährigen Bestehen der BSG Einheit schrieb, der die Ruderer damals als leistungsstärkste Sektion angehörten. Viele Namen müsste genannt werden, die an der Entwicklung des Ruder-Klubs maßgeblichen Erfolg hatten.

Horst Horn berichtet weiter: „Die Erfolgsserie des Werderaner Rudersports setzten aber gewissermaßen auch „Kirschenmädels“ munter fort. So zunächst Sabine Große, die sich 1967 den DDR-Meistertitel bei den Schülerinnen erkämpfte. Dei größten Triumphe einer Rudersportlerin aus Werder feierte schließlich Brigitte Ahrenholz, denn sie wurde nach ihrer Delegierung zu SC Berlin-Grünau im DDR-Achter Weltmeisterin und Olympiasiegerin.“

Auch Ralf Brudel erlernte das Rudern in Werder und konnte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Titel für sich verbuchen. Nur einige: Er wurde Vizeweltmeister im DDR-Achter sowie mehrfacher DDR-Meister im Vierer und Achter, 1987 WM-Gold im Vierer ohne Steuermann, bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul gewann er eine Goldmedaille im Vierer ohne Steuermann und 1992 gewann er dann bei den Olympischen Spielen in Barcelona im Vierer ohne Steuermann die Silbermedaille.

Die Chirurgin Dr. Brigitte Ahrenholz ist aktuell die Klub-Chefin – sie führte wie weitere Klub-Mitglieder, die meisten mit erfolgreicher Rudervergangenheit – jüngst die interessierten Gäste beim Tag der offenen Tür durch die Räume und Anlagen am Bootshaus.
Start war meist am Fahrtenbuch – hier muss sich eintragen, wer auf’s Wasser will. Wer ist draußen, wohin geht die Fahrt, wie viele Kilometer werden wo entlang gefahren. Da geht es nicht nur um die Statistik, da geht es auch um Sicherheit.

Neben dem Rudersport im Zeichen des Kleeblattes wird hier im Verein der Erhalt, der weitere Ausbau und die Pflege der Anlage groß geschrieben. Sogar ein Gästehaus gibt es. Vieles ist ohne Sponsoren – wie bei allen Sportvereinen heutzutage – nicht machbar.
Die Fassade soll gedämmt werden, Außenanlage, Boote und alles weitere Ruder-Material muss gepflegt werden – viel Arbeit, die im Verein von allen gemacht wird – Vorstand, Übungsleiter und Mitglieder – alle packen mit an. Derzeit hat der Ruderklub 134 Mitglieder, davon 30 Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren.

„Ruderer werden im Winter gemacht“ – sagt Brigitte Ahrenholz, bestätigt wird das von Christian Schnetzke, der den Kraftraum auf der Anlage präsentiert. Er wurde schon Landesmeister im Ergometer-Rudern und setzt auf das entsprechende Training, auch an den anderen Geräten, die Kraft und Ausdauer in den kalten Monaten schulen. Die Kinder der Vereins werden im Winter einmal wöchentlich Freitags abends von Kerstin Hartleib, Doppelolympiasiegerin, in der kleinen Sporthalle der Carl-von-Ossietzky-Schule mit Spiel und Sport fit gehalten.

„Rudern“, so Brigitte Ahrenholz weiter, „schult auch das soziale Verhalten“. Sicher ginge es auch immer um sportliche Erfolge, ein Mannschaftsboot ist aber immer nur so stark wie sein schwächstes Mitglied. Und so sei es schon wichtig, im Verein auch Werte wie Disziplin zu vermitteln. Ein Beispiel: „Trainerwort ist Gesetz“. Kameradschaftliches Miteinander aber über alle Altersgrenzen hinweg – das ist aber das Verhalten, das nicht nur im Ruderklub erwünscht ist und gefördert wird.

Neben den Wettkämpfen wird der Zusammenhalt im Verein durch gemeinsame Arbeitseinsätze aber auch den Vereinsfeiern, Urlaubswanderruderfahren sowie einem jährlichen Ski-Lager gefestigt. „Die Kinder haben sogar selbst eine Radtour an die Ostsee organisiert“, ist Ahrenholz stolz auf den Nachwuchs.

Im Jubiläumsjahr soll auf jeden Fall die traditionsreiche Havel-Ruder-Regatta stattfinden. Im vergangenen Jahr musste die 63. Auflage des Wettbewerbes abgesagt werden – die Strecke war aufgrund eines Befalles von Schlingpflanzen nicht befahrbar. Ebenso geplant sind die German-Masters am 2. und 3. Juni. Ein besonderes Geschenk zum 100. Jubiläum macht sich der Ruderklub jedoch selbst. Am 9. Juni 2018 wird Werders schöne Regattastrecke erstmals Austragungsort der Ruder-Bundesliga und sorgt damit nicht nur für bundesweite Beachtung der Blütenstadt als Stadt des Sports, sondern wirbt auch grundsätzlich für den Rudersport. (wsw)


Der Ruder-Klub Werder freut sich immer über neue Mitglieder aller Altersstufe – ob nun aktiv oder fördernd. Der Sport ist geeignet für Kinder ab 9 Jahren. Interessenten melden sich im Bootshaus, Werderwiesen, auf der Insel.